die religiösen Empfindungen und Vorstellungen verloren nur mehr und mehr die Macht , sie zu beeinflussen . Sie wandte sich mit einem stillen Widerwillen von ihnen ab . Ein Durst nach Verstehen dessen , was um sie her vorging , war an ihre Stelle getreten . Agathe wurde immer lebhafter in ihrem Wesen , sie sprach und lachte so viel wie niemals zuvor . Ihr Augen verloren den tiefen , schwärmerischen Ausdruck und richteten sich bestimmt auf Dinge und Menschen . Mit Eifer und Vergnügen begann sie Romane zu lesen — solche , die man jungen Mädchen nicht erlaubt , und die sie verbarg , sobald jemand kam . Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie , daß ihre Mutter die Bücher auch gern las , obgleich sie darüber schalt und nicht begriff , wie Menschen so unsinniges Zeug zusammenschreiben konnten . War in Gesellschaft von einem der Bücher die Rede , und wurde Agathe gefragt , ob sie es gelesen , so antwortete sie , ohne zu erröten : “ Nein , ich denke , das kann man nicht . ” Die Herren ihrer Bekanntschaft setzten ihr dann auseinander , daß mancher der Dichtungen ein gewisser Wert nicht abzusprechen sei . Aber sollten sie sich vorstellen , daß sie mit einer jungen Dame verkehren müßten , die dergleichen gelesen hätte — nein , das würde ihnen außerordentlich peinlich sein . Zuweilen dachte Agathe : wenn sie noch heiratete , so könne es nun nimmermehr eine ideale Ehe für sie werden . So vieles , was ihr schon durch den Kopf gegangen , durfte sie keinem Manne je gestehen . Und eine wahre Ehe war nicht möglich ohne völliges , gegenseitiges Vertrauen . Also bemühte sie sich kaum noch um des Zieles willen , sondern nur , weil eine innere Unruhe sie antrieb , immerfort nach Liebe und Bewunderung zu suchen . Nur einmal geküßt werden , das war eine fixe Idee . Mußte es denn eine regelrechte Verlobung sein ? Es waren doch auch andere Küsse denkbar ? Ja — denkbar schon . . . denkbar ! Aber die Gewohnheit eines ganzen Lebens deckte Agathe mit einem festen Schilde . Sie träumte die leidenschaftlichsten Abenteuer . . . . und blieb doch nach außen das vornehme , zurückhaltende Mädchen . Nicht aus Heuchelei . Sie konnte nicht anders — wenn sie auch wollte . Sie spielte mit der Gefahr , nach der sie sich sehnte , bis sie vor der leisesten physischen Annäherung eines Mannes instinktiv zurückschauerte . Nicht in keuscher Unschuld — denn sie war kein Kind mehr — sie war erwacht , ein reifes , temperamentvolles Weib . Ihr Phantasie- und Gefühlsleben war nicht mehr unschuldig . Es war nur ein fortwährender Streit zwischen ihrer individuellen Natur und dem Wesen , zu dem sie sich in liebendem Eifer nach einem ehrwürdigen , jahrtausende alten Ideal gemodelt hatte . Und es war wilder , scheuer Hochmut in ihr : Sich selbst — diese gehütete Kostbarkeit , einem Manne geben , der nur Talmi verlangte ? Und der sie , Agathe Heidling , dann sein Leben lang für Talmi halten durfte ? Die Eltern freuten sich , daß Agathe sich die Enttäuschung so wenig zu Herzen nahm . Sie tanzte im nächsten Winter , so viel es ging , lockte mehrere junge Leute auch an , bei Heidlings Besuch zu machen . Man sagte ihr Schmeicheleien , wie sie sich konserviere — bei Abend könne man sie gut noch für ein ganzes junges Mädchen halten . Nur liebenswürdiger sei sie als früher . Dürnheim besann sich zwei Winter hindurch , ob er nicht vielleicht anhalten sollte — sein Vetter Raikendorf hatte ihn zwar gewarnt . . . . schließlich feierte er dann doch seine Hochzeit mit der kleinen Romme . Sie bekam dreißigtausend Thaler bar mit in die Ehe , wußte Onkel Gustav . Zwei Winter hatte Agathe mit erlahmenden Kräften gekämpft — nicht gerade um Dürnheim allein — um jede neue Männererscheinung — um einen Blick — um ein Lächeln . Und die heimlichen Niederlagen , von denen nur sie selbst wußte ! Die Reue — die Scham — die Langeweile — zuletzt mehr und mehr ein Gefühl , als habe sie sich selbst verloren und schwanke — eine welkende Form ohne Inhalt , ohne Seele — durch der Erscheinungen Flucht . Heidlings feierten ein schönes Fest . Der alten Küchendorte wurde der Preis für fünfundzwanzigjährige treue Dienstleistung bei einer Herrschaft und für tadellosen sittlichen Wandel verliehen . Alle Mitglieder der Familie hatten sich versammelt , die treue Magd zu ehren . Sie bildeten einen Kreis um Dorte , als der Regierungsrat ihr im Allerhöchsten Auftrage die Bibel und das silberne Kreuz , das die Kaiserin zu diesem Zwecke gestiftet hatte , überreichte . Er verlas mit lauter , feierlicher Stimme das amtliche Begleitschreiben . Frau Heidling und Agathe trockneten sich die Augen — wenigen Herrschaften konnte man heutzutage nachsagen , daß ein Dienstbote so lange bei ihnen ausgehalten habe . Die übrigen Mädchen des Hauses , die sich bescheiden und neugierig in der Thüröffnung drängten , sollten sich ein Beispiel an der Jubilarin nehmen . Der Regierungsrat ergriff die Gelegenheit , einige warme Worte von dem Segen , der die Pflichterfüllung kröne und tiefere innere Befriedigung gewähre , als die heutzutage überhand nehmende Genußsucht , in die Feier zu verflechten . Die Mädchen weinten vor Rührung : der Herr Regierungsrat redete auch zu schön ! Dann wurde Dorte an den Geschenktisch geführt . Ihre in unzähligen Fältchen fast versteckten Maulwurfsaugen blinzelten , geblendet vom Funkeln der fünfundzwanzig Lichter , die eine in der Mitte prangende Torte umgaben . Mit undeutlichem Brummen , das ihre Zufriedenheit ausdrücken sollte , betastete Dorte das von der Rätin gestiftete Cachemirkleid — ein Portemonnaie mit Goldstücken gefüllt — hundert Mark ! und die Gaben , die Fräulein Agathe , die jungen Heidlings und Onkel Gustav beigesteuert hatten . Der kleine Wolf , ein stämmiges Bürschchen , hielt in seinen dicken Pfötchen einen Karton mit