Oswald zurückkommen wird . Er sollte eigentlich schon hier sein . In diesem Augenblick kam das Mädchen herein , um Franz eine Karte zu bringen . Ist der Herr noch draußen ? rief Franz aufspringend . Nein , Herr Doctor . Er fragte ob Sie allein wären . Ich sagte , Herr Bemperlein sei noch im Zimmer . Da sagte er , er wolle ein ander Mal wieder kommen , und ging fort . Wer ist es ? fragte Sophie . Oswald ! erwiderte Franz . Fatal ; ich hätte ihn gern gesprochen . Sechszehntes Capitel Oswald war vor einigen Stunden in Grünwald angekommen . Der frühe Herbstabend brach bereits herein , als er sich auf der Chaussee der alten Stadt näherte . Die hohen Thürme dämmerten wie Ossianische Riesenleiber durch den wogenden grauen Nebel ; Nebel zog auf den tiefen Wiesen zwischen der Chaussee und dem Meere ; Nebel wallte auf der weiten Wasserfläche zwischen dem Festlande und der Insel . Oswald hüllte sich fröstelnd dichter in seinen Mantel und drückte sich in die Ecke des Cabriolets . Was wollte er in Grünwald ? Er wußte es selber nicht . Auch die kleinen von den Nordoststürmen kahlgefegten Bäume an der Westseite , die an seinem dumpfen Blick in öder Monotonie vorüberhuschten , wußten es nicht ; auch die starkknochigen Postgäule , die von der Nässe triefend , vornübergebeugten Kopfes mechanisch dahintrotteten , wußten es nicht ; auch der alte , schnauzbärtige Conducteur , der vor lieber langer Weile eine Passagierliste zum hundertstenmale aus der Seitentasche herausholte und durchblätterte , wußte es nicht . Es wußte es eben Keiner , es hätte denn die Krähe sein müssen , die sich im Walde verspätet hatte und jetzt einsam und melancholisch über den Postwagen weg zur Stadt zog und im Nebel verschwand . Einsam und melancholisch ! und doch durfte sie sicher sein , in den Thürmen der altersgrauen Kirchen , auf den langen Dächern der hohen Giebelhäuser eine Schaar von Brüdern und Schwestern zu finden , die sie mit heiserem Gekrächz willkommen heißen würden ; und irgendwo ein Mauerloch , in welchem sie über Nacht , während der kalte Nachtwind durch die Schalllöcher und um die Schornsteine pfiff , von dem sommerlichen Leben im grünen Tannenwalde behaglich träumen konnte . Wer aber harrte seiner in der ganzen öden Stadt ? wo sollte er einen Ruheort finden ? Und die Bäume tanzen immer gespenstiger an dem Wagen vorüber ; und die Gäule schütteln immer ungeduldiger die schweren Kummete , und der Nebel ballt sich immer dichter und finsterer zusammen , und durch den dichten , finstern Nebel schauen trübäugig einzelne Lichter , und jetzt schlägt der Huf der müden Pferde auf das Pflaster , und jetzt rollt der Wagen über die Zugbrücke , durch das enge Thor in die engen , winkligen , schlechtgepflasterten Straßen der Stadt und hält vor dem Postgebäude still . Die plötzliche Ruhe nach dem viele Stunden lange Klappern , Schütteln und Stoßen ist unendlich süß für den , welcher das Ziel seiner Reise erreichte , und unbeschreiblich unheimlich für den , dessen Reise kein Ziel hatte , oder dem das erreichte Ziel kein erwünschtes ist . Er möchte , das Klappern , Schütteln und Stoßen begönne von Neuem , und es klapperte , schüttelte und stieße ihn weiter und weiter , von allen Menschen weit in die ewige Nacht . Ein ödes , unwohnliches Gemach ; zwei eben angezündete Kerzen auf dem Tisch vor dem Sopha ; ein Koffer auf dem Gestell , eine Hutschachtel auf dem Stuhl daneben ; rings umher Stille , nachdem der Tritt des Kellners auf dem langen , schmalen Corridor verhallte - Oswald fand diese Situation wenig dazu angethan , einen Melancholischen heiter zu stimmen . Er beeilte sich , aus dem Gemache und aus dem Hause zu kommen . Es war ursprünglich seine Absicht gewesen , Franz aufzusuchen , den einzigen in Grünwald , von dem er eines herzlichen Empfanges , eines freudigen Willkommens versichert sein durfte ; aber er gab diese Absicht bald wieder auf und wanderte ziellos und zwecklos durch die Straßen . Er hatte sich niemals eben sehr heimisch gefühlt in Grünwald ; aber so wildfremd , wie heute , war ihm die Stadt selbst in den allerersten Tagen seines ersten Aufenthalts nicht erschienen . War es nur die Folge seiner düsteren Stimmung , war es der dunkle , neblige Abend - er erkannte die Straßen , die Plätze , durch die er doch schon so oft gewandert war , gar nicht wieder , und wenn er sich wirklich an Dies oder Jenes zu erinnern glaubte , so war es nur , wie man in einem Traum Unbekanntes und Weites , Nahes und Fernes chaotisch durcheinander mischt . Endlich gerieth er in eine der Straßen , die nach dem Hafen führen . Hier war er mehr zu Hause , denn der Hafen mit seinem Gewimmel von Booten und Schiffen , seinem Meerdunst und Theergeruch , seinen monoton klingenden Matrosenliedern und rastlos klopfenden Hämmern und Beilen und knirschenden Sägen war ihm der liebste Punkt der Stadt und das beinahe tägliche Ziel seiner Spaziergänge gewesen . Aber auch an dieser sonst belebtesten Stelle der alten Hansestadt war es heute Abend öde und todt . Hier und da schimmerte durch ein Kajütenfenster ein Licht ; dann und wann erscholl von dem Verdeck eines Schiffes das Bellen eines Hundes oder der heisere Ruf eines Matrosen - sonst Nacht und Schweigen überall . Er wanderte auf dem weit in ' s Meer hineingebauten Damme , an welchem nach der Seeseite zu Fahrzeug neben Fahrzeug ankerte , bis zu der äußersten Spitze . Hier stand er , in dumpfes Brüten und Sinnen versunken , lange Zeit und schaute mit untergeschlagenen Armen in die dichte Finsterniß hinaus , die auf dem Meere lagerte , und horchte auf das leise , gleichförmige Plätschern des Wassers , das unter ihm unaufhörlich an den Quadern des Dammes leckte und züngelte . War , was da vor ihm lag