und mit ernstem Gesichtsausdruck Herr Alfons ; » aber du wirst mir glauben , daß ich es nicht thue , um die unanständigen Bewegungen zu sehen , sondern daß ich bei mir denke : du willst doch einmal sehen , wie weit eigentlich die Verworfenheit des menschlichen Geschlechtes zu gehen im Stande ist . « » Ah ! mein lieber Schwager , « entgegnete entrüstet der Maler , » dazu brauchst du weder das Theater noch dein Opernglas ; das kannst du viel näher haben . « » Arthur ! Arthur ! « rief der Commerzienrath . » Muß man denn beständig bei euch den Vermittler machen ! Immer Reibereien und unangenehme Reden ! Ich werdet Mama noch verdrießlich machen . « » Das ist möglich ; aber auf die Gefahr hin , Mama verdrießlich zu machen , erkläre ich , daß , wenn ihr lebende Bilder aufführen wollt und dazu keine ordentlichen Costüme anschafft , mögt ihr diese her bekommen , woher ihr wollt , aus der ganzen Sache nichts Rechtes werden wird und ich mich nicht da hinein mischen kann . « Die Commerzienräthin versicherte , sie würde das Beste in dieser Sache auszuwählen wissen , und es dann wie immer verstehen , ihren Willen durchzusetzen . Darauf erhob sie sich mit aufrechtem Haupte aus ihrer Sophaecke und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch . Marianne ging in ihre Wohnung hinauf , nachdem sie einen fast vergeblichen Versuch gemacht , von dem Gemahl ein freundliches Wort zu erhalten . Herr Alfons drückte die Brille fester an die Augen , knöpfte seinen Rock zu und schickte sich an , in das Comptoir hinabzusteigen , wo Commis und Lehrlinge diesem Augenblicke mit einem unbehaglichen Gefühl entgegen sahen . Der Commerzienrath schloß sich in sein Kabinet ein , um seine Zeitungen zu lesen und über das Fallen und Steigen der Papiere nachzudenken . Arthur aber ging in sein Atelier , das er nur im Hintergebäude des elterlichen Hauses haben durfte ; Mama hatte sich ein für allemal dahin ausgesprochen : sie wolle ihr Haus rein erhalten . Sechszehntes Kapitel . Eine Mutter und ihr Kind . Es war nun vollkommen Winter geworden , das heißt , die Erde war nicht blos von starkem Frost erstarrt , sondern sie hatte auch die bekannte weiße Livree angezogen und verschwunden waren von ihrer Oberfläche all ' die kleinen Poesieen und Merkwürdigkeiten , die wir bei unserm Spaziergang im ersten Kapitel dieser denkwürdigen Geschichte entdeckt und dem geneigten Leser mitgetheilt haben . Alle seinen Nuancirungen draußen hatten aufgehört , Feld und Wiese waren gleichförmig bezogen ; wo sich ein Wald befand , da erschien die Gegend etwas mit Grau schattirt ; einzelne Bäume waren kaum noch sichtbar , der Schnee lag schwer auf den Zweigen und schien jedem einzelnen Strauche , jedem Baume eine Pelzmütze aufgestülpt zu haben , worunter er sich behaglich und warm verstecken konnte . Isolirt stehende Häuser rings um die Stadt sahen aus dem allgemeinen Weiß recht langweilig hervor , namentlich solche , die sich an der Landstraße befanden , denn hier war es öde und leer . Von den sonst so zahlreichen Fuhrwerken aller Art bemerkte man heute nicht viel ; in dem tiefen Schnee gab es keine rechte Bahn , weßhalb sich auch draußen noch keine Schlitten sehen ließen ; nur Holzwagen fuhren langsam dahin , und ein einsamer gelber Postwagen aus irgend einem Orte der Nachbarschaft , welchem die Eisenbahn zur Seite lag . In der Stadt dagegen wurde der tiefe Schnee wie immer als eine Einladung des Winters betrachtet , sich seiner als Schlittenbahn zu bedienen , und nachdem man am Morgen nothdürftig Bahn gemacht , hörte man auf allen Straßen das Klingeln der Schellen und lustigen Peitschenknall , und mußte sich bei dem allgemeinen Leben recht in Acht nehmen , daß man nicht von einem Schlitten umgerannt oder von einem Wagen überfahren wurde , wobei namentlich letztere gefährlich waren , da man kaum das Rollen der Räder vernahm . Heute schienen denn auch die Straßen der Stadt nur dem Vergnügen geweiht , und wer draußen nichts zu thun hatte , der blieb gerne zu Haus . In den vornehmeren Stadtvierteln bewegten sich glänzende Schlitten , das Gestell vergoldet , die Sitze mit Teppichen und Pelzen bedeckt , aus denen heitere Gesichter , sanft geröthet von Frost und eifrigem Gespräch , hervor blickten . Die Fiaker und Droschkenführer hatten ebenfalls ihre Wagen zu Haus gelassen und hielten in langen Reihen , die Pferde vor einfachere Schlitten gespannt , welche von der lieben Jugend umstanden wurden , die sehnsüchtig Jedem nachblickte , der sich eines solchen Fuhrwerks bediente . Wenn es so aus den breiten Straßen geräuschvoll und lebendig war , so erschienen dagegen die schmalen Gassen und abgelegenen Plätze um so einsamer und stiller . Schlitten sah man hier keine , Wagen rollten selten vorüber , und wenn hie und da einer vorbei kam , so hörte man nur das Klingeln von ein paar kleinen Schellen ; das Rollen der Räder selbst war ebenso unhörbar wie der Fußtritt der Vorüberwandelnden . In den meisten dieser Straßen war nur eine nothdürftige Bahn an den Häusern gekehrt , die noch obendrein selten betreten wurde , und wenn nicht da und dort auf einem Platze eine Schaar Knaben ihre Spiele getrieben hätte , sich gegenseitig bombardirt und Schneemänner gemacht , so hätte man glauben können , Häuser und Menschen befänden sich alle zusammen in einem seltsamen Winterschlafe . Nur jene Viertel , durch welche der Kanal floß , von dem wir schon früher sprachen , sahen einigermaßen lebendiger aus . Hier wohnten viele Handwerker , namentlich Schmiede , vor deren Häusern sich der weiße Schnee bald rußig und schwarz färbte oder ganz weggeschmolzen wurde , wo man eine heiße Radschiene zur Abkühlung hinausgewälzt hatte . Auch viele Wäscherinnen befanden sich in dieser Gegend und weil die Trockenplätze bei diesem Wetter für sie unbrauchbar waren , so hatten sie längs dem Kanal lange Seile gezogen und hier hingen nun die