stehen , das anmuthige Flüstern schien ihm ganz nahe , er bog sich hinter einen Pfeiler , und entdeckte den Eingang zu einer kleinen Kapelle . Ohne weiter viel zu erwägen , trat er hinein , und erblickte eine weibliche Gestalt , die starr und leblos auf einem Grabsteine kniete . Die kleinen Händchen lagen verschlungen auf dem Marmor , und schienen den Obertheil des zarten Leibes , wie den gesenkten Kopf , zu tragen . Schauerliche Grabesluft zog über ihr hin , und wogte spielend in den reichen Locken und dem flatternden Kleide . Dies fremde Leben , was sie so bewußtlos berührte , gab der lieblichen Erscheinung etwas Rührendes , das Rodrich noch schneller zu ihr hinzog . Er glaubte ein schlafendes Kind in Todesarmen zu sehen . Kaum wagte er es , sie zu erwecken , doch umfaßte er sie leise , und fühlte mit Entzücken üppiges , jugendliches Leben in ihren Adern glühen . Bald regte sie sich in seinen Armen , er hob sie vollends empor , und konnte die Augen nicht mehr von dem holden Gesichtchen wenden , sie flüsterte , wie im Schlafe , unvernehmliche Worte , endlich sagte sie deutlich , sich fester an ihn schmiegend : rette mich , mein Bruder , rette mich vor den wilden Kriegern ! Rodrich zitterte vor ihrem völligen Erwachen , er theilte im voraus ihre Angst , und dennoch konnte er sie unmöglich so hülflos verlassen . Bei einer leichten Bewegung mit der Hand , ließ er das Licht hell in ihre Augen fallen ; sie schlug sie plötzlich auf , Unschuld , Furcht , Sehnsucht , Vertrauen , alles spiegelte sich in den himmlischen Blicken . Sie fühlte sich sanft gehalten , und während sie noch immer von unsichtbaren Banden umschlungen zu seyn glaubte , wagte sie in einem Gemisch von Scheu und Ergebung nicht , den Kopf zu wenden . Rodrich hütete sich wohl , das Schweigen zu brechen , doch indem rief ihn Stephano , den sein plötzliches Verschwinden befremdete . Sie fuhr erschrocken auf ; als sie Rodrich erblickte , blieb sie wie betäubt stehen , und schien mit banger , ängstigender Ungewißheit zu ringen . Fürchten sie nichts , sagte er , ehrerbietig vor sie hintretend , während ihn Stephano noch immer wiederholt rief , ich hänge von ihren Winken ab , gebieten sie über mich , wohin soll ich sie führen ? Ach , um der Täuschung willen , sagte sie weinend , die mich so lange bei ihnen fesselte , um der süßen Erinnerung eines geliebten Bruders willen , retten Sie mich vor jedem fremden Auge , das ich jetzt mehr als den Tod scheue . Erwartet sie vielleicht eine Mutter , fiel Rodrich schnell ein , oder sonst eine geliebte Verwandte ? Ach Gott , meine Mutter , rief sie bewegt , meine arme Mutter , wie wird sie ihre Aline suchen ! Was hast du denn hier ? sagte Stephano , der sich mühsam bis zum Eingang der Kapelle geschleppt hatte ; aha ! rief er lächelnd , und wandte sich von beiden ab . Dies Lächeln ging Rodrich durch die Seele ; er sah auf Alinen , die sich zitternd an ihn hielt , und kein Wort hervorbringen konnte . Sie sagen mir wohl , hob er ernsthaft an , wohin ich sie so schnell als möglich führen darf , um sie vor Beleidigung zu sichern . Aline weinte still , ohne aufzusehen . Mein Gott , sagte sie nach einer Weile , ich bin wohl recht kindisch gewesen , aber ich konnte wirklich nicht anders , es zog mich unwiderstehlich hieher zu meinem Bruder , bei dem ich durch mein ganzes Leben gewohnt war , Trost und Rath zu suchen . Wir wohnen ganz nahe bei der Kirche , an welcher mein Oheim Geistlicher ist . Meine Mutter und ich leben seit vielen Jahren bei ihm ; lieber Himmel , er ist wohl ein recht braver Mann , aber wie der Bruder , ist er doch nicht , der ein Schwerdt trug , wie Sie , und uns wohl alle beschützt hätte ! Die Mutter sagte das auch , als wir in der Todesangst so hin und her liefen , und niemand wußte , wohin er sich verbergen sollte . Die Heiligen , dachte ich , haben ja wohl öfter ihre Lieblinge beschirmt , und Benedikt war sicher ein Heiliger ! Ich eilte hieher , und weinte und betete auf seinem Grabe , da ward es plötzlich so laut um und neben mir , ich wollte fliehen , aber es hielt mich fest , und ich sank bewußtlos nieder . Ihr Vertrauen hat sie nicht getäuscht , sagte Stephano , dem ein Blick auf Alinen jeden Schein von Verdacht nahm Wollen sie den Schutz eines Todtkranken annehmen , so geleiten wir beide sie zu den Ihrigen , und sie gönnen mir wohl für diese eine unruhige Nacht ein Plätzchen in ihrem Hause ? Aline betrachtete ihn mit theilnehmenden Blicken . Ihre eignen Sorgen hatte sie über dem bleichen , erschöpften Gesicht , und dem blutenden , schlecht verbundenen Arm vergessen . Was säumen wir denn , sagte sie schnell , kommen sie doch , ich werde ihnen den Weg zeigen . Sie nahm die Laterne , und sorgte , daß Rodrich den Kranken unterstützte . Eine Seitenthür führte sie in wenigen Schritten durch einen kleinen Garten , zu einem stillen , abgelegenen Häuschen . Aline sprang wie ein Reh hinein . Bald darauf kam man ihnen mit Licht entgegen , und führte sie in ein bequemes , gastliches Zimmer . Die Mutter , eine feine , sittige Frau , war entzückt über Alinens Ankunft , die sie indeß , mit ruhigem Vertrauen , bei einer reichen , ihr wohlwollenden Verwandten in Sicherheit glaubte . Wenige Worte machten sie mit dem Vorgange bekannt , sie bezeigte den Eintretenden ihre herzliche Dankbarkeit , und war doppelt bemüht , Stephano ' s Zustand zu erleichtern . Rodrich