den Mund zu bewegen oder aus seiner traurigen Stellung aufzublicken : » Liebst du mich recht , so gehe mit mir unter , als Sonne wirst du dann wieder aufgehen , und die Welt ist frei ! « - Vor Lust und Schwindel wachte er auf . Draußen funkelte der heitere Wintermorgen schon über die Dächer , das Licht war herabgebrannt , Erwin saß bereits angekleidet ihm gegenüber und sah ihn mit den großen , schönen Augen still und ernsthaft an . Zu solcher Lebensweise kam ein schöner Kreis neuer , rüstiger Freunde , die auf Reisen , an gleicher Gesinnung sich erkennend , aus verschiedenen deutschen Zonen sich nach und nach hier zusammengefunden hatten . Der Erbprinz , der mit einer fast grenzenlosen Leidenschaft an Friedrich hing , wußte den Bund durch seine hinreißende Glut und Beredsamkeit immer frisch zu stärken , so auch , obgleich auf ganz verschiedene Weise , der ältere , besonnene Minister , der nach einer herumschweifenden und wüst durchlebten Jugend , später , seiner größeren Entwürfe und seiner Kraft und Berufes vor allen andern , sie auszuführen sich klar bewußt , auf einmal mehrere brave aber schwächere Männer gewaltsam unterdrückt , ja , selbst seinen eigensten Wunsch , eine Liebe aus früherer Zeit , aufgegeben und dafür eine freudenlose Ehe mit einem der vornehmsten Mädchen gewählt hatte , einzig um das Steuer des Staats in seine festere und sichere Hand zu erhalten . - Eine gleiche Gesinnung schien alle Glieder dieses Kreises zu verbrüdern . Sie arbeiteten fleißig , hoffend und glaubend , dem alten Recht in der engen Zeit Luft zu machen , auf Tod und Leben bereit . Ganz anders , abgesondert und ohne alle Berührung mit diesem Kreise lebte Leontin in einem abgelegenen Quartiere der Residenz mit der Aussicht auf die beschneiten Berge über die weiten Vorstädte weg , wo er , mit Faber zusammenwohnend , einen wunderlichen Haushalt führte . Alle die Begeisterungen , Freuden und Schmerzen , die sich Friedrich , dessen Bildung langsam aber sicherer fortschritt , erst jetzt neu aufdeckten , hatte er längst im Innersten empfunden . Ihn jammerte seine Zeit vielleicht wie keinen , aber er haßte es , davon zu sprechen . Mit der größten Geisteskraft hatte er schon oft redlich alles versucht , wo es etwas nützen konnte , aber immer überwiesen , wie die Menge reich an Wünschen , aber innerlich dumpf und gleichgültig sei , wo es gilt , und wie seine Gedanken jederzeit weiter reichten als die Kräfte der Zeit , warf er sich in einer Art von Verzweiflung immer wieder auf die Poesie zurück und dichtete oft nächtelang ein wunderbares Leben , meist Tragödien , die er am Morgen wieder verbrannte . Seine alles verspottende Lustigkeit war im Grunde nichts , als diese Verzweiflung , wie sie sich an den bunten Bildern der Erde in tausend Farben brach und bespiegelte . Friedrich besuchte ihn täglich , sie blieben einander wechselseitig noch immer durchaus unentbehrliche Freunde , wenngleich Leontin auf keine Weise zu bereden war , an den Bestrebungen jenes Kreises Anteil zu nehmen . Er nannte unverhohlen das Ganze eine leidliche Komödie und den Minister den unleidlichen Theaterprinzipal , der gewiß noch am Ende des Stücks herausgerufen werden würde , wenn nur darin das Wort : » deutsch « recht fleißig vorkäme , denn das mache in der undeutschen Zeit den besten Effekt . Besonders aber war er ein rechter Feind des Erbprinzen . Er sagte oft , er wünschte ihn mit einem großen Schwerte seiner Ahnherrn aus Barmherzigkeit recht in der Mitte entzweihauen zu können , damit die eine ordinäre Hälfte vor der andern närrischen , begeisterten einmal Ruhe hätte . - Dergleichen Reden verstand Friedrich zwar damals nicht recht , denn seine beste Natur sträubte sich gegen ihr Verständnis , aber sie machten ihn stutzig . Faber dagegen , welcher , der Dichtkunst treu ergeben , immer fleißig fortarbeitete , empfing ihn alle Tage gelassen mit derselben Frage : ob er noch immer weltbürgerlich sei ? - » Gott sei Dank « , antwortete Friedrich ärgerlich , » ich verkaufte mein Leben an den ersten besten Buchhändler , wenn es eng genug wäre , sich in einigen hundert Versen ausfingern zu lassen . « » Sehr gut « , erwiderte Faber mit jener Ruhe , welche das Bewußtsein eines redlichen ernsthaften Strebens gibt , » wir alle sollen nach allgemeiner Ausbildung und Tätigkeit , nach dem Verein aller Dinge mit Gott streben ; aber wer von seinem einzelnen , wenn es überhaupt ein solches gibt , es sei Staats- , Dicht- oder Kriegskunst , recht wahrhaft und innig , d.h. christlich durchdrungen ward , der ist ja eben dadurch allgemein . Denn nimm du einen einzelnen Ring aus der Kette , so ist es die Kette nicht mehr , folglich ist eben der Ring auch die Kette . « Friedrich sagte : » Um aber ein Ring in der Kette zu sein , mußt du ebenfalls tüchtig von Eisen und aus einem Gusse mit dem Ganzen sein , und das meinte ich . « Leontin verwickelte sie hier durch ein vielfaches Wortspiel dergestalt in ihre Kette , daß sie beide nicht weiterkonnten . Diese strebende , webende Lebensart schien Friedrich einigermaßen von Rosa zu entfernen , denn jede große innerliche Tätigkeit macht äußerlich still . Es schien aber auch nur so , denn eigentlich hatte seine Liebe zu Rosa , ohne daß er selbst es wußte , einen großen Anteil an seinem Ringen nach dem Höchsten . So wie die Erde in tausend Stämmen , Strömen und Blüten treibt und singt , wenn sie der alles belebenden Sonne zugewendet , so ist auch das menschliche Gemüt zu allem Großen freudig in der Sonnenseite der Liebe . Rosa nahm Friedrichs nur seltene Besuche nicht in diesem Sinne , denn wenige Weiber begreifen der Männer Liebe in ihrem Umfange , sondern messen ungeschickt das Unermeßliche nach Küssen und eitlen Versicherungen . Es ist , als wären ihre Augen zu