dem beißendsten Hohn – es war wohl auch nur eine Konvenienzheirat , und zwar eine total verunglückte gewesen . Aber er , der sonst jede irgendwie drückende Fessel rücksichtslos abwarf , er hatte auch hier stillgehalten . Er war , wenn ihm » das Treiben zu bunt « geworden , in die weite Welt gegangen , und nur der Tod , nicht das scheidende Wort war zwischen diese Ehe getreten – und das alles , um den Eklat zu vermeiden ! ... Welcher Widerspruch in dem Manne , der in bezug auf Verirrungen , wie Liebesabenteuer , Duellgeschichten , tolle Wetten , nicht die geringste Rücksicht auf das Urteil der Welt nahm – er fürchtete sich wie ein Kind vor jedem Schritte , der einen begangenen Irrtum , einen Mißgriff seines Verstandes gleichsam dokumentieren und vielleicht ein wenig Spott und Schadenfreude bei seinen Standesgenossen hervorrufen konnte ... Diese Schwäche berücksichtigend , hatte sie auch heute der Herzogin gegenüber eigenmächtig , aber in der schonendsten Form die bevorstehende Trennung angedeutet , und so war es ihm sicher erwünscht gewesen , denn er war mit der größten Ruhe auf ihr Bestreben eingegangen ... Nicht lange mehr dauerte die Qual , dann war sie wieder daheim – freilich ohne Leo . Bei diesem Gedanken preßte sie die Augen tiefer in das Kissen ; sie hatte das Kind unbeschreiblich lieb , und schon jetzt nagte der Trennungsschmerz an ihr ; aber selbst ihm konnte sie das Opfer nicht mehr bringen , zu bleiben , jetzt , wo sie einen Blick in die Vergangenheit des Hofmarschalls gethan und täglich , stündlich die Fortwirkung seiner Sünden mit ansehen mußte , ohne einschreiten oder auch nur sprechen zu dürfen ... Ein Schauder , wie Fieberschütteln , rieselte durch die weich , in plastischer Schönheit sich hinschmiegenden Glieder der jungen Frau – ihr graute selbst vor der Luft , die sie in Gegenwart des Mannes mit den mörderischen Händen noch einatmen mußte . Inmitten dieser Vorstellungen berührte ein leises Geräusch ihr Ohr – war es doch , als müsse dort an der Thür » das gelbe vertrocknete Gerippe « im Fracke impertinent lächelnd stehen und mit den dünnen , verkrümmten Fingern die Falten der Portiere zurückraffen – sie fuhr mit einem schwachen Schreckenslaute empor . » Ich bin ' s , Juliane , « sagte Mainau , unter dem blauen Behange hervortretend ... Ich bin ' s – als ob das nicht noch erschreckender für sie gewesen wäre ! – Seit dem Momente , wo er sie zur Trauung abgeholt , hatte er ihr Zimmer nicht wieder betreten . – Sie sprang auf und griff nach der Klingelschnur . » Weshalb ? « fragte er , ihre Hand erfangend . Unter glühendem Erröten schüttelte sie das Haar nach dem Nacken zurück und suchte es zu verbergen , indem sie mit dem Rücken hart an die Wand trat . » Ich brauche Hanna für einen Augenblick , « sagte sie kurz und grollend . Er lächelte . » Du vergissest , daß unsere heutige Damenwelt in dieser Haartracht selbst auf der Promenade erscheint – und dann , wozu diese Etikette ? Habe ich nicht das unbestrittene Recht , ohne Anmeldung hier eintreten und nach meiner kranken Frau sehen zu dürfen , wann ich will ? « – Er strich langsam über das seidenglänzende Haargewoge , das sich trotz aller Bemühungen der jungen Frau doch wieder über Schultern und Arme ergoß , und wie eine Tunika aus Goldgewebe das weiße Kleid bedeckte . – » Welche Pracht ! « sagte er . » Eine etwas verblaßte Schattierung der Trachenbergschen Familienfarbe , « versetzte sie bitter lächelnd , während ihre Linke mit einer kalten Gebärde hinabglitt , um seine Hand abzuwehren . Er stand einen Augenblick betroffen , wobei seine Wangen sich leise färbten – an Ton und Ausdruck mußte er erkennen , daß sie nur einen seiner rücksichtslosen Aussprüche wiederhole ; er sann offenbar darüber , wo sie ihn gehört haben könne . » Ich habe den Arzt mitgebracht , Juliane , « sagte er nach momentanem Schweigen rasch über eine sichtlich unangenehme Empfindung hinweggehend . » Darf er hereinkommen ? « » Ich möchte ihn nicht bemühen . In Rudisdorf waren wir nicht gewohnt , den Arzt um jeder Kleinigkeit willen zu konsultieren – er wohnte viel zu weit entfernt und – « sie brach ab , wozu denn abermals bekennen , daß sie zu arm gewesen und aus Ersparnis zum Selbstarzt geworden seien ! » Das frische Brunnenwasser hat seine Schuldigkeit vollkommen gethan , « setzte sie rasch hinzu . » Er soll dich auch nicht durch eine Untersuchung der belästigen – zu meiner großen Beruhigung sehe ich ja , daß sie dir zu schreiben gestattet , « antwortete er mit einem Blick auf die Schreibutensilien und den daneben liegenden angefangenen Brief an Ulrike . » Ich will nur den Folgen der Gemütsbewegung vorgebeugt wissen – ich habe eben gesehen , daß dich eine Art Nervenschauer schüttelte . « Er hatte also schon länger hinter der Portiere gestanden und sie beobachtet ... Warum mit einemmale die Besorgnis , nachdem er bei dem Vorfalle selbst und auch später die verletzendste Kälte und Teilnahmlosigkeit an den Tag gelegt ? – » Deshalb ? « betonte sie mit halbem Lächeln , den Kopf über die Schulter nach ihm wendend . » Du scheinst zu vergessen , daß ich eine ganz andere Lebensschule durchmachen mußte , als die meisten meiner Standesgenossinnen – ich müßte nicht Ulrikes Schwester , nicht meines Bruders › Famulus ‹ gewesen sein ! Wir haben wirklich nie Zeit gehabt , in aristokratischer Weise unsere Nerven zu berücksichtigen und zu verhätscheln ; wir haben uns derb abgehärtet , wie es diejenigen müssen , die innerlich unabhängig bleiben und ihre geistige Bewegung ungehemmt sehen wollen ... Ich bitte die , den Doktor schleunigst zu entlassen – er wartet doch wohl draußen ? « Sie sprach die letzten Worte hastig , aber mit Nachdruck – er konnte nicht mißverstehen , daß