eine ganz unendliche Hellung umgab sie . Der Vorhang ging auf , für die Zuschauenden ein überraschender Anblick : das ganze Bild war alles Licht , und statt des völlig aufgehobenen Schattens blieben nur die Farben übrig , die bei der klugen Auswahl eine liebliche Mäßigung hervorbrachten . Unter ihren langen Augenwimpern hervorblickend , bemerkte Ottilie eine Mannsperson neben Charlotten sitzend . Sie erkannte ihn nicht , aber sie glaubte die Stimme des Gehülfen aus der Pension zu hören . Eine wunderbare Empfindung ergriff sie . Wie vieles war begegnet , seitdem sie die Stimme dieses treuen Lehrers nicht vernommen ! Wie im zackigen Blitz fuhr die Reihe ihrer Freuden und Leiden schnell vor ihrer Seele vorbei und regte die Frage auf : Darfst du ihm alles bekennen und gestehen ? Und wie wenig wert bist du , unter dieser heiligen Gestalt vor ihm zu erscheinen , und wie seltsam muß es ihm vorkommen , dich , die er nur natürlich gesehen , als Maske zu erblicken ? Mit einer Schnelligkeit , die keinesgleichen hat , wirkten Gefühl und Betrachtung in ihr gegeneinander . Ihr Herz war befangen , ihre Augen füllten sich mit Tränen , indem sie sich zwang , immerfort als ein starres Bild zu erscheinen ; und wie froh war sie , als der Knabe sich zu regen anfing und der Künstler sich genötiget sah , das Zeichen zu geben , daß der Vorhang wieder fallen sollte ! Hatte das peinliche Gefühl , einem werten Freunde nicht entgegeneilen zu können , sich schon die letzten Augenblicke zu den übrigen Empfindungen Ottiliens gesellt , so war sie jetzt in noch größerer Verlegenheit . Sollte sie in diesem fremden Anzug und Schmuck ihm entgegengehn ? Sollte sie sich umkleiden ? Sie wählte nicht , sie tat das letzte und suchte sich in der Zwischenzeit zusammenzunehmen , sich zu beruhigen , und war nur erst wieder mit sich selbst in Einstimmung , als sie endlich im gewohnten Kleide den Angekommenen begrüßte . Siebentes Kapitel Insofern der Architekt seinen Gönnerinnen das Beste wünschte , war es ihm angenehm , da er doch endlich scheiden mußte , sie in der guten Gesellschaft des schätzbaren Gehülfen zu wissen ; indem er jedoch ihre Gunst auf sich selbst bezog , empfand er es einigermaßen schmerzhaft , sich so bald und , wie es seiner Bescheidenheit dünken mochte , so gut , ja vollkommen ersetzt zu sehen . Er hatte noch immer gezaudert , nun aber drängte es ihn hinweg ; denn was er sich nach seiner Entfernung mußte gefallen lassen , das wollte er wenigstens gegenwärtig nicht erleben . Zu großer Erheiterung dieser halb traurigen Gefühle machten ihm die Damen beim Abschiede noch ein Geschenk mit einer Weste , an der er sie beide lange Zeit hatte stricken sehen , mit einem stillen Neid über den unbekannten Glücklichen , dem sie dereinst werden könnte . Eine solche Gabe ist die angenehmste , die ein liebender , verehrender Mann erhalten mag ; denn wenn er dabei des unermüdeten Spiels der schönen Finger gedenkt , so kann er nicht umhin , sich zu schmeicheln , das Herz werde bei einer so anhaltenden Arbeit doch auch nicht ganz ohne Teilnahme geblieben sein . Die Frauen hatten nun einen neuen Mann zu bewirten , dem sie wohlwollten und dem es bei ihnen wohl werden sollte . Das weibliche Geschlecht hegt ein eignes , inneres , unwandelbares Interesse , von dem sie nichts in der Welt abtrünnig macht ; im äußern , geselligen Verhältnis hingegen lassen sie sich gern und leicht durch den Mann bestimmen , der sie eben beschäftigt ; und so durch Abweisen wie durch Empfänglichkeit , durch Beharren und Nachgiebigkeit führen sie eigentlich das Regiment , dem sich in der gesitteten Welt kein Mann zu entziehen wagt . Hatte der Architekt , gleichsam nach eigener Lust und Belieben , seine Talente vor den Freundinnen zum Vergnügen und zu den Zwecken derselben geübt und bewiesen , war Beschäftigung und Unterhaltung in diesem Sinne und nach solchen Absichten eingerichtet , so machte sich in kurzer Zeit durch die Gegenwart des Gehülfen eine andere Lebensweise . Seine große Gabe war , gut zu sprechen und menschliche Verhältnisse , besonders in bezug auf Bildung der Jugend , in der Unterredung zu behandeln . Und so entstand gegen die bisherige Art zu leben ein ziemlich fühlbarer Gegensatz , um so mehr , als der Gehülfe nicht ganz dasjenige billigte , womit man sich die Zeit über ausschließlich beschäftigt hatte . Von dem lebendigen Gemälde , das ihn bei seiner Ankunft empfing , sprach er gar nicht . Als man ihm hingegen Kirche , Kapelle und was sich darauf bezog , mit Zufriedenheit sehen ließ , konnte er seine Meinung , seine Gesinnungen darüber nicht zurückhalten . » Was mich betrifft , « sagte er , » so will mir diese Annäherung , diese Vermischung des Heiligen zu und mit dem Sinnlichen keineswegs gefallen , nicht gefallen , daß man sich gewisse besondere Räume widmet , weihet und aufschmückt , um erst dabei ein Gefühl der Frömmigkeit zu hegen und zu unterhalten . Keine Umgebung , selbst die gemeinste nicht , soll in uns das Gefühl des Göttlichen stören , das uns überallhin begleiten und jede Stätte zu einem Tempel einweihen kann . Ich mag gern einen Hausgottesdienst in dem Saale gehalten sehen , wo man zu speisen , sich gesellig zu versammeln , mit Spiel und Tanz zu ergötzen pflegt . Das Höchste , das Vorzüglichste am Menschen ist gestaltlos , und man soll sich hüten , es anders als in edler Tat zu gestalten . « Charlotte , die seine Gesinnungen schon im ganzen kannte und sie noch mehr in kurzer Zeit erforschte , brachte ihn gleich in seinem Fache zur Tätigkeit , indem sie ihre Gartenknaben , welche der Architekt vor seiner Abreise eben gemustert hatte , in dem großen Saal aufmarschieren ließ , da sie sich denn in ihren heitern , reinlichen Uniformen , mit gesetzlichen Bewegungen und