der Windsturm ihn von der Höhe mit fortnimmt . Übrigens hab ich Dich wohl verstanden , trotz der vielen süßen Lobe , die Du einstreust wie Opfergras , daß ich das Opfer bin , was Du geschächtest hast , um mit dem Jud zu reden . Ich fühl ' s , daß Du recht hast , und weiß , daß ich zu furchtsam bin , und kann nicht , was ich innerlich für recht halte , äußerlich gegen die aus der Lüge hergeholten Gründe verteidigen , ich verstumme und bin beschämt grade , wo andre sich schämen müßten , und das geht so weit in mir , daß ich die Leute um Verzeihung bitte , die mir unrecht getan haben , aus Furcht , sie möchten ' s merken . So kann ich durchaus nicht ertragen , daß einer glaube , ich könne Zweifel in ihn setzen , ich lache lieber kindisch zu allem , was man mir entgegnet , ich mag nicht dulden , daß die , welche ich doch nicht eines Bessern überzeugen kann , noch den Wahn von mir hegen , ich sei gescheiter als sie . Wenn sich zwei verstehen sollen , dazu gehört lebenvolles Wirken von einem dritten Göttlichen . So nehm ich auch unser Sein an als ein Geschenk von den Göttern , in dem sie selber die vergnüglichste Rolle spielen ; aber meine inneren Fühlungen , folgelosen Behauptungen ausstellen , dazu leiht mir weder die blauäugige Minerva , noch Areus der Streitbare5 Beistand . Ich gebe Dir aber recht , es wäre besser , ich könnte mich mannhafter betragen und dürfte diesen großmächtigen Weltsinn in dem Sittenleben mit andern nicht mir untergehen lassen . Aber was willst Du mit einer so Zaghaften aufstellen , die sich immer noch fürchtet , im Stift das Tischgebet laut genug herzusagen . - Lasse mich und vertrage mich , wie ich bin , hab ich das Herz nicht , meine Stimme zu erheben gegen allen Unsinn , so hab ich auch dafür an diesem harten Fels keine kleinste Welle Deiner brausenden Lebensfluten sich brechen lassen . Er steht trocken und unbeschäumt von Deinen heiligen Begeisterungen , so kannst Du auch unbekümmert darum Dein Leben dahin fließen . - Ich weiß , daß es Dir weh tut , weil wir den Hölderlin nicht besuchten . St. Clair ist gestern abgereist , er war noch vorher bei mir , er sah Deinen dicken Brief , er war so sehnsüchtig , etwas daraus zu vernehmen , und die Zaghafte war kühn genug auf ihr richtiges Gefühl hin , ihm die Stelle zu lesen , wo die Bettine über den Ödipus spricht . - Er wollte es abschreiben , er mußte es abschreiben , seine Seele wär sonst vergangen , und die Zaghafte war zu mutlos , es ihm abzuschlagen . Er sagte : » Ich lese es ihm vor , vielleicht wirkt es wie Balsam auf seine Seele , und wo nicht , so muß es doch so sein , daß die höchste Erregung , durch seine Dichternatur erzeugt , auch wieder an ihm verhalle , so wie er verhallte . Ich muß es ihm lesen , es wird doch zum wenigsten ihm ein Lächeln abgewinnen . « - Nun sieh mich schon wieder voll Zagheit , daß Dir meine Kühnheit mißfalle , aber doch - betrog mich mein Ohr nicht , so war jener Hymnus auf dem Taubenschlag dem armen Dichter gesungen , daß er solle dort mit in sein zerrissnes Saitenspiel eintönen . Ich hab jetzt so viele Gesellschaftsnot , ich muß diese Woche schon zum zweitenmal in den schwarzen Stiftstalar kriechen , auch dahinein verfolgt mich meine närrische Feigheit , ich komme mir so fremd drin vor , es ist mir so ungewöhnlich , eine angelehnte Würde öffentlich zu behaupten , daß ich immer den Kopf hängen muß und muß auf die Seite sehen , wenn ich angeredet werde . Gestern haben wir in corpore beim Primas zu Mittag gespeist , da verlor ich mein Ordenskreuz , es lag unterm Stuhl , ich fühlte es mit der Fußspitze , das machte mich so konfus , und denk nur , der Primas selbst hat es aufgehoben und bat um Erlaubnis , es anzuheften auf die Schulter , dazu kam unsere Duenna und nahm die Mühe auf sich , Gott sei Dank , - ich konnte doch die ganze Nacht nicht vor der Geschichte schlafen , ich muß rot werden , wenn ich dran denke , - dann war ich bei der Haiden - der Moritz im Kabriolett ist mir begegnet , von da in die Komödie in Eurer Loge , George führte mich hinein . » Die Geschwister « . - Es war sehr leer wegen der Hitze , George war fortgegangen , die Frau Rat saß ganz allein auf meiner Seite , sie rief aufs Theater : » Herr Verdy , spielen Sie nur tüchtig , ich bin da « , es machte mich recht verlegen , hätte er geantwortet , so wär ein Gespräch draus geworden , in dem ich am Ende noch eine Rolle hätte übernehmen müssen . - Im Parterre saßen keine fünfzig Menschen , Verdy spielte recht gut , und die Rat klatschte bei jeder Szene , daß es widerhallte , Verdy verbeugte sich tief gegen sie , es war gar wunderlich , das leere Haus und die offnen Logentüren wegen der Hitze , durch die der Tag hereinschien , dann kam Zugwind und spielte mit den lumpigten Dekorationen , da rief die Goethe dem Verdy zu : » Ah , das Windchen ist herrlich « , und fächelte sich , es war doch grad , als spiele sie mit , und die zwei auf dem Theater , so gut als wären sie allein in vertraulich häuslichem Gespräch , dabei mußt ich an den größten Dichter denken , der nicht verschmähte , so prunklos seine tiefe Natur auszusprechen . - Ja , Du magst recht haben , es ist was Großes darin ,