Erquickung und Freude für die Einsame gewesen ; noch sah er ihre freundlichen Augen aufstrahlen , wenn er ein neuangekommenes Heft auf ihren Tisch legte . » Da haben wir ja gleich die Erbfeinde der heiligen Kirche beisammen ! « murmelte sie . » Diese Schandblätter , diese höllischen Sudeleien ! Ja , ja , sie hat ' s arg getrieben , die gottvergessene alte Jungfer , und ich bin gezwungen gewesen , so viele Jahre lang den unsauberen Geist unter meinem Dache zu dulden . « Sie richtete sich empor und sah hinter die Glasscheiben . Bei dem Anblick der Noten klang eine Art kurzen , rauhen Gelächters von ihren Lippen . Sie schloß den Schrank auf und befahl Heinrich , einen Waschkorb zu holen . Was von Büchern und Notenheften auf den Regalen lag , mußte er in den Korb räumen . Er zerbrach sich den Kopf , was wohl das Schicksal dieser schönen Bücher sein würde , die so oft dort auf dem Flügel gelegen und von denen die alte Mamsell so köstliche Musik abgelesen hatte . Die große Frau stand neben ihm und sah streng darauf , daß kein Blättchen zurückblieb ; sie selbst rührte nichts an , es sah fast aus , als fürchte sie , ihre Finger daran zu verbrennen . Schließlich befahl sie dem Hausknecht , den Korb in das Vorderhaus zu tragen . Sie verschloß alle Thüren der Mansardenwohnung sorgfältig und folgte ihm . Zu Friederikens Aerger , der solche Besuche ein Greuel waren , trat sie in die Küche ; Heinrich mußte seine Last niedersetzen und eine Papierschere aus dem Wohnzimmer bringen . Die alte Köchin hatte gerade starkes Bratfeuer . » Heute kannst du das Holz sparen , Friederike ! « sagte Frau Hellwig , ergriff ein loses Heft und warf es in die Flammen . Die zierlichen Mappen mit der kostbaren Handschriftensammlung der alten Mamsell lagen obenauf in dem Korbe . Die seidenen Bandschleifen , mit denen sie zusammengebunden waren , lösten sich , eine nach der andern , unter den ruhig und beharrlich manipulierenden Fingern der großen Frau ... Hei , wie das loderte und fraß ! Hier strahlte noch einmal der Name » Gluck « im roten Glanze , dort glühten die Notenköpfe einer brillanten Schlußkadenz Cimarosas wie feurige Perlen , um dann in ein und demselben Flammenmantel unterzugehen , der Italiener , Deutsche und Franzosen parteilos umfaßte . Heinrich hatte im ersten Augenblick fassungslos dabeigestanden - der Grimm schnürte ihm die Kehle zu . Noch lag die Leiche der armen Einsamen über der Erde , und dieses gefühllose Weib da hauste bereits in der Hinterlassenschaft und plünderte und zerstörte , wie kaum der roheste Kriegsknecht in Feindesland . » Aber , Madame , « sagte er endlich , » es könnte doch ein Testament da sein ! « Frau Hellwig erhob ihr von dem Feuer rot angestrahltes Gesicht , es zeigte ein Gemisch von Hohn und Unwillen . » Seit wann habe ich dir denn erlaubt , mir gegenüber deine weisen Bemerkungen zu machen ? « fragte sie beißend . Sie hatte eben das Bachsche Opernmanuskript in den Händen , von welchem die alte Mamsell neulich gesagt , daß es , als nur in diesem einzigen Exemplare vorhanden , dereinst mit Gold aufgewogen werden würde . Energischer als vorher und mit einem ganz besonderen Nachdrucke zerriß und zerschnitt sie die Blätter in Atome und stopfte sie unter die Bratröhre . In diesem Augenblick wurde draußen die Hausglocke stark angezogen . Heinrich ging , zu öffnen . Ein Justizbeamter in Begleitung eines Gerichtsdieners trat ein . Er verbeugte sich vor der verwundert aus der Küche kommenden Frau des Hauses und stellte sich in seiner Eigenschaft als Amtskommissär vor , der beauftragt sei , den Nachlaß der verstorbenen Fräulein Cordula Hellwig zu versiegeln . Vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben verlor Frau Hellwig ihre eiserne Ruhe und Kaltblütigkeit . » Versiegeln ? « stotterte sie . » Es liegt ein Testament bei der Justizbehörde . « » Das ist ein Irrtum , « fuhr sie heraus . » Ich weiß ganz genau , daß sie nach dem Willen ihres Vaters kein Testament machen durfte - es fällt alles an das Haus Hellwig zurück . « » Thut mir leid , « sagte der Beamte achselzuckend . » Das Testament existiert , und so sehr ich auch bedaure , inkommodieren zu müssen , meine Pflicht zwingt mich , die Versiegelung sofort vorzunehmen . « Frau Hellwig bis sich auf die Lippen , ergriff den Schlüssel zur Mansardenwohnung und schritt dem Herrn voran . Heinrich aber lief triumphierend hinauf zu Felicitas , die bereits ihr Amt als Kinderwärterin wieder verwaltete , heute jedoch zu Aennchens Verwunderung starr und stumm wie eine Statue neben der plaudernden Kleinen saß . Heinrich teilte ihr das Vorgefallene mit . Bei der Beschreibung des Autodafé fuhr sie empor . » Einzelne Blätter waren es , die sie verbrannte ? « fragte sie mit erstickter Stimme . » Ja , einzelne Blätter . Sie lagen in roten Mappen , schöne Bänder hingen dran - « Sie hörte nicht mehr auf ihn und eilte hinab in die Küche . Da stand der Korb , er enthielt noch verschiedene Klavierauszüge und Notenhefte , aber die Mappen lagen geöffnet und zerstreut auf dem Ziegelfußboden , auch nicht ein einziges Blättchen lag mehr darin . Der Zugwind hatte einen kleinen zerrissenen Papierfetzen in die Herdecke geweht . Felicitas hob ihn auf . » Johann Sebastian Bachs eigenhändig geschriebene Partitur , von ihm erhalten zum Andenken im Jahre 1707 . Gotthelf von Hirschsprung « las sie mit überströmenden Augen ... Das war das letzte Ueberbleibsel des geheimnisvollen Manuskriptes - die Melodien waren verstummt für ewig . Allem Anscheine nach hatte Frau Hellwig anfänglich nicht die Absicht gehabt , um des Todesfalles willen die Vergnügungsreise ihres Sohnes zu unterbrechen , aber nach der Versiegelung , von der sie sehr echauffiert , mit einem unglaublich grimmigen Gesichte zurückgekehrt war , warf sie hastig