Ueberall sah er , daß er Anknüpfungen seiner Interessen , voll äußerster Verlockung , sich zu enthüllen , fand und immer , immer war dazu der Begleiter der Schmerz ... Er hörte die Thurmuhren draußen feierlich in den schönen Gesang hineinschlagen ... Es war wie ein Ruf aus dem Jenseits ... Als Resi zu Ende war , hätte er gehen mögen ... Wie disharmonisch war der ausbrechende Beifall ! ... Herr von Pötzl raste und kein vertrauliches : Pitoyable ! folgte ... Resi aber würdigte gerade ihn keines Blicks ... Es war , als wollte sie sagen : Wir haben eine Loge zusammen - müssen gemeinschaftlich unsere kritischen Empfindungen im Burgtheater los werden - aber ein Urtheil über ein Lied von Schubert gestatt ' ich dir nicht ... Zuletzt gab man noch Benno für seinen wiener Aufenthalt allerlei gute Rathschläge ... Bernhard Fuld warnte vor den Fiakern - Herr von Pötzl , ihm leise ins Ohr raunend , vor den » Spitzln « - Frau Bettina Fuld mit einer leisen Anspielung auf Terschka , über den sie mit ihm einiges gesprochen hatte ( staunend und lächelnd ; sie lächelte zu Glück und Unglück ) , vor den Böhmen - Harry vor den immer sehr schlechten Eckplätzen in den Theatern - ja selbst Percival , den der Schlaf übermannte , thaute noch einmal auf und äußerte sich ganz praktisch über das Institut der » Hausmeister « , das zwar Trinkgelder bedinge , aber den Besitz eines Hausschlüssels überflüssig mache ... Resi sagte : Die Hauptsache , Herr Baron , bleibt immer die , daß Sie sich nicht bestehlen lassen ! In Wien stiehlt alles ! Nicht blos die Raizen und Rastelbinder - das sind noch die ehrlichsten von allen ! Nur draußen in der Vorstadt , aber auch da nur in der alleräußersten , gibt ' s noch ein bissel Ehrlichkeit ! Ganz verlassen könnens » Ihnen « blos auf die Ungarn ! Sonst stiehlt in Wien alles ... Die Raizen stehlen weil sie ' s brauchen ... Die Italiener stehlen , weil sie die Ehrlichkeit für einen Mangel an Geist halten ... Die Böhmen stehlen , weil sie so wißbegierig sind ... Die Raben entschuldigen sich ebenso ... Die Polen , lieber Dalschefski , nehmen Sie mir ' s nicht übel , die stehlen auch ; sie haben das Bedürfniß , die Liebe ihrer Herrschaft in Prügeln bewiesen zu bekommen ... Ja und alle diese Motive zum Stehlen lassen sich noch hören ... Aber die schlechteste Nation , Professor Biancchi , sind in diesem Punkt allerdings die Deutschen ! Die stehlen aus dem ganz gemeinen Grund , dasjenige , was andern gehört , lieber selbst haben zu wollen ... Ich sage das in voller Ueberzeugung und nicht blos deswegen , weil der arme Biancchi sich über das Schubert ' sche Lied schon wieder ganz gelb geärgert hat und morgen am End ' die Stund ' hier absagen laßt ... In solche und ähnliche lustige Reden hinein wurden die Mäntel , die Shawls und Hüte aufgebunden ... Phantastisch aufgeputzt wurde Biancchi von Jenny und Dalschefski von der Resi ... Große Shawls hüteten die geliebten alten Maestri vor » Verkühlungen « ... Ein charakteristischer Zug aller gebornen Wiener war , daß sie nun noch einstimmig das Klima ihrer herrlichen Stadt verwünschten ... Frau von Zickeles entwickelte sich jetzt erst in einer längern Rede ... Angelika Müller pries dafür ihr Landhaus in der » Briehl « ... Sie seufzte auf wie eine Märtyrerin , Benno , als stünde sie an der Maximinuskapelle , zuflüsternd : Ich hoffe auf eine stille Stunde ! ... Harry Zickeles ließ sich nicht nehmen , Benno nach Hause zu begleiten ... Alles schritt hinunter ... Man trennte sich ... Herr von Pötzl benutzte Harry ' s Holen eines vergessenen Halsshawls , um Benno zu sagen : Der Harry ist in Wien » Führer « par excellence ... Wo wäre ein neu angekommener Name , den er nicht des Morgens auf den Graben spazieren geführt und des Abends nach Hause begleitet hätte ! ... Leo hat seine Wohlthätigkeitsdiplome , Percival seinen » Ahasver « , der Harry wird Ihnen noch sein » Album « anbieten ... Dieses sechs Pfund schwere Buch folgt ihm nach Mailand , Paris und London ... Was nur Namen hat in der wissenschaflichen , künstlerischen und gesellschaftlichen Welt , hat da mehr oder weniger hineingeschrieben : » Hommage à mon ami Zickeles ! « Er ist der einzige Mensch , dem sich Meyerbeer , Thalberg , Liszt und andere Genien im Nachtkamisol und in Unterbeinkleidern beim ersten Morgenbesuch zeigen und - » Genirens Ihnen nicht , Meyerbeer , ziehen Sie sich ruhig an , Ihr Freund Harry Zickeles raucht die Cigarre ! « - O bitt ' schön , lieber Herr von Zickeles ( unterbrach er sich ) - da sind Sie ja ... Ja , Sie Charmantester ... Nur keine Verkühlung ... Mein Weg ist in die Josephstadt ... Herr von Asselyn ... Hab ' mich unendlich gefreut ... Aber ich hab ' noch die Ehre - ... Auf die schärfste Satyre folgte der gemüthvollste Händedruck erst an Harry , dann an Benno , und nun wohnte Herr von Pötzl doch in der Josephstadt , während ihn so lange , als er über Benno noch nicht im Reinen war , sein Weg auch über die Mölkerbastei und auf die Freyung geführt hatte ... Harry ergriff Benno ' s Arm wie den eines alten Bekannten und gab über den schnell davon Huschenden die Erklärung : Herr von Pötzl ist sehr ein rangirter Mann - Witwer - ohne Kinder - Die Angiolina war seine Pflegetochter - Graf Salem ließ sie auf seine Kosten von ihm erziehen - Sonst ist er - ursprünglich , glaub ' ich , ein verdorbener Architekt ... Er hatte das Geschäft gepachtet , im Prater die Buden aufschlagen zu dürfen ... Dann baute er selbst Häuser oder lieh Geld auf andere ... Das hat ihn in die Höh ' gebracht ... Als