der glühende Sonnenball ins Meer , und aus der Lichtflut , die sich über die Wellen ausgoß , stieg sie wieder auf , die alte Wunderstadt der Sage , umwoben von Märchenduft und Zauberglanz ; das Wunderreich that sich wieder auf mit seinen unermeßlichen Schätzen , und aus der Tiefe klangen die Glocken Vinetas , immer voller , immer mächtiger , wie sie geklungen hatten in jener Stunde auf dem Buchenholm . Sie hatte nicht Wort gehalten , die Märchenstunde , wenigstens den beiden nicht , die sie damals miteinander erlebten . Fremd und feindselig hatten sie sich getrennt ; fremd und feindselig waren sie wieder einander begegnet , und so standen sie sich noch gegenüber . Der Jüngling war zum Manne geworden , der kalt und einsam durch das Leben ging ; das Kind war zu einem Weibe voll Schönheit und Glück herangereift , aber was jene Stunde ihnen gegeben , das hatten sie beide doch nie wieder empfunden ; erst an diesem düsteren Herbstabend wurde es wieder lebendig . Und als die Erinnerung jetzt zu ihnen herüberwehte , da versanken die Jahre , die dazwischen lagen , versanken Haß , Streit und Erbitterung , und nichts blieb zurück als das tiefe unaussprechliche Sehnen nach einem ungekannten Glück , das zum erstenmal aufgewacht war unter den Geisterklängen Vinetas – nichts als der Traum beim Sonnenuntergang . Waldemar war der erste , der sich daraus emporriß ; er fuhr heftig mit der Hand über die Stirn , als müsse er sich gewaltsam losreißen von all den Bildern und Gedanken . » Wir thun wohl besser , nach der Försterei zurückzukehren und die Jagd dort zu erwarten , « sagte er hastig . » Es fängt an zu dämmern und – man kann ja nicht atmen in diesem Nebelmeere . « Wanda stimmte ihm sofort bei ; auch sie wollte nicht länger sehen , was dieses Nebelmeer ihr zeigte , wollte diesem Zusammensein ein Ende machen um jeden Preis . Sie nahm die Schleppe ihres Reitkleides auf und machte sich zum Gehen bereit . Waldemar warf die Flinte über die Schulter , plötzlich aber hielt er inne . » Ich habe Sie vorhin beleidigt mit meinem Verdachte ; vielleicht war ich ungerecht . Aber – seien Sie aufrichtig gegen mich ! – galt die halbe Abbitte , zu der Sie sich herabließen , wirklich Waldemar Nordeck ? Oder galt sie nicht vielmehr dem Herrn von Wilicza , mit dem man eine Versöhnung sucht , damit er zuläßt oder doch wenigstens übersieht , was auf seinen Gütern geschieht ? « » Sie wissen also – – ? « fiel Wanda betreten ein . » Genug , um Ihnen jede Besorgnis darüber zu nehmen , daß Sie vorhin unvorsichtig gewesen sind . Hat man mich wirklich für so beschränkt gehalten , daß ich allein nicht sehen sollte , was man sich sogar schon in L. erzählt , daß Wilicza der Sitz eines Parteigetriebes ist , dessen Seele und Mittelpunkt meine Mutter bildet ? Sie dürfen mir ohne jede Gefahr zugeben , was bereits die ganze Umgegend weiß , – ich wußte es , ehe ich hieher kam . « Wanda schwieg ; sie versuchte in seinen Zügen zu lesen , wieviel er bereits wisse , aber in Waldemars Gesicht ließ sich nun einmal nicht lesen . Es war und blieb verschlossen . » Doch davon ist ja jetzt nicht die Rede , « hob er wieder an , » Ich bat um Antwort auf meine Frage . War der Akt der Selbstüberwindung vorhin ein freiwilliger oder wurde nur ein – Auftrag vollzogen ? O , fahren Sie doch nicht so entrüstet auf ! Ich frage ja nur , und Sie müssen mir es schon verzeihen , Wanda , wenn ich mißtrauisch bin gegen eine Freundlichkeit von Ihrer Seite , « Die junge Gräfin hätte diese Worte wahrscheinlich als eine erneute Beleidigung angesehen und demgemäß geantwortet , hätte nicht etwas darin gelegen , das sie wider ihren Willen entwaffnete . Waldemars Haltung war eine andre geworden , seit er in den Nebel dort geblickt hatte ; es fehlte das Eisige , Feindselige darin , auch seine Stimme klang anders als vorhin , weicher , halb verschleiert , und Wanda bebte leise zusammen , als er zum erstenmal wieder nach Jahren ihren Namen aussprach . » Wenn meine Tante mich einst unbewußt zum Werkzeug ihrer Pläne benutzte , so rechten Sie mit ihr darüber , und nicht mit mir ! « entgegnete sie leise , und es war , als ob eine unsichtbare Macht den Stachel aus ihren Worten genommen . » Ich ahnte nichts davon ; ich war ein Kind , das nur den Eingebungen seiner Laune folgte . Jetzt aber « – sie hob mit ihrem ganzen Stolze das Haupt – » jetzt stehe ich selber ein für mein Thun und Lassen , und was ich vorhin that , geschah auf meine alleinige Verantwortung . Sie haben recht , es galt nicht Waldemar Nordeck ; er hat mir seit unserm Wiedersehen keine Veranlassung gegeben , eine Versöhnung mit ihm zu suchen oder auch nur zu wünschen ; ich wollte den Herrn von Wilicza zwingen , endlich einmal das geschlossene Visier zu öffnen . Es bedarf dessen nicht mehr . Seit der heutigen Unterredung weiß ich , was ich bisher nur ahnte , daß wir in Ihnen einen erbitterten , erbarmungslosen Gegner haben , der seine Macht im entscheidenden Augenblick brauchen wird , und müßte er auch alle Bande der Familie und der Natur mit Füßen treten . « » Und an wen sollen mich denn diese Bande ketten ? « fragte Waldemar finster . » An meine Mutter vielleicht ? Wir wissen es beide , wie wir miteinander stehen , und sie vergibt es mir jetzt weniger als je , daß ich der Erbe des Nordeckschen Reichtums geworden bin und nicht ihr Jüngstgeborener . An Leo ? Es ist möglich , daß so etwas wie Bruderliebe zwischen uns existiert , aber ich glaube