in der letzten Hoffnungsstunde geendet hatte , während seine Kampfgenossen wie von einer Narrenfahrt zurückirrten und den königlichen Märtyrer , zu dessen Erlösung sie den Kreuzzug erhoben hatten , unter dem Henkerbeile fallen sehen mußten . Auch Dorothee hatte sich so friedlich eingelebt , als es in ihrer Lage möglich war . Der Herbst brachte noch heitere Tage , die in das Freie lockten ; die Wunde verharschte in der Stille ländlicher Natur ; die Schande drückte sie nicht , da sie keinem begegnete , der sie ihr vorgeworfen hätte , und an die Sünde - wenn sie die Sünde überhaupt jemals gefühlt - wurde sie um so weniger erinnert , da heuer auch der übliche Weihnachtsbrief Siegmund Fabers ausblieb . Kehrte ich bei meinen Wanderungen durch den auch im Winter belebten Wald in dem einsamen Muhmenhause ein , so fand ich Dorothee flink und zierlich mit einer Handarbeit beschäftigt , wie sie die Sorge für ein junges Leben nötig werden läßt . Die Kinderlaune wachte in ihr auf , sie tändelte mit dem kleinen Gemäch wie zu der Zeit , wo sie unter meinen verwunderten Blicken ihre Puppen ausstaffierte . » Wie reizend ! « rief sie dann wohl aus , indem sie ein Mützchen , mit bunten Glasperlen durchstrickt , auf ihren Fingern wiegte ; » wenn da erst so ein Engelsköpfchen daruntersteckt ! Ach wie freue ich mich . Ich habe Kinder immer so liebgehabt , Fräulein Hardine . « An einem der ersten Frühlingstage , mit Störchen und Drosseln um die Wette , fand ich das neue Erdenkind in dem Muhmenhause eingeflogen . » Zu früh « , wie die bewährte Pflegerin versicherte , wenngleich das Männchen ein gar stattliches Ansehen trug und die junge Mutter sich heil und frisch fühlte wie ein Fisch im Wasser . Freudentränen träufelten auf das Kind in ihrem Schoß . » So schön , so wunderschön ! « rief sie entzückt . » Ach wie habe ich es lieb , wie bin ich glücklich , Fräulein Hardine ! Niemals , niemals könnte ich mich von dem kleinen Engel trennen . « Bei welcher Entzückung Ehren-Justine freilich eine gar hämische Grimasse zog und mir beim Hinausgehen zuraunte : » Das wäre der erste Wildling , der eine dauerhafte Mutterliebe genösse ! Was nicht im Ehebett geboren worden ist , das verfliegt wie Spreu . « Indessen wußte sie , immer unter der Rubrik » zu früh « , schon anderen Tages eine häusliche Nottaufe einzurichten , bei welcher sie und ich Gevatterinnen wurden . Der Knabe erhielt den Vaternamen August und ist unter dem seiner mütterlichen Familie gesetzmäßig durch den Prediger in das Kirchenregister eingetragen worden . Niemand würde leichtlich diesen Namen in den Annalen unseres wüsten Walddörfchens gesucht und aufgefunden haben . Als aber etliche Jahre später der Blitz die Kirchenbücher in der Sakristei vernichtete , da gab es nur noch ein einziges Dokument über August Müllers Geburt , und Ihr werdet es an einer anderen Stelle diesen Blättern beigeheftet finden . Solange Dorothee Bett und Zimmer hütete und ihren Knaben an ihrer Seite liegen sah , hegte sie kein Verlangen , als so lange als möglich in Reckenburg zu weilen und sich späterhin irgendwo häuslich mit ihm einzurichten . » Was kümmern mich die Leute ! « entgegnete sie lächelnd den Einwänden der Muhme ; » ich habe ja mein Kind ! « Die Muhme aber blieb brummend bei ihrem Satz : » Schnickschnack Kind ! Selber noch ein Kind ! Die braucht einen Mann und nicht ein Kind ! « Ich schalt darüber heimlich und laut mit meiner alten Getreuen , zumal als sie auch nach Dorothees Herstellung die Pflege des Knaben ausschließlich in ihrer Hand behielt und ihre Hintergedanken bei dieser Diktatur wenig verhüllte . Möglich allerdings , daß das » halbschürige Lamm , die Dörte « , für des kräftigen Knaben Ernährung sich zu zart erwies , und sehr wahrscheinlich , daß ihre von jeher unliebsame Gegenwart der Alten auf die Dauer lästig fiel . Ganz gewiß aber war , daß der unversöhnliche Schellenunter von neuem seine Streiche spielte . Sie ahnte ja nicht , daß er im verwichenen Sommer die Orakelweisheit bereits wahr gemacht hatte . Er lauerte noch immer , und jetzt doppelt bedrohlich , unter der Kappe der anrüchigen Dirne , zu deren Patronin ihr Fräulein sich erhoben hatte , und so ruhte sie denn auch nicht , bis sie die Gefährliche außerhalb des Weichbildes sah , das sie , seitdem sie selbst sich darin niedergelassen hatte , für ihres Fräuleins eigentliche Heimat hielt . Dorothee aber , wie sie die Ernährung ihres Kindes einer Ziege und seine Wartung einem despotischen Willen überlassen mußte , wie sie müßig in dem dürftigen Waldhause unter dem schnöden Gebaren ihrer Wirtin gebannt saß , da merkte ich gar wohl , daß das Herz sich im stillen nach der Freiheit und dem Behagen des eigenen Heimwesens zu sehnen begann . Sie langweilte sich , sie wurde unruhig . » Was soll aus mir werden ? « seufzte sie und klagte : » Ich bin doch recht unglücklich , Fräulein Hardine . « Ich hatte in diesem Jahre den gewohnten Reisetermin vorübergehen lassen , weil die Stimmung der Gräfin und die mit dem Frühling wachsende Tätigkeit eine ununterbrochene Vermittelung zwischen Turm und Flur notwendig machten . Zwischen Saat- und Erntezeit gedachte ich auf etliche Wochen heimzureisen und hatte mich zum voraus für eine Postfahrt entschlossen . Zählte ich auch erst achtzehn Jahre , so fühlte ich mich seit den Erfahrungen des vorigen Sommes selbständig genug , um getrosten Mutes eine Reise um die Welt ohne Begleitung anzutreten . Schon im Mai wurde ich indessen durch einen aufregenden Zwischenfall in die Heimat zurückgerufen . Des Vaters Regiment gehörte zu dem Kontingent , das der Kurfürst zu dem Reichskriege gegen Frankreich gestellt hatte ; der Vater selbst aber war bei den Depots zurückgeblieben , und wir alle , obgleich gewiß keine weichlichen Naturen , fühlten uns dessen froh . Was