sagte Nolten , » dafür ist schon Rat geschafft ! « und verdrängte diese Materie , während er im stillen aus der ablehnenden Äußerung , welche der Schauspieler getan haben sollte , nicht ganz klug werden konnte , und überhaupt auf die traurigsten Kombinationen verfiel . Die Art , wie Larkens die Besuche aufnahm , war im Grunde ansprechender , denn er setzte von jeher einen Vorzug darein , sich vor Menschen zusammenzunehmen und eine wohlwollende Annäherung , auch wenn sie zur Unzeit kam , gutmütig , zart und gefällig zu erwidern . Die Nachricht aber , womit man ihn besonders zu erfreuen dachte , daß das Theater und dessen Liebhaber herzlich und laut um ihren besten Liebling trauern , nahm er gleichgültig auf und wollte nichts davon hören . Die Urteile der Stadt im allgemeinen betreffend , hieß es , man trage sich mit allerlei übertriebenen Meinungen von dem Vergehen der Verhafteten ; die Vernünftigen zucken die Achsel , niemand wolle an eine gänzliche Unschuld der beiden glauben . Auch hatten indessen drei Verhöre stattgefunden , ohne daß man dadurch einer glücklichen Entscheidung um vieles nähergerückt wäre . War der Zustand unseres Paares unter diesen Umständen beklagenswert genug , so sollte noch die schwerste Prüfung über den Maler ergehen , indem sich auf alle die heftigen Erschütterungen ein Fieber bei ihm ankündigte , das der Arzt sogleich für bedeutend erkannte . Der Kranke verließ seit drei Tagen das Bett nicht mehr , häufig lag er ohne Bewußtsein da und in freieren Stunden war das Gefühl seines Elends nur um so stärker ; die Phantasien der Fieberhitze setzten ihr grelles Spiel auch im Wachen fort und schleuderten den Gequälten in unbarmherzigem Wechsel hin und her . Bald nahte sich Constanze seinem Lager , und wenn sein inniger Klageton ihr Mitleid , ihre Liebe ansprach , wenn sich die edle Gestalt soeben über den Leidenden herzusenken schien , floh sie entsetzt und zürnend wieder weg ; bald zeigte sich die verstoßene Agnes an der Tür , den stillen Blick betrübt auf ihn gerichtet , bis sie sich nicht mehr hielt und lautweinend neben ihm auf die Kniee stürzte , seine Hand mit tausend Küssen bedeckte und er die arme Reuevolle gleichfalls liebreich an sich herzuziehen genötigt war . Dergleichen Vorstellungen , worin sich der Rest seiner Neigung zu jenem verkannten liebenswürdigen Kinde nun auf dem durch Krankheit und Schwäche erweichten Grunde seines Gemütes sonderbar und lebhaft abspiegelte , wiederholten sich immer häufiger und waren um so weniger abzuweisen , da sie ihm zunächst durch einen seltsamen Zufall von außen aufgedrungen worden waren . Denn eines Morgens erwachte er vor Tag aus einem unruhigen Halbschlafe an einem weiblichen Gesang , der aus der Küche des Wärters unter seinem Fenster zu kommen schien . Der Inhalt des Lieds , sowenig es ihm selber gelten konnte , traf ihn im Innersten der Seele , und die Melodie klang unendlich rührend durch das Schweigen der dunkeln Frühe , ja die Töne selber nahmen in seiner Einbildung eine wunderbare Ähnlichkeit mit der Stimme Agnesens an . Früh , wenn die Hähne krähn , Eh die Sternlein verschwinden , Muß ich am Herde stehn Muß Feuer zünden . Schön ist der Flammen Schein , Es springen die Funken , Ich schaue so drein , In Leid versunken . Plötzlich da kommt es mir , Treuloser Knabe ! Daß ich die Nacht von dir Geträumet habe . Träne auf Träne dann Stürzet hernieder , So kommt der Tag heran - O ging ' er wieder ! Zum ersten Male seit undenklicher Zeit fühlte Theobald wieder die Wohltat unaufhaltsamer Tränen . Die Stimme schwieg , nichts unterbrach die Ruhe des langsam andämmernden Morgens . Der Kranke barg das Gesicht in die Kissen , ganz der Süßigkeit eines - dennoch so bittern ! Schmerzens genießend . An demselben Morgen bekam Larkens , da er kaum das Bett verlassen hatte , von Leopold , dem Bildhauer , einen Besuch , der eigentlich Theobalden bestimmt war ; auf die Nachricht vom Pförtner jedoch , daß der Kranke nach einer erträglichen Nacht soeben noch ruhig schlummere , wagte der Freund keine Störung und ließ sich das Zimmer des Schauspielers aufschließen . Er fand den letztern in der traurigsten Stimmung , worein ihn die Sorge um Nolten versetzte , und Leopold , gleichfalls heftig bewegt , hatte Mühe , ihn zu trösten . Nach einiger Zeit fing der Bildhauer an : » Nun muß ich Ihnen eine Eröffnung machen , die freilich zunächst für Nolten gehörte , sie betrifft einen Vorfall , womit ich mich schon drei Tage herumtrage , ohne daß ich Gelegenheit erhalten konnte , ihn einem oder dem andern von Ihnen mitzuteilen ; denn der Obrist schlug mir die Bitte zweimal ab , zumal da der Arzt den Kranken sowenig als möglich durch Gesellschaft beunruhigt wissen will ; gestern bekam ich mit Not auf eine Stunde Erlaubnis ; die Angst um Nolten und , ich darf wohl sagen , auch meine Neuigkeit ließ mir nicht Rast noch Ruhe mehr . Das was ich mitzuteilen habe , ist unerhört , ist ganz unbegreiflich , für Nolten taugt es unter gegenwärtigen Umständen auf keinen Fall . « » Nun , nur um Gottes willen kein Unglück ! « sagte der Schauspieler verdrießlich lächelnd über den langen Eingang ; » ich meine schon von einer neuen Resolution hören zu müssen , daß wir armen Tropfen am Ende noch Karren schieben werden bei Wasser und Brot ? « » Nichts ! Setzen wir uns , und hören Sie . Es war an dem Abend unserer neulichen Zusammenkunft ; ich und Ferdinand hatten Sie kaum verlassen , das Schloß lag hinter uns , ich wollte soeben in die Prinzenstraße einlenken , so zeigt mir ein zufälliger Seitenblick in die leere Kastanienallee , wo wir vorüber mußten , ein weibliches Wesen ganz ruhig an einen der Bäume gelehnt . Das Auge der Unbekannten begegnete dem meinigen . Ich kam fast von Sinnen beim Anblick dieser Physiognomie ,