Sonderling einen Epikuräer des Geistes nennt . Ich kenne keinen Gerichtshof der Welt , wo man leichteren Stand hätte als vor diesem Äsop . Er kommt mir wie eines jener Asyle vor , in welchen die Verbrecher vor der Hand der Gerechtigkeit gesichert waren . Erschreckend wirkte auf Murray , was Louis aus dem Jägerhause erzählte . Ich erkenne , sagte er , die dämonische Natur meiner Schwester . Sie war die Älteste von uns . Was sie gab , drückte mehr als es erfreute . Sie hatte schwarze Augen , ganz beschattet von dichten Brauen und hielt mit Niemanden Freundschaft , da Alles schon vor ihrem Blicke floh . Dennoch besaß sie gute Eigenschaften . Sie war gefällig , dienstergeben , treu bis zur Last . Sollten alle diese Keime besserer Regung in kalte Versteinerung übergegangen sein ? Jetzt scheint sie geistesschwach zu sein . Wenn sie das Gedächtniß verloren hätte ! Indem kam Brigitte mit dem Thee . Sie hatte vom Justizdirektor hundert Empfehlungen auszurichten und auf ' s neue zu mahnen , daß die Herren die morgende Einladung nicht vergessen möchten . Nachdem sie die Fenster mit Erlaubniß geschlossen und sich wegen des Nichtabholens des Geschirrs entschuldigt hatte , ging sie und ließ nur noch die neuesten Zeitungen zurück . Louis hatte wenig Appetit . Er war zu aufgeregt und bewegt dafür . Murray genoß ein geringes Maß und nahm sich vor , seinen jungen Freund zu veranlassen , früh das Bett zu suchen . Während Murray in den Zeitungen blätterte , schrieb sich Louis das Gedicht auf , das ihm unterwegs eingefallen war . Als Murray ein Licht ergriff und sich zur Ruhe begab , deutete er auf eine Stelle der Zeitungen und ging mit dem Bemerken , daß sie Louis interessiren würde , für heute zur Ruhe . Es war freilich eine Mittheilung , die insofern recht zur Unzeit kam , als sie Louis , der ohnehin schon von so vielen Dingen erfüllt war , noch vollends erschütterte und in der That nicht schlafen ließ . Sie lautete am Ende der Zeitung mit großen Buchstaben : » Heut ' Mittag um zwei Uhr ist die bisherige Volksvertretung vom Ministerium aufgelöst worden . Die neuen Wahlen sind auf den ersten November angeordnet . Die Stadt ist unruhig . Einige Volksaufläufe sind mit dem Bajonnet auseinandergetrieben . Man fürchtet für den Abend . Das Militair ist in den Kasernen consignirt . Eben werden über den Schloßplatz Kanonen gefahren . « Siebentes Capitel Ein Land - Diner mit Honoratioren Am Vormittage des folgenden Tages herrschte im Amtshause , der Wohnung des Justizdirektors von Zeisel , eine erhebliche Unruhe . Frau von Zeisel , geb . Nutzholz - Dünkerke , war vollkommen überzeugt von der Nothwendigkeit , den , wie man allgemein wußte , vertrautesten Freund des Fürsten , trotz seines geringen Standes , irgendwie feiern zu müssen . Sie tröstete sich bei ihren Anordnungen damit , daß Louis Armand doch wol nur ein verkapptes Mitglied der höhern Gesellschaft wäre und ebenso auf wunderlich versteckten Wegen ginge , wie sie ja den Fürsten Egon selbst hatten kennen lernen . Jeder Blick auf den Thurm , der in schräger Richtung dem Amthause gegenüber stand , feuerte ihre kleine rundliche Figur zur lebendigern Sorge an , um heute dem jungen Freunde des Fürsten einen Eindruck für die Residenz mitzugeben , der auf die gute Meinung von der Hingebung ihres Mannes eine dauernde Nachwirkung üben sollte . Was gehört nicht dazu , mit beschränkten Hülfsmitteln auf den gebahnten Straßen täglicher kleiner Ordnung plötzlich ein solches außerordentliches Mittagsmahl herzustellen ! Jetzt in der Morgenfrühe , wo man ohne Lauscher war , konnte man sich in der ganzen Verwirrung solcher Zurüstungen noch gehen lassen . Das war ein Laufen und Rennen ! Die Thüren schlugen zu und klappten auf . Frau von Zeisel rannte ohne Toilette mit aufgewickelten falschen Locken bald hier- , bald dorthin und machte eine Bewegung , die öfter wiederholt sicher ihr Embonpoint gemildert hätte . Was gab es da zu befehlen , zu klagen , zu verzweifeln ! Welche Töne drangen schneidend durch das stattliche Amtsgebäude , unbekümmert um die Justizkanzlei , die Kammerkanzlei und alle die ehrwürdigen Zwecke dieser Amtswohnung , die heute für Frau von Zeisel nicht vorhanden waren ! Herr von Zeisel kam nicht zu einem einzigen vernünftigen Avis , den er an einen Ortsschulzen hätte aufschreiben können und doch hatte er gestern von der Regierung einen wichtigen Brief erhalten . Und die Kammer war entlassen ! Neue Wahlen sollten angeordnet werden ! Ein Oppositionsblatt sprach von einem neuen aus der Willkür der Majestät fließenden Wahlgesetze ! Wenn nach diesem gewählt werden sollte , welche neue Mühen , welche Weitläuftigkeiten , um die Wahlkörper zu bilden , die Stimmberechtigten auszuscheiden , die Wählenden und Wählbaren zu prüfen ! Und nun dies Diner ! Pfannenstiel , der Gerichtsbote und Amtsvoigt , der mit einigen Akten hinter dem Schreibpulte des Justizdirektors stand , hatte tiefes Mitleid mit seinem Vorgesetzten . Das auch heute noch , sagte er antheilnehmend , wo die Frau von Zeisel so nicht weiß , wo ihr der Kopf steht ! Ja , Pfannenstiel , ich weiß nicht , was ich unterschreibe . Alle Buchstaben laufen mir durcheinander . Eine Magd kam und wollte wissen , wie viel Flaschen Wein wol herausgestellt werden sollten . Wieviel meinte meine Frau ? Sechs , sagte die Magd . Kathrinchen ! Hat meine Frau sechs gesagt ? Pfannenstiel ergänzte , daß die gnädige Frau wol hätte sechszehn gemeint . Sechs ! hieß es . Herr von Zeisel räusperte sich in großer Verlegenheit , legte die Feder auf das Pult , schlug den Schlafrock über die langen Gliedmaßen und begab sich , ohne ein Wort weiter zu sagen , zur Thür hinaus , um mit seiner Frau über diesen Gegenstand eine nothgedrungene freie Conferenz zu halten . Wer kommt denn Alles ? fragte inzwischen Pfannenstiel . Die Magd klagte , daß sie keine Besinnung hätte . Diese Aufgabe wäre zu