ihm nichts Anderes ein , um die Störung unbekümmert , als seinen Stock fallen zu lassen . Alle Blicke kehrten sich vorwurfsvoll gegen ihn , doch er beachtete sie nicht , denn die seinen waren auf Faustine gerichtet , und sie sah jetzt auf , sah und erkannte ihn , und augenblicklich war sie verwandelt , strahlend , heiter , glücklich . Mengen verging vor Ungeduld über den Virtuosen . Mit dessen Schlußakkord stand er neben Faustine und fragte : » Was war denn das - vorhin ? « » Ich fürchtete , Sie würden nicht kommen . Da langweilte ich mich . « » Sonst nichts ist Ihnen geschehen ? « » Ists nicht genug , anderthalb oder zwei Stunden zu warten ? und gar für mich , die ich nie Jemand warten lasse ? Ich mag über keinen Menschen diese Folter verhängen . « » Wir hatten keine Stunde verabredet ! konnte ich ahnen ? - « » O nein , nein ! Sie konnten nicht ahnen ! aber nun wissen Sie ein für alle Mal . « Feldern kam täglich zu Faustinen . Sie hatte ihm die Schritte mitgetheilt , welche sie für Cunigunde gethan . Auch er fand es am Besten für sie und für sich , sie aus dem Elternhause zu entfernen . » Wenn mir die Möglichkeit abgeschnitten ist , sie wiederzusehen , « sprach er , » so werd ' ich leichter an die Unmöglichkeit unserer Verbindung glauben . Kann ich zu ihr , so will ich sie sehen , und sehe ich sie , so will ich sie besitzen . « » Sie sind recht aufrichtig , mein bester Feldern , « entgegnete Faustine überrascht , » ich habe Sie niemals so offen reden hören . « » Wenn man nichts zu hoffen noch zu verlieren hat , entweder weil man Alles oder weil man Nichts besitzt , so wird man höchst aufrichtig . Der Bräutigam beim Hochzeitsschmaus sagt unbefangen : ich bin sehr glücklich ! und der Bettler an der Straßenecke sagt eben so unbefangen : ich bin sehr elend . Lust und Leid haben Kinder , die sich frappant ähnlich sehen - sie müssen also wol aus derselben Familie stammen . « Faustine erkannte in diesen und ähnlichen Aeußerungen Felderns Marios Einfluß , der sich treu bemühte , ihm eine Unabhängigkeit von den überraschenden Schicksalswendungen zu geben , wie er selbst sie bisher bewahrt , und sehnlichst wünschte sie , es möchte doch auch für Clemens ein solcher Nothhelfer sich finden , denn sie - das fühlte sie lebhaft - konnte keinen Einfluß mehr auf ihn wünschen , und deshalb ihn auch nicht haben . Er war für sie wie von der Erde vertilgt , spurlos verschwunden , ließ sich weder bei ihr noch irgendwo bei ihren Bekannten sehen , und sie hätte glauben dürfen , er sei abgereist , wenn nicht eine bange Ahnung ihr zugeflüstert , daß er sich schwerlich ohne Abschied , ohne Versöhnung von ihr trennen würde . Wo war er also ? umkreiste er ihre Wohnung ? bewachte er ihre Schritte ? ließ sich von seiner rasenden Leidenschaft nicht das Wahnsinnigste fürchten ? - Die Bestechung ihres Bedienten fiel ihr zuweilen ein , wenn sie allein war . Sie gerieth in eine höchst unbehagliche Spannung , und fuhr zusammen , wenn sie Stimmen und Tritte im Vorzimmer nicht sogleich unterscheiden konnte . War Mengen bei ihr , so erschien diese Angst ihr so kindisch , daß sie sich nicht entschließen konnte , sie ihm anzuvertrauen . Auch war es ihr peinlich , Mario auf Walldorfs Spur auszusenden . Sie wußte zu gut , wie rücksichtslos Clemens war , wie leicht er gerade diesen Gehaßten absichtlich kränken und verletzen mochte . Als aber die Woche ohne irgend ein Lebenszeichen von ihm verstrichen , da beschwor sie Feldern , Erkundigungen über ihn einzuziehen . Sie sagte ihm offen Alles , was zwischen ihm und ihr statt gefunden , und schloß damit : » Ich kann mich nicht direct nach ihm umthun , weil er aus dem geringsten Beweis von Theilnahme gleich ganz unerhörte Folgerungen zieht , die ihm Schaden thun , weil sie sich nie realisiren , aber mich in die widerlichste Verlegenheit setzen . « Feldern versprach sein Bestes zu thun und ihr im Lauf des Tages Bericht , wenigstens über seine Anwesenheit in Dresden , abzustatten . Ein Brief von Andlau trug nicht dazu bei , Faustine zu erheitern . Er schrieb ihr über Cunigundens Angelegenheiten in dem kühlen Ton der Ueberlegung , der ihr ganz unerträglich war , wenn sie bereits für oder wider Partie genommen . Man sollte doch nur nie in einer solchen Entfernung Dinge besprechen , die heute anders aussehen als morgen , murmelte sie , sondern nur solche , die nie wechseln und nie altern ! Freilich kenne ich Cunigunden sehr wenig - freilich ist es eine mißliche Sache , eine passende Stellung für sie ausfindig zu machen - freilich erntet man fast immer Verdruß und Undank aus Einmischung in Familienverhältnisse - aber ich habe mich nicht dazu gedrängt , und die Art , wie ich da hinein verflochten bin , kann gewiß keinen Schatten auf mich werfen . Und sogar wenn es ein Schatten wäre - es sollte mich nicht kränken , denn ich habe etwas Gutes gewollt ; und ein Fleck ist es sicher nicht . - Andlaus Antwort war da - und nicht eben trostreich . Wenn Mario keine bessere bekam , was sollte mit Cunigunden werden ? Sie grübelte sich matt und müde . Da flog die Thür auf und Mengen freudestrahlend ins Zimmer , einen offnen Brief in der Hand . » Cunigunde ist willkommen ! « rief er , » und zwar gleich auf der Stelle . Meine Mutter hat ihren alten Kammerdiener hergeschickt , um sie auf der Reise zu begleiten - daher die etwas verzögerte Antwort : er brachte mir den Brief . Sind Sie zufrieden ? « - Er kniete neben