eine schöne Gegend , und etwas Latein kann gar nicht schaden . Wissen Sie , es gibt so viele Fremdwörter in der Welt und dergleichen . Latein ist auch eine sehr schöne Gegend und gar nicht zu verachten , aber immer mit Maß , immer mit Maß . Na , trichtern Sie nur , ich will die Augen schon offenhalten . « Hans Unwirrsch zuckte die Achseln und fing an zu » trichtern « und ließ es sich sauer werden , die hundertfünfzig Taler sowie die freie und angenehme Station durch die Allotria , die er lehren konnte , zu verdienen . Über seine Zöglinge hatte er sich übrigens nicht zu beklagen ; es waren aufgeweckte , muntere Knaben , welche schnell auffaßten und begriffen . Die materielle Verpflegung in diesem Hause ließ auch wieder nichts zu wünschen übrig , und der Fabrikant gab der Nachbarschaft sehr stattliche Mittags- und Abendmahlzeiten , von denen der Hauslehrer nicht ausgeschlossen wurde . Die Hausherrin konnte grob sein , wurde aber eigentlich doch nie beleidigend ; Eleonore war zart , betrachtete aber doch nicht jedes männliche Wesen als einen Stamm , der es ruhig dulden müsse , wenn er mit Lianenarmen umrankt werde . Jeder tat pünktlich seine Pflicht , man stand früh auf und ging früh zu Bett ; man gähnte nur am Abend nach getaner Arbeit , wenn man das Recht dazu hatte . Was die Gegend anbetraf , die der Prinzipal ebenfalls eine » schöne « nannte , so hatte Hans Unwirrsch noch niemals eine so platte gesehen , und man konnte nicht sagen , daß die Neuigkeit eines solchen Anblicks einen großen Reiz für ihn gehabt hätte . Die Aussicht blieb überall dieselbe , man sah von jedem Standpunkt aus zwei oder drei Dörfer , zehn bis zwanzig hohe Schornsteine , zehn bis zwanzig Windmühlen und hie und da einige zerrissene Fichtenbestände . Kornfelder gab es wenige ; aber sehr schöne Zuckerrüben wuchsen bis über den fernsten Horizont hinaus , trugen jedoch auch nichts zur Verschönerung der Landschaft bei . Auf engen Pfaden wandelte zwischen dieser nutzbringenden Vegetation der , welcher spazierenging , und nichts in der Nähe und nichts in der Ferne hinderte ihn , sich geistig in die wundersamsten paradiesischen Gegenden der Erde zu versetzen ; wenn der Unglückliche Phantasie besaß , so hatte sie den weitesten Spielraum , sich zu entfalten . Schwer sank das Leben auf Hans Unwirrsch herab . Er erwachte des Morgens und verwunderte sich gar nicht , alles noch auf seiner Stelle zu finden . Er , der immer in der Einsamkeit und Stille gelebt hatte , fing an , hier wie ein lebendig Begrabener zu leiden ; Ketten , von deren Existenz er bis jetzt keine Ahnung gehabt hatte , fühlte er nun an Händen und Füßen , und ihr Geklirr fing an , ihn in tiefster Seele zu ängstigen . Wenn er sein unruhig Herz aus den schwarzen Mauern der Fabrik auf die Feldwege trug , schritt er , der sonst die Kunst des Schlenderns aufs höchste ausgebildet hatte , so hastig hin , als ob er einem Gefängnis entflohen sei und die Verfolger hinter sich höre . Mehr als je dachte er jetzt wieder an den verschollenen Moses , und allerlei bunte Phantasien über das Los , welches diesem zuteil geworden sein mochte , kamen ihm in den Sinn . Wunderliche Ideen und Wünsche kehrten jetzt seltsamerweise in verdoppelter Stärke wieder . Vergebens suchte er dieselben zu bekämpfen , vergebens sagte er sich täglich vor , daß er mit ihnen eigentlich schon vor langen , langen Jahren in dem Hause des Kanzleidirektors Trüffler in seiner Vaterstadt gebrochen habe ; - sie waren immer wieder da und ließen sich nicht so leicht vertreiben wie damals , als Hans noch mit Moses Freudenstein auf die Schule ging . Seltsam war ' s in Hinsicht auf Hans , doch kein Wunder überhaupt , daß diese Wünsche nach einer freiern , weitern , schönern Welt sich regten . Es mußte so herrlich sein und so nutzbringend , inmitten eines strebenden Gewühls der Intelligenzen zu leben . Dort allein , wo alle Grade und Schattierungen der menschlichen Gesellschaft auf dem Kampfplatz vertreten waren , in den großen Städten , konnte man den Menschen und das , was über dem Menschen ist , erst recht erkennen lernen . In der Öde und Abgeschiedenheit lernte Hans Unwirrsch seinen Freund Moses begreifen ; aber die Maschen des Netzes , welches ihn gefangenhielt , lagen dicht und unzerreißbar um seine Glieder , und je mehr er zappelte , desto erstickender zogen sie sich um ihn zusammen . In diesem Netze tötete ihn fast der Hunger . Er konnte seine Stellung nicht verlassen . Durch einen guten , sichern Kontrakt hatte ihn der Prinzipal auf drei lange Jahre gebunden , und nur er - der Prinzipal - konnte diesen Kontrakt aufheben . Trichtern mußte Hans Unwirrsch , wenn nicht die Götter sich ins Mittel legten und ihn aus der selbstverschuldeten Knechtschaft erlösten . Daß dieses geschah , mußte der Befreite für ein hohes Glück nehmen , obgleich es die Folge sehr trauriger Ereignisse war . Es brach in der Gegend gegen Mitte des Herbstes eine böse Krankheit aus , die viel Ähnlichkeit mit dem Hungertyphus hatte . Sehr viele Leute starben daran , sehr viele trugen ein lebenslängliches Siechtum davon , und sehr , sehr viele der Überlebenden fanden sich , wenn die Leichen aus den Häusern geschafft waren , in der drückendsten Not und Armut . Auch der ärmste Mensch kann zuletzt den Hunger und die Sorge nicht mehr ertragen , und leider macht er dann keine schriftlichen Eingaben an die Behörden , sondern er schlägt mit der Faust an die Tür der Leute , welche noch etwas zu essen haben . Letzteres geschah denn auch diesesmal an dieser Stelle . Das Murren des Arbeitervolkes wurde zur Meuterei ; man demolierte ein wenig und warf sehr viele Fenster ein , man sprach davon , daß es nützlich sein