Sokrates zu ehren und mit Dankbarkeit zu erkennen , daß ich in seinem Umgang besser geworden bin . Auch kann ich dir , wenn du es begehrst , ziemlich genau sagen , worin , wodurch und wiefern ich mich durch ihn gebessert finde . Wenigstens glaube ich , daß ich ohne ihn nie zu dem Ideal der sittlichen Form meiner Natur gekommen wäre , dessen Ausbildung und Darstellung im Leben immer mein angelegenstes Geschäft seyn wird . Freilich würde mir Hippias sagen , diese Form wäre auch ohne Hülfe des Sokrates in mir entwickelt worden , so gut als die Kinder , denen seine Mutter zur Geburt verhalf , vermuthlich auch ohne sie in die Welt gekommen wären . Das könnte vielleicht seyn , es kann aber auch nicht seyn ; ich streite nicht gern über Dinge die sich nicht aufs Reine bringen lassen : genug , ich hasse eine Vorstellungsart , die mir ein so humanes und angenehmes Gefühl , als die Dankbarkeit ist , raubt , wiewohl Sokrates selbst , durch den edeln Eigensinn , alles was er zu geben hat unentgeltlich zu geben , es mir unmöglich macht , sie ihm beweisen zu können . Aber auch ohne Rücksicht auf das , was ich ihm in diesen vier Jahren schuldig geworden bin , habe ich ihn in so langer Zeit hinlänglich kennen gelernt , um mit Ueberzeugung zu sagen , ich kenne keinen weisern und bessern Mann als ihn ; und wenn ich noch dreimal so lange mit ihm lebte , was könnt ' ich mehr sagen ? Wozu also sollt ' ich noch immerfort wie sein Schatten hinter oder neben ihm her gleiten ? Warum nicht auch andere merkwürdige Menschen aufsuchen , oder wenn sie mir von ungefähr begegnen , mich eine Zeit lang zu ihnen halten , um zu sehen , ob ich nicht auch durch diese besser werden kann ? Denn , - da ich nun einmal im Bekennen bin , warum sollt ' ich nicht auch dieß gestehen , da es die bloße reine Wahrheit ist ? - Sokrates ist für mich ein Buch , das ich schon lange auswendig weiß , eine Musik , die ich tausendmal gehört , eine Bildsäule , die ich tausendmal von allen Seiten betrachtet habe . Seit vier Jahren höre und sehe ich alle Tage ungefähr eben dasselbe bei ihm ; und wiewohl ich ihn damit nicht getadelt haben will , so mag doch , dächte ich , ein für so vielerlei Schönes und Gutes empfänglicher , und ( mit deiner Erlaubniß ) » das Vergnügen , wo nicht mehr als einem emporstrebenden Jüngling geziemt , « doch gewiß nicht weniger , liebender junger Mann zu entschuldigen seyn , wenn er es endlich müde wird , Tag vor Tag zu hören , an jedem Abend sich mit der Erinnerung , nichts anders den ganzen Tag über gehört zu haben , niederzulegen , und am folgenden Morgen mit der Gewißheit aufzustehen , daß er auch heute nichts anders hören werde , als » daß ein braver Mann seinem Vaterlande , seinen Freunden und seinem Hauswesen nützlich seyn , den Feinden hingegen allen möglichen Schaden zufügen , und um dieses und jenes besser zu können , immer mäßig , nüchtern und enthaltsam seyn , die Wollust fliehen , Hunger und Durst , Frost und Hitze leicht ertragen , keine Arbeit scheuen , keinen Schmerz achten , und aller Aphrodisischen Anfechtungen110 , damit sie sich ja nicht etwa auf einen einzigen liebreizenden Gegenstand werfen möchten , durch den ersten besten Ableiter aufs schleunigste loszuwerden suchen müsse . « - Diese ( unter uns gesagt ) aus einem etwas groben Faden gewebte Moral , deren Theorie man in einer Stunde weg hat , und bei welcher alles bloß auf einen derben Vorsatz und lange Uebung ankommt , mag zum Hausgebrauch eines Attischen Bürgers , zumal wenn er von zwei oder drei Obolen des Tags leben muß , eben so zureichend seyn , als sie unstreitig nach Zeit und Ort und Erforderniß der vorhabenden Sache , auch jedem andern Biedermann zuträglich ist : aber ein ehrlicher Weltbürger , der sich darauf einrichten will , überall zu Hause zu seyn , und , seinem eigenthümlichen Charakter unbeschadet , in alle Lagen zu passen , und mit allen Menschen zu leben , langt damit nicht aus , und muß noch ein ziemliches Theil mehr wissen und können , um seine Rolle gut zu spielen , und , wofern er es auch andern Leuten , ohne seine Schuld , nicht immer recht machen kann , wenigstens so selten als möglich sich selbst sagen zu müssen : das hättest du besser , klüger oder schicklicher machen können . Ueberdieß sehe ich nicht , warum ein Mann , dem seine Umstände erlauben , über das Unentbehrliche in Nahrung , Kleidung , Wohnung und andern zum menschlichen Leben gehörigen Dingen , hinauszugehen , gerade nur seine Philosophie auf die bloße Nothdurft einschränken müßte . Das Menschengeschlecht ist zu ewigem Fortschreiten , der einzelne Mensch zu möglichster Ausbildung seiner selbst , in der Welt . Dieß sagt mir mein Dämonion , und ich glaube ihm wenigstens eben so sicher folgen zu können , als Sokrates dem seinigen . Uebrigens steht , meines Bedünkens , dem Meister selbst manches wohl an , und verdient sogar alle Achtung , was an seinen Nachahmern nicht die nämliche Grazie hat ; zumal wenn sie der Sache nie zu viel thun zu können glauben , und noch sokratischer seyn wollen als Sokrates selbst . Unter allen treibt es keiner weiter als Antisthenes ; denn gegen ihn ist Sokrates ein Stutzer . Seitdem ich mir die Freiheit nahm in meine gewohnte Lebensweise zurückzutreten , schien er ( vermuthlich um mich durch den Abstich desto ärger zu beschämen ) von der Sokratischen Schlichtheit bis zum schmutzigen Costume der königlichen Bettler in den Tragödien des Euripides111 herabsteigen zu wollen . Dieß machte ihn eben nicht zum angenehmsten Nachbar ; indessen wußte ich mir mit einem sehr einfachen