sie durchritten , stellten sich die Kinder wie gestern ; aber heute sah er , obgleich selten , einen und den andern Knaben , der den vorbeireitenden Aufseher nicht grüßte , von seiner Arbeit nicht aufsah und ihn unbemerkt vorüberließ . Wilhelm fragte nun nach der Ursache und was diese Ausnahme zu bedeuten habe . Jener erwiderte darauf : » Sie ist freilich sehr bedeutungsvoll : denn es ist die höchste Strafe , die wir den Zöglingen auflegen , sie sind unwürdig erklärt , Ehrfurcht zu beweisen , und genötigt , sich als roh und ungebildet darzustellen ; sie tun aber das mögliche , um sich aus dieser Lage zu retten , und finden sich aufs geschwindeste in jede Pflicht . Sollte jedoch ein junges Wesen verstockt zu seiner Rückkehr keine Anstalt machen , so wird es mit einem kurzen , aber bündigen Bericht den Eltern wieder zurückgesandt . Wer sich den Gesetzen nicht fügen lernt , muß die Gegend verlassen , wo sie gelten . « Ein anderer Anblick reizte , heute wie gestern , des Wanderers Neugierde ; es war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der Zöglingskleidung ; hier schien kein Stufengang obzuwalten , denn solche , die verschieden grüßten , waren überein gekleidet , gleich Grüßende waren anders angezogen . Wilhelm fragte nach der Ursache dieses scheinbaren Widerspruchs . » Er löst sich « , versetzte jener , » darin auf , daß es ein Mittel ist , die Gemüter der Knaben eigens zu erforschen . Wir lassen , bei sonstiger Strenge und Ordnung , in diesem Falle eine gewisse Willkür gelten . Innerhalb des Kreises unserer Vorräte an Tüchern und Verbrämungen dürfen die Zöglinge nach beliebiger Farbe greifen , so auch innerhalb einer mäßigen Beschränkung Form und Schnitt wählen ; dies beobachten wir genau , denn an der Farbe läßt sich die Sinnesweise , an dem Schnitt die Lebensweise des Menschen erkennen . Doch macht eine besondere Eigenheit der menschlichen Natur eine genauere Beurteilung gewissermaßen schwierig ; es ist der Nachahmungsgeist , die Neigung , sich anzuschließen . Sehr selten , daß ein Zögling auf etwas fällt , was noch nicht dagewesen , meistens wählen sie etwas Bekanntes , was sie gerade vor sich sehen . Doch auch diese Betrachtung bleibt uns nicht unfruchtbar , durch solche Äußerlichkeiten treten sie zu dieser oder jener Partei , sie schließen sich da oder dort an , und so zeichnen sich allgemeinere Gesinnungen aus , wir erfahren , wo jeder sich hinneigt , welchem Beispiel er sich gleichstellt . Nun hat man Fälle gesehen , wo die Gemüter sich ins Allgemeine neigten , wo eine Mode sich über alle verbreiten , jede Absonderung sich zur Einheit verlieren wollte . Einer solchen Wendung suchen wir auf gelinde Weise Einhalt zu tun , wir lassen die Vorräte ausgehen ; dieses und jenes Zeug , eine und die andere Verzierung ist nicht mehr zu haben ; wir schieben etwas Neues , etwas Reizendes herein , durch helle Farben und kurzen , knappen Schnitt locken wir die Muntern , durch ernste Schattierungen , bequeme , faltenreiche Tracht die Besonnenen und stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her . Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt , sie verdeckt den Charakter und entzieht die Eigenheiten der Kinder , mehr als jede andere Verstellung , dem Blicke der Vorgesetzten . « Unter solchen und andern Gesprächen gelangte Wilhelm an die Grenze der Provinz , und zwar an den Punkt , wo sie der Wanderer , nach des alten Freundes Andeutung , verlassen sollte , um seinem eigentlichen Zweck entgegenzugehen . Beim Lebewohl bemerkte zunächst der Aufseher : Wilhelm möge nun erwarten , bis das große Fest allen Teilnehmern auf mancherlei Weise angekündigt werde . Hierzu würden die sämtlichen Eltern eingeladen und tüchtige Zöglinge ins freie , zufällige Leben entlassen . Alsdann solle er , hieß es , auch die übrigen Landschaften nach Belieben betreten , wo , nach eigenen Grundsätzen , der einzelne Unterricht in vollständiger Umgebung erteilt und ausgeübt wird . Drittes Kapitel Der Angewöhnung des werten Publikums zu schmeicheln , welches seit geraumer Zeit Gefallen findet , sich stückweise unterhalten zu lassen , gedachten wir erst , nachstehende Erzählung in mehreren Abteilungen vorzulegen . Der innere Zusammenhang jedoch , nach Gesinnungen , Empfindungen und Ereignissen betrachtet , veranlaßte einen fortlaufenden Vortrag . Möge derselbe seinen Zweck erreichen und zugleich am Ende deutlich werden , wie die Personen dieser abgesondert scheinenden Begebenheit mit denjenigen , die wir schon kennen und lieben , aufs innigste zusammengeflochten worden . Der Mann von funfzig Jahren Der Major war in den Gutshof hereingeritten , und Hilarie , seine Nichte , stand schon , um ihn zu empfangen , außen auf der Treppe , die zum Schloß hinaufführte . Kaum erkannte er sie ; denn schon war sie wieder größer und schöner geworden . Sie flog ihm entgegen , er drückte sie an seine Brust mit dem Sinn eines Vaters , und sie eilten hinauf zu ihrer Mutter . Der Baronin , seiner Schwester , war er gleichfalls willkommen , und als Hilarie schnell hinwegging , das Frühstück zu bereiten , sagte der Major freudig : » Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen , daß unser Geschäft beendigt ist . Unser Bruder , der Obermarschall , sieht wohl ein , daß er weder mit Pächtern noch Verwaltern zurechtkommt . Er tritt bei seinen Lebzeiten die Güter uns und unsern Kindern ab ; das Jahrgehalt , das er sich ausbedingt , ist freilich stark ; aber wir können es ihm immer geben : wir gewinnen doch noch für die Gegenwart viel und für die Zukunft alles . Die neue Einrichtung soll bald in Ordnung sein . Da ich zunächst meinen Abschied erwarte , so sehe ich doch wieder ein tätiges Leben vor mir , das uns und den Unsrigen einen entschiedenen Vorteil bringen kann . Wir sehen ruhig zu , wie unsre Kinder emporwachsen , und es hängt von uns , von ihnen ab , ihre Verbindung