wissen Sie , wer hier ist ? Ich weiß , ich weiß , entgegnete sie in tödtlicher Angst . Sie wissen ? woher denn ? fragte Emilie . Gestern - erwiederte Luise ; ich kann jetzt nicht . - Denken Sie sich , fuhr jene fort , die Wirthin hat uns dennoch verrathen ; er sah den Abend , als wir aßen , durch die Thür , welche die Wirthin ein wenig auf ließ . Er hat mir ' s selbst gesagt ; gleich auf den ersten Blick hat er mich erkannt - Sie ? fragte Luise , Sie allein ? Nun , er wird Sie auch erkennen , erwiederte Emilie ; aber sehn Sie , da ist er . Luise hatte nicht das Herz , die Augen zu heben . Rolls Stimme zwang sie endlich , aufzublicken . Sie hörte einen unbekannten Namen , sah ein ganz fremdes Gesicht , eine zarte , fast unausgebildete Gestalt . Kaum gewann sie so viel Fassung , ihr Befremden zu verbergen und einige wohlgewandte an sie gerichtete Worte des Fremden zu beantworten . Wen aber , liebe Emilie , meinten Sie denn zuvor ? fragte sie diese , noch ganz unsicher und verlegen , als die beiden Herren sie verließen . Wen ? Nun mein Gott , erwiederte jene , den jungen Cesario , unsern Reisegefährten , den Unbekannten im Gasthofe ; wen anders ? Dieser also war es ! - sagte Luise zerstreut . Gott ja , fiel Emilie ein , ich glaubte Sie wüßten - Freilich , freilich , erwiederte Luise , ohne zu wissen was sie sagte . Dieser also ! wiederholte sie mehreremale vor sich . Es ist doch seltsam ! - Sie erinnerte sich der Worte , die er gesprochen , und daß er bestimmt Fernandos Namen genannt hatte . Sein Freund also , dachte sie , und ein besorgter , zärtlicher Freund ! Aber wie wagt er sich mit dieser Jugend und Unerfahrenheit so allein in die Welt und auf die unsichre Spur eines so beweglichen , ewig getriebnen Menschen ! Des Obristen Blicke , die sie schon längst gesucht , trafen sie hier . Er näherte sich schnell , und fragte fast bekümmert : warum kamen Sie doch so spät ? Ich hatte mich so auf diesen Abend gefreut und nun ist alles voller Widersprüche ! Sophie ist plötzlich unpäßlich geworden , und hat sich entfernt ; auch Sie sehn bleich und angegriffen aus . Darf Ihr Freund wissen , was Sie beunruhigt ? Doch , setzte er lächelnd hinzu , wir sollten uns hüten , die Geheimnisse der Frauen an uns zu reißen , sie verletzen uns oft , ohne daß wir sie verstehn . Weil sie zu unwichtig oder zu bedeutend sind ? fragte Luise . Gewiß das Letztre , erwiederte er . Ihr ganzes Innre ist ein unendlich zartes , geheimnißreiches Gewebe , dessen luftige Fädchen sich so wunderlich verschlingen , daß sie oft ein gewagter Blick zerreißt , und sie sich , wie die Blumen , vor so rauher Berührung verschließen ; der eigentliche Schmuck , der Blüthenstaub ihres Innern , bleibt uns daher fast immer fremd . Ihren Blick , sagte Luise sinnend , wie aus voller Ueberzeugung , würde ich niemals scheuen . Gewiß ? fragte er ; auch dann nicht , wenn ich Sie bäte , mir zu sagen , was Sie gestern so ängstigend im Schauspiel beschäftigte , da Sie niemand , auch Ihre Freunde nicht , erkannten , und noch beim Herausgehn meinen Gruß unerwiedert ließen ? Auch dann nicht , erwiederte Luise nach augenblicklichem Nachdenken , nur fragen Sie jetzt nicht weiter ; morgen , oder wenn Sie wollen . Nein , meine gütige Freundin , erwiederte er bewegt , ich werde nicht weiter fragen . Glauben Sie mir , diesmal habe ich Sie verstanden . Unsre Organe werden feiner , wenn wir sie in das reine Element der Liebe tauchen . Luise erröthete ; er selbst schwieg , wie erschreckt , über das rasch entschlupfte Wort . Nach einer Weile fragte er sie , um sich selbst zu entgehn , ob sie nicht tanze . Nie wieder , sagte sie schnell , in der Erinnrung jenes Abends , da sie Fernando in wilder Heftigkeit von seiner Seite riß . Nie wieder ? entgegnete er ; auch hier , fuhr er fort , liegt Ihr reines Herz so offen da , daß ich Sie um keine Erklärung zu bitten habe . Mich beunruhigt Ihre Schwester , sagte Luise verlegen ; wollten Sie mich wohl zu ihr begleiten ? Sie nahm des Obristen Arm , und eilte in Sophiens Cabinet , wo sie die schöne Frau sehr zerstört , und in sichtlicher Anstrengung , sich wieder herzustellen , fanden . Der Obrist schloß sie gerührt in seine Arme und verließ schweigend das Zimmer ; aber Sophiens Schmerz brach in unzähligen Thränen aus . Klagend sank sie an Luisens Herz . Sie sprach von Horst , ihrer Liebe , seinem jetzigen schneidenden Betragen , und zog zuletzt ein Billet hervor , das sie eben erst , nach vielen vergeblichen Bothschaften , als Entschuldigung seines Ausbleibens , von ihm erpreßt hatte . Luise las Folgendes : » Je déteste les propos du monde , je n ' aime pas à ètre cité , voilà la raison de ma conduite « Wollen Sie mit Ihrem Blut dies welke Herz nähren ? rief sie empört . O um Gottes Willen , achten Sie sich doch höher . Sehn Sie nur , wie die conventionelle Sprache selbst den groben Sinn nicht verbergen konnte , der sicher nie in Ihr Innres drang ! Ach sie sind Alle , Alle nicht anders ! jammerte Sophie . Alle ? fragte Luise ; auch Ihr Bruder ? - Dieser trat eben jetzt wieder herein . Wenn es Dir doch möglich wäre , sagte er , sich zwischen beide Freundinnen setzend , zur Gesellschaft zurückzukehren , man vermißt Dich überall . Du leidest , fuhr er