Reptil von sich zu werfen . Noch war er weit entfernt von der Herrschaft über sein empörtes Blut ; noch stürmte die Bewegung heftig in ihm , und das frivole Wesen , das mit frevelnder Hand diese harmonische Natur aus den Fugen gerissen , dort sah es von der Wand hernieder , im weißen Iphigenia-Gewande an eine Säule gelehnt , mit gefalteten , lässig herabgesunkenen Händen und einem lieblich gedankenvollen Aufblicke ; fast fromm sah das dämonische Mädchen aus . Damals hatte sie noch um seine Liebe , seinen Beifall geworben ; damals war sie noch entschlossen gewesen , sein Ideal zu verwirklichen und dem künftigen „ berühmten Universitätsprofessor “ die waltende gute Fee seines Daheims zu werden . Sie wäre es doch nie geworden ; gerade das wäre der Boden gewesen für ihre Sucht , als schaffender Geist zu brillieren . Er hätte einen besuchten Salon , aber kein Daheim , eine in unbefriedigtem Ehrgeize sich verzehrende Weltdame , aber kein wahrhaft liebendes Weib , keine „ mitringende , mitfühlende Gehülfin “ gehabt . Dagegen war er ja auch nicht mehr blind – und doch gab er sie nicht frei . Oder war nun doch das Band gelöst , nachdem Flora ihm so unumwunden den Ausdruck ihres Hasses in das Gesicht geschleudert hatte ? Käthe wußte ja nicht , was sich nach ihrem Hinausgehen ereignet , soviel aber sagte sie sich , daß ihr längeres Verweilen hier in seinem Zimmer nicht statthaft sei , mochte der Würfel gefallen sein , wie er wollte . Der Doktor hatte den finsteren Blick aufgefangen , den sie aus das Bild geworfen , und sah nun , daß sie sich zum Gehen anschickte . „ Ja , gehen Sie , “ sagte er . „ Henriettens Kammerjungfer ist gekommen und hat bereits ihr Pflegeramt angetreten . Der Zustand der Kranken ist derart , daß Sie getrost in die Villa zurückkehren können , um der Frau Präsidentin , wie sie es lebhaft zu wünschen scheint , beim Thee Gesellschaft zu leisten ; sie fühle sich so sehr vereinsamt , ließ sie herüber sagen . Ich gebe Ihnen mein Wort , Sie können unbesorgt gehen ; ich wache treulich über Ihre theure Kranke , “ wiederholte er nachdrücklich , als sie lebhaft zu protestieren versuchte . „ Aber geben Sie mir noch einmal die Hand ! “ Er hielt ihr die seine hin , und sie legte rasch und willig ihre schlanken Finger hinein . „ Und nun , was man Ihnen auch heute noch sagen mag , lassen Sie sich nicht verleiten , mich zu verurtheilen ! Schon in den nächsten Tagen wird sie , “ er nannte den Namen nicht und neigte nur , ohne hinüberzublicken , bitterlächelnd den Kopf nach Flora ’ s Bild , „ ganz anders denken , und das ist ’ s , was mich konsequent bleiben heißt ; ich darf nicht den Vorwurf auf mich nehmen , als hätte ich einen günstigen Moment – auszunutzen verstanden . “ Sie sah befremdet zu ihm auf , und er neigte bedeutsam und so sonderbar resigniert den Kopf , als wollte er sagen : „ Ja , so steht es , “ aber über Beider Lippen kam kein Wort . „ Gute Nacht , gute Nacht ! “ sagte er gleich darauf – er ließ mit leisem Drucke ihre Hand fallen und trat an den Schreibtisch , während sie rasch der Thür zuschritt . Unwillkürlich wandte sie sich noch einmal auf der Schwelle um – er führte eben seltsamer Weise das leere Kelchglas an seine Lippen ; in demselben Augenblicke aber auch glitt es aus seiner Hand und zersprang auf dem Boden in Scherben und Splitter . – – – Drüben im Krankenzimmer stand Flora zum Fortgehen gerüstet , sie sah aus , als bebe jede Fiber an ihr vor nervöser Ungeduld . „ Wo steckst Du denn , Käthe ? “ schalt sie . „ Die Großmama wartet ; Du bist schuld daran , daß man uns den Thee mit Impertinenzen würzen wird . “ Käthe antwortete nicht . Sie warf den Baschlik über , den ihr die Jungfer mitgebracht , und trat an das Bett . Henriette schlief sanft ; die dunkle Fieberröthe auf ihren Wangen hatte bedeutend nachgelassen . Wiederholt hauchte das junge Mädchen einen Kuß auf das bleiche , schmale Händchen , das ruhig auf der Decke lag , dann folgte sie der hinausrauschenden Schwester . Im Flure brannte eine kleine Lampe , und ein Lakai aus der Villa , der mit der Kammerjungfer gekommen war und noch Verschiedenes herübergetragen hatte , ging wartend auf und ab . Fast zugleich mit den Schwestern trat der Doktor in den Flur , und jetzt fühlte Käthe abermals die Glut tiefer Beschämung in ihre Wangen steigen ; er reichte dem Bedienten das Billet , den vermeintlichen Todesgruß an die treulose Braut , zur Bestellung an einen in der Stadt wohnenden jungen Arzt . Flora schritt an ihm vorüber , scheinbar , als wolle sie seine Instruction für den Lakaien nicht unterbrechen , und verschwand rasch draußen im Dunkel . Käthe aber ging noch einmal in die Küche und verabschiedete sich von der Tante . Die alte Frau schüttelte mit ernstem Gesichtsausdrucke den Kopf , als sie sich überzeugen mußte , daß „ die Braut “ das Haus bereits verlassen habe , ohne sie auch nur eines flüchtigen Gutenachtgrußes zu würdigen , aber sie schwieg und ging dem Doktor nach in die Krankenstube , um noch einmal nach der Leidenden zu sehen , ehe sie sich in ihr Zimmer zurückzog . Draußen vor dem Hause blieb Flora stehen , nachdem die Schritte des vorausgeschickten Bedienten auf der Brücke verhallt waren . Der durch die offene Hausthür fallende Schimmer der Flurlampe streifte schwach ihr Gesicht – es sah so ergrimmt , so leidenschaftlich beredt aus , als schwebe eine Verwünschung auf den halb geöffneten Lippen . Mit unaussprechlichem Hohne glitt ihr Blick über den roten Ziegelfußboden und die weißen , kahlen Wände