gegen sie , wie es einem schwäbischen Vetter geziemte , sie desgleichen , wie meinem Mühmchen zukam . Keines von beiden dachte an eine Verbindung , wohl aber mochte der Verwandtschaft eine solche gar paßlich vorgekommen sein , denn aus freundlichen Blicken , geselligen Aufmerksamkeiten und zwei oder drei Händedrücken , wie sie ein unbefangenes Wohlwollen gibt und nimmt , war bald für uns ein Netz zusammengestrickt worden , aus welchem wir schlechterdings als Braut und Bräutigam hervorgucken sollten ; und der alte Oheim fragte mich eines Tages ganz naiv , wann denn die öffentliche Erklärung vor sich gehen werde . Wir waren gewaltig betroffen , und wie zwei Leute sonst alles mögliche anwenden , um einander habhaft zu werden , so ließen wir nichts unversucht , in der Meinung der Sippschaft voneinanderzukommen , was in der freundlichsten Einigkeit von beiden Seiten geschah . Mühmchen Clelia hatte bei diesen Lockerungsbestrebungen ein noch größeres Interesse , als ich , denn es ließ sich bald vermerken , daß ihr Herz ihr nach Schwaben nur an einem Faden gefolgt war , den ein schöner Kavalier in den österreichischen Erblanden hielt . Bei den Anstrengungen , die wir solcherweise machten , fielen die lächerlichsten Szenen vor , insbesondere von meiner Seite , der ich für diese spitzfindigen Kombinationen der Verhältnisse gar nicht zugerichtet bin . Ich wollte alle Schuld , daß ein Schein von Neigung entstanden war , auf mich nehmen , verwickelte mich darüber in die unsinnigsten Erklärungen , bekannte mich endlich für schon anderweit im Auslande verlobt , widerrief diese Lüge im nächsten Augenblicke - kurz , ich stellte bei der ganzen Sache den Helden einer ziemlich lustigen Novelle dar . Indessen würde diese nur im Kreise der nächsten Bekanntschaft angeklungen und verklungen sein , wenn sich nicht ein fremder Störenfried herbeigemacht und sie zur Befriedigung seines schlechten Witzes gemißbraucht hätte . Es hielt sich nämlich damals seit einiger Zeit bei uns ein Mensch auf , namens Schrimbs , oder Peppel , wie er andererorten geheißen hat . Der Himmel weiß , wieviel Namen er überhaupt in der Welt geführt haben mag und noch führt ! Schon das Äußere dieses Menschen war höchst auffallend , er sah im Gesichte ganz verwittert aus , und dennoch konnte man kein rechtes Alter an ihm abnehmen , denn trotz der Runzeln auf Wangen und Stirn war unter seinen Haaren kein weißes zu entdecken , und seine Haltung ungebeugt , sein Muskelfleisch straff , sein Benehmen jugendlich-petulant . Ich weiß nicht , wie ich Dir diesen Schrimbs oder Peppel beschreiben soll ; er war alles und jedes . Wie der Aal entschlüpfte sein Geist jeglichem Bemühen , ihn in einer bestimmten Lage festzuhalten , wie Quecksilber zerrann dieses kalte , schwere , und doch unendlich flüchtige und trennbare Wesen unter der leisesten Berührung in lauter perlende Kügelchen , die denn doch immer wieder zu einer größeren koagulierten . Du mußt von ihm gehört haben , denn er war nach und nach in vielen Städten unter den verschiedensten Gestalten . Vielleicht ist er sogar in Deine Nähe gekommen . In Tübingen machte er den Magister und focht sich theologisch herum , in Stuttgart abwechselnd den Politiker und lyrischen Dichter , in Weinsberg half er unserem alten Justinus noch mehr Geister sehen , als dieser schon mit seinen zwei Augen erblickt . Dieser Mensch hatte eine Gabe zu fabulieren und zu schwadronieren , wie ich sie noch nimmer bei jemand wahrgenommen habe . Er besaß einen aristophanischen Witz , eine gaukelnde Einbildungskraft und eine unerschöpfliche Laune , vor allem aber eine Lust und Freude am Lügen , die wirklich auch genial war . Keiner achtete ihn und doch war er überall eingeführt ; unsre geschlossenen Gesellschaften taten ihre Türen vor ihm auf , unsre Familien- Wein- und sonstigen Kränzchen flochten ihn sich als Blume ein , denn Du weißt wohl , daß , so schwerfällig und abgesondert wir uns halten , es doch noch von je alle Scharlatane bei uns mit uns durchgesetzt haben . Man hielt ihn für nichts Besseres , als für ein Stück honetten Gauners und doch blickte man sehnsüchtig nach ihm aus , ließ er einmal auf sich warten . Obgleich ich überzeugt bin , daß er eigentlich schlechte Streiche nirgends begangen hat , denn sonst würde er leiser , versteckter , künstlicher aufgetreten sein . Eine gewisse theoretische Unwahrhaftigkeit war in ihm zur andern Natur geworden ; gegen die Gesetze wird er sich nicht verfehlt haben . Du fragst : Wodurch fesselte er euch denn ? Ja , wodurch ? Durch tolle Märchen , die er uns erzählte , durch Sarkasmen , Luftsprünge . In seinen Märchen griff er mit unerhörter Dreistigkeit das Nächste auf , oder eine öffentliche Person , und drehte und wendete und drillte sie so lange , bis sie unter seinen Händen ein phantastischer Popanz wurde , der dann , wenn man ihm näher in das Gesicht sah , in Blasen auseinanderplatzte . Mir war oft bei seinen Geschichten zumute , als sehe ich eine Wasserhose entstehen , wandeln , sich auflösen . Eine schwache Wolke schwebt über dem Meere , diese faßt mit einem langen , feinen Finger in den unendlichen Ozean , aufwärts kocht , wirbelt und tanzt das emporgestörte Wasser , es pfeift und zischt ; Nebel und Schaum rings umher , und Blitz ohne Donner ! so rückt das Phantom , welches nicht Dunst und nicht Woge mehr ist , sprungweise vor , bis es plätschernd zerbricht . Ich sagte zuweilen für mich : In diesem Erzwindbeutel hat Gott der Herr einmal alle Winde des Zeitalters , den Spott ohne Gesinnung , die kalte Ironie , die gemütlose Phantasterei , den schwärmenden Verstand einfangen wollen , um sie , wenn der Kerl krepiert , auf eine Zeitlang für seine Welt stille gemacht zu haben . Dieser Schrimbs oder Peppel , dieser geistreiche Satirikus , Lügenhans und humoristisch-komplizierte Allerweltshaselant ist der Zeitgeist in persona ; nicht der Geist der Zeit , oder richtiger gesagt : der