den man als Mittelpunkt der noch nicht niedergeworfenen Demokratie der ganzen Gegend schonen mußte , sich in der Entleerung der in seiner Nähe stehenden Flaschen vorzugsweise zu erkennen gab . Er rechnete , daß , wenn Das so fortginge und sich die Männer hier politische Scharmützel lieferten , mehr Blut fließen würde , als durch die Adern der disponiblen sechszehn Flaschen rann . Frau von Zeisel begann auch bereits , gewisse auf diese Beobachtung hindeutende Blicke des Herrn von Zeisel zwar mit Ingrimm , aber doch mit weltkundigem Takte zu verstehen . Glücklicherweise zeigte sich Siegbert Wildungen , der Nachbar der Wirthin , von einer mannichfach liebenswürdigen , höflichen , aufmerksamen Seite und erzählte ihr von seiner Absicht , in der That den dicken Herrn Anverwandter zu malen und sich längere Zeit in der Gegend zu halten , so viel Fesselndes , daß sie mit einem rasch verklingenden Seufzer die Kellerschlüssel wirklich hinterrücks durch den Stuhl der Bedienung zureichte und den Weinvorrath auf Gnade und Ungnade in fremde Hände gab . Man brachte einen Toast auf die Wirthin , den Wirth , die Damen , die Gäste , ja auch auf Louis Armand , den Freund und Genossen des Fürsten . Diese Aufmerksamkeit hatte Oleander gehabt , der Alles , was poetisch war , lebhaft ergriff und jenen Muth besaß , unter Schaalheit und Philisterei sich an das Bedeutendere zu halten , mocht ' es erst auch wunderlich erscheinen . Er erlebte aber damit den eigenthümlichen Fall wie Jeder , der an das Edle im Menschen glaubt , daß das Poetische immer verstanden , immer freudig aufgenommen wird , selbst unter nüchtern Scheinenden und rein materiell Gestimmten . Er sagte hier einige schöne Worte über Egon ' s allbekanntes , vergangnes Leben und Jeder verstand sie und Jeder fühlte , wie sie diesen einfachen Fremdling verklärten und hoben . Louis Armand aber , der schon längst bemerkt hatte , daß man sich des Justizdirektors wegen Zwang auferlegte , offen und frei die Verehrung vor Ackermann auszusprechen , Louis erhob sich mit raschem Entschluß , lehnte den Einfluß , den man ihm auf den Fürsten zuschrieb , bescheiden ab und sagte : Denen wollen wir Dank sagen , die dem Fürsten die Hand geboten haben , festzustehen auf dem Boden seiner Väter ! Es lebe Herr Ackermann ! Dieser Toast , so kurz , so einfach , so natürlich , drückte doch Aller Stimmung aus und die langverhaltene Empfindung machte sich in dem freudigsten Jubel Bahn , der nur noch von Drossel , der gleich hinzusetzte : Der Republikaner hoch ! unmelodisch genug überschrieen wurde . Ackermann hielt sich an den herzlichen Gruß , der ihm in den Gläsern widerklang , die Reinick , Oleander , Sonntag , Anverwandter ihm entgegenhielten und sagte , dem Justizdirektor die Hand bietend , die dieser auch gerührt ergriff und schüttelte : Lassen Sie den Frühling leben , meine Freunde ! Lassen Sie die Hoffnung leben ! Der Winter rüttelt schon an der Thür , ein schlimmer Gast , der uns noch eine lange Prüfungszeit bringen wird ! Wenn aber dann der Schnee auf diesen Höhen schmelzen wird , wenn die Lerche steigend singt , die Erde , zerschnitten vom Pfluge , Frühlingsodem ausströmen wird , dann wollen wir Alle zusammenwirken und im Glücke eines Mannes , den wir lieben , unser eignes finden . Auf treue , gute , fröhliche Nachbarschaft ! Das war wieder ein Wort , so recht alle Herzen entzündend ; denn nun bekam Jeder doch auch etwas für sich ! So sind die Menschen . Erst allenfalls Einer , dann aber auch gleich Alle . Die Gläser klangen , die Hände wurden geschüttelt . Als man dann saß und sich von den angeregten schönen Gefühlen sammelte , um wieder zur Tafelfreude zurückzukehren , kam noch ein Glas als Nachzügler zu Ackermann hinüber . Selma hielt es hin , mit schalkhaftem , lächelndem Blick . Dem Kinde glänzte eine Thräne im Auge , die der Vater durch einen Scherz nicht entfernen konnte . Auch er war gerührt und drückte die Hand der holden Tochter über den Tisch hinüber . Wie vorauszusehen war , mußte zuletzt auch der Gegenstand berührt werden , den damals alle Welt an den Namen Wildungen anknüpfte . Gleich bei Siegbert ' s Eintreten hatte man geflüstert , ob dies jener Wildungen wäre , der ... ja , ja ! hatte es geheißen und mit um so gespannterem Interesse betrachtete ihn jedes Mitglied der Tischgesellschaft . Herr von Zeisel war es , der das Eis dieser Spannung brach und mit den beziehungsreichen spürend belauschten Worten Siegberten sein Glas entgegenhielt : Zwar hat sich Vieles in unserm Hohenberg geändert ! Alte Irrthümer sind erkannt worden und neue Hülfe ist gefunden . Aber man soll Niemanden verleugnen , der uns Freund ist , wenn er auch irrte . Der Justizrath Schlurck mag der Zukunft des Fürstenthums nicht gewachsen gewesen sein . Dennoch schätz ' ich ihn als meinen Freund . Ich wünsch ' ihm die reichsten Belohnungen für seinen allbewunderten , vielgerühmten Scharfsinn . Nur in einem Gegenstande soll er unterliegen , in einem Punkte die Waffen strecken müssen , in einem eine schmähliche Niederlage erleiden - Herr Siegbert Wildungen , ich meine in Ihrem Prozeß ! Da war der Damm weggerissen . Alle Blicke , alle Fragen der Neugier hatten nun eine freie Strömung . Jeder sah nun in Siegbert Wildungen den künftigen Krösus und Louis besann sich durch die Röthe , die den Freund überflog , sogleich auf die Äußerungen , die noch vor kurzem über diesen Gegenstand Siegbert im alten Rathskeller der Residenz gethan hatte . Mit wärmerem Interesse aber , als alle Übrigen , ließen Selma und Ackermann ihre Blicke auf Siegbert ruhen und bald wußten es Alle , daß Ackermann in jüngern Jahren den Fremden wollte auf den Armen getragen haben . Wo Das ? rief Siegbert erstaunt . In Thaldüren ! Kannten Sie meinen Vater ? Vater und Mutter ! Ich entsinne mich nicht