» Vielleicht ! - Aber wer giebt uns die Gewißheit ? « Jetzt erhob sich auch Alice . Außer der Marmorweiße auf ihrer Stirn und Wange deutete keine Spur auf die vergangene furchtbare Scene , die sie kurz zuvor erlebt . Ihr Auge glänzte mit demselben Feuer wie vorher , und ihre Stimme hatte ihren gewöhnlichen melodischen sonoren Klang . » Und glauben Sie denn « - wandte sie sich zu dem Unentschlossenen - » daß dies Wagestück , wie Sie es nennen , wirklich so bedenkliche Folgen haben kann ? Ich glaube es nicht . Gewiß wird der Anblick auf sie gar keinen oder einen wohlthätigen Eindruck hervorbringen . « » Wohlthätig ? - Was kann wohlthätiger für die Arme sein , als der Mangel des Bewußtseins , und vollends jetzt ? Indeß ist es möglich , daß , da sie den Lebenden nicht kannte , der Todte sie noch weniger erschüttern wird . Verweilen Sie hier einen Augenblick , ich werde sogleich zum Direktor der Anstalt gehen , um persönlich die Erlaubniß auszuwirken . « Als Alice allein war , ließ sie sich wieder auf den Sessel nieder und stützte das Haupt leidenschwer auf die Hand . Gedanken der widersprechendsten und vielfältigsten Art mußten sie durchkreuzen , denn bald rollte eine einzelne Thräne von den gesenkten Wimpern herab , bald strahlte ihr schönes Auge von tieferem , fast unheimlichem Feuer . Jetzt fuhr sie mit der Hand zum Herzen , als fühlte sie den großen Schmerz von Neuem , jetzt hob sich ihre Brust wie von kühnen Plänen geschwellt , um dann wieder von Verzweiflung niedergedrückt zu werden . Sobald sie jedoch die Schritte des Arztes vernahm , glätteten sich ihre Züge und die frühere Ruhe breitete sich wieder auf ihnen aus . Der Direktor hatte die Bitte gewährt . Rasch eilten sie Beide dem Flügel zu , in welchem Lydiens Gemach lag , wie alle Behausungen dieser Art halb Kerker , halb Krankenstube . Bei ihrem Eintreten fanden sie die Unglückliche auf dem Boden sitzend , den Schooß mit einer Menge von Blumen angefüllt , aus denen sie Kränze zu flechten versuchte . Eine beklemmende Empfindung bemeisterte sich Alicens , als sie auf Lydia zutrat und einen forschenden Blick auf ihre Züge warf . Es war keine sehr bemerkbare Veränderung darauf zu sehen . Nur als ihr glanzloser und scheuer Blick dem Auge Alicens begegnete , las diese darin die Vernichtung dessen , was den Menschen über das Thier erhebt - des Bewußtseins . Ein irres , halb verwundertes Lächeln glitt über ihre bleichen Lippen , als sie das fremde Gesicht erblickte , aber sie sagte Nichts . Fast wie ein Schwindel ergriff es Alicen , als sie dies Lächeln sah , unwillkührlich streckte sie die Hand nach dem Arzte aus , der sie sanft nach der Thüre führte , indem er ihr leise zuflüsterte : » Erwarten Sie mich unten . Ihre Bewegung könnte uns stören . « Nachdem Alice einige Minuten im Wagen zugebracht , erschien Lydia am Arme ihres Arztes , in der Ferne von einem Wärter gefolgt . Sie stiegen ein und rollten , nachdem der Wagen fest verschlossen war , auf der Straße nach Dresden hin . Während der ganzen Fahrt sprach Niemand von den Dreien ein Wort , aber als sie vor der Gitterpforte des Gartens hielten , ergriff Alice des Arztes Hand und sagte mit bebender Stimme : » Muth , Muth ! « Langsam gingen sie den Fußsteg hinauf , den noch wenige Stunden zuvor Landsfeld betreten hatte und standen zitternd nach wenigen Schritten vor der Thüre , die die Lösung dieses furchtbaren Räthsels verschloß . Jetzt war durch eine merkwürdige Verwandlung , die plötzlich in Alicens Seele vorgegangen war , ihre ganze geistige Kraft zurückgekehrt . Mit sicherer Hand drückte sie die Feder , während sie mit der andern Lydiens Arm ergriff , um sie halb mit Gewalt in ' s Zimmer zu drängen . Eine geraume Zeit herrschte eine lautlose Stille . Alice und der Arzt standen bewegungslos auf der Schwelle , Lydia mitten im Zimmer dicht vor der Leiche Landsfelds , dessen Fuß fast den ihrigen berührte . Sein bleiches Gesicht , aus dem der Tod jede Falte des Grams verwischt hatte , war ihrem Blicke offen zugekehrt . In sprachloser Angst starrten die Beiden auf jede ihrer Bewegungen , und es schien Anfangs nicht , als ob die Befürchtungen des Arztes und die Hoffnungen Alicens sich verwirklichen wollten . In einem gegenüberhängenden Spiegel konnten sie genau den irren Blicken der Wahnsinnigen folgen , die zuerst wild im Zimmer umherschweiften und sich endlich auf den Todten senkten . Da fuhr es wie ein eisiger Schauer durch ihren Körper , aber kein Schrei , kein Laut drang aus ihrem Munde und wie gefesselt wurzelten ihre Füße auf dem Boden , doch in demselben Augenblicke erhielten auch ihre Blicke ihre bestimmte Richtung wieder , während sie immer fest und starr auf die Züge des Todten geheftet blieben . » Sehen Sie diesen Blick ? « - sagte der Arzt zu Alicen . » Noch zwei Minuten und sie ist entweder todt oder bei Bewußtsein . « In der That konnte man fast von Sekunde zu Sekunde wahrnehmen , wie das erwachende Bewußtsein in das immer größer und klarer werdende Auge zurückkehrte . Ihr Mund öffnete sich allmählig , Ihr Kopf beugte sich immer weiter und weiter vor , als wollte sie die geschlossenen Augenlider mit dem Strahl ihres Blicks durchdringen - - dann plötzlich wurde ihr ganzer Körper wie durch eine unsichtbare Macht in die Höhe geschnellt - sie fuhr sich , wie aus einem grausigen Traume erwachend , über Stirn und Augen und stürzte mit einem furchtbaren herzzerreißenden Schrei » Richard « auf ihren Gatten nieder . - - - - - Einen Monat später fuhr ein schwer bepackter Reisewagen durch das Kärnthner Thor in Wien ein . Zwei Frauen in tiefe Trauer gekleidet sahen theilnahmlos aus demselben auf das fröhliche Treiben der Kaiserstadt . - Es