hatte sich das Ferbersche Familienleben womöglich noch freundlicher gestaltet als bisher . Die Gouvernante fühlte sich seit langer , trostloser Zeit zum erstenmal wieder heimisch angeweht und von Liebe umgeben . Ihr warmes Fühlen , bis dahin ängstlich bewacht und zurückgehalten , brach jetzt hervor und ließ sie im Vereine mit ihrem reichen Wissen höchst liebenswürdig erscheinen . Sie trachtete sich nützlich zu machen , wo sie konnte . Namentlich beschäftigte sie sich viel mit dem kleinen Ernst , der unter ihrer Anleitung eifrig englische und französische Vokabeln lernen mußte ; auch Elisabeth suchte von dem Aufenthalte der Miß Mertens auf Gnadeck so viel Vorteil wie möglich zu ziehen . Sie studierte emsig , denn das war ja die beste Abwehr für alle trübe Grübelei . Die Uebungsstunden bei Fräulein von Walde hatten mittlerweile ihren regelmäßigen Fortgang . Hollfeld , der nur auf einen Tag nach Odenberg gegangen war , kam nach wie vor als eifriger Zuhörer und bot alles auf , einen Moment des Alleinseins mit Elisabeth zu gewinnen . Er hatte es schon einigemal so schlau einzurichten gewußt , daß Helene während der Pause aufgestanden war , um irgend einen besprochenen oder von ihm gewünschten Gegenstand in einem anderen Zimmer zu holen ; allein er erreichte einen Zweck nicht , denn Elisabeth ging zugleich hinaus und ließ sich von dem Bedienten ein Glas Wasser geben . An ein Begegnen auf dem Nachhausewege durfte er auch nicht denken , da Miß Mertens regelmäßig mit Ernst kam , um das junge Mädchen abzuholen ... Dieses stete Vereiteln seiner Wünsche machte ihn endlich ungeduldig und rücksichtsloser . Die Hand fiel von dem Gesichte , er trug seine Leidenschaft unverhohlen zur Schau , und nur ihrer Kurzsichtigkeit verdankte es Helene , daß ihr eine schmerzvolle Entdeckung vorderhand noch erspart blieb ... So wurden Elisabeth die Gänge ins Schloß immer peinlicher , und sie dankte Gott , als endlich das beabsichtigte Fest heranrückte , denn mit ihm hörten dann wenigstens die täglichen Uebungsstunden auf . Es war am Tage vor dem Geburtsfeste des Herrn von Walde , als Reinhard nachmittags bei einem Besuche auf Gnadeck erzählte , daß bereits ein Gast unter im Schlosse angekommen sei » Der Flederwisch hat uns noch gefehlt ! « meinte er ärgerlich . » Wer ist denn das ? « fragten lachend Frau Ferber und Miß Mertens zugleich . » Ach , eine sogenannte Freundin von Fräulein von Walde , eine Hofdame aus L. Sie will beim Arrangement des Festes helfen ; gnade Gott den armen Leuten , die kehrt das Unterste zu oberst ! « » Ah , Fräulein von Quittelsdorf ! « rief Miß Mertens noch immer lachend . » Nun ja , die hat allerdings Quecksilber in den Adern , sie ist entsetzlich oberflächlich , aber von Herzen nicht böse . « Später ging Elisabeth in Reinhards Begleitung hinunter nach Lindhof . Als sie in die Nähe des Schlosses kamen , wurde gerade Herrn von Waldes Reitpferd an die große Freitreppe mitten der südlichen Fronte geführt . Gleich darauf trat er selbst aus der Glasthüre , mit der Reitpeitsche in der Hand , und stieg die Stufen hinab ... Elisabeth hatte ihn nicht wieder gesehen seit jenem Nachmittage , wo er ihr so rauh und rücksichtslos begegnet war : er erschien auffallend bleich und finster . In dem Augenblicke , als er sich auf das Pferd schwang , erschien eine junge Dame in weißem Kleide auf der Treppe . Sie war sehr hübsch und eilte mit graziösester Leichtigkeit hinunter , um das Pferd auf den Hals zu klopfen und ihm ein Stück Zucker zu reichen . Fräulein von Walde , die an Hollfelds Arm mit ihr zugleich herausgetreten war , blieb oben stehen und winkte ihrem Bruder grüßend mit der Hand zu . » Die junge Dame ist Fräulein von Quittelsdorf ? « fragte Elisabeth . Reinhard bejahte mit einem mißvergnügten Gesichte . » Ihre äußere Erscheinung gefällt mir , « meinte das junge Mädchen . » Herr von Walde scheint sich gern mit ihr zu unterhalten , « fügte sie leise hinzu . Der Reiter bog sich in diesem Augenblicke vom Pferde herab und schien nachdenklich auf das zu hören , was ihm die junge Dame vorplauderte . » Je nun , er will nicht grob sein und läßt sich das Geschwätz einen Moment gefallen , « sagte Reinhard weiterschreitend . » Die spricht das Blaue vom Himmel herunter und ist im stande , dem Pferde in die Zügel zu fallen , wenn er davon will , ehe sie mit ihrem Kapitel fertig ist . « Inzwischen waren sie in das Vestibül getreten . Elisabeth verabschiedete sich hier von Reinhard und begab sich hinauf in das Musikzimmer , wo sich alsbald auch Fräulein von Walde und Hollfeld einfanden . Erstere ging noch einmal in ihr Ankleidezimmer , um ihre ein wenig derangierten Locken in Ordnung bringen zu lassen ; diesen Moment benutzte Hollfeld und trat eilig auf Elisabeth zu , die sich in die Fensternische zurückgezogen hatte und in einem Notenhefte blätterte . » Wir wurden neulich abscheulicherweise gestört , « flüsterte er . » Wir ? « fragte sie ernst und mit Nachdruck und trat einen Schritt zurück . » Ich hatte allerdings Ursache , mich über Störung zu beklagen , und muß gestehen , daß ich sehr entrüstet war , meine Lektüre unterbrochen zu sehen . « » Ah , jeder Zoll eine Fürstin ! « rief er scherzhaft , aber mit unterdrückter Stimme . » Ich habe übrigens durchaus nicht beabsichtigt , Sie zu beleidigen , im Gegenteil , wissen Sie nicht , was die Rose sagt ? « » Gewiß , sie hat sicher gemeint , es sei tausendmal schöner am Zweige zu sterben , als zu einem so unnützen Zwecke abgerissen zu werden . « » Grausame ! ... Sie sind hart wie Marmor ... Ahnen Sie denn gar nicht , was mich täglich hierher zieht ? « » Ohne Zweifel die Bewunderung für unsere großen Tonmeister .