warum denn ? “ fragte Angelika verwundert . „ Weil es dumm ist , etwas Anderes zu lieben als die Wissenschaft — und weil mich doch Niemand mag — Niemand ! “ Während sie so sprach , fuhr ein Wagen an und heraus stieg der alte Heim . Ernestine erschrak , sie hatte ein Gefühl , wie wenn der Pfarrer käme , den sie heute gemieden . Die Tür ging auf und er trat ein . „ Nun , da seid Ihr Beiden ? “ rief er in seiner biederen Art. „ Ich wollte Dir noch Lebewohl sagen , Ernestinchen , ehe Du auf so lange fortgehst . — Aber warum steht Ihr so verlegen da ? Habt Ihr Euch um die Puppe gezankt ? Ei was für eine Staatsmamsell ! “ er nahm die Puppe , setzte sich mit ihr auf einen Stuhl und ließ sie auf seinen Knieen reiten , wodurch sich der Mechanismus in Bewegung setzte und die Puppe laut Mama schrie . „ Ach , Herr Jesus , wie bin ich erschrocken , “ lachte der alte Herr . „ Das ist aber ein unartiges Kind — Du mußt es besser ziehen , Angelika , daß es fremde Leute nicht gleich so anschreit . “ Angelika klatschte in die Hände vor Freude . „ O , ich wußte es wohl , Onkel Heim , daß sie Dir gefallen würde , — Du wirst sie lieb haben , wie alle meine Puppen , nicht wahr ? “ „ Das versteht sich , sie ist wirklich ein ausgezeichnetes Frauenzimmer und verdient , daß ich ihr näch ­ stens eine Zuckertüte mitbringe . “ „ Ach ja , Onkel , ach ja ! “ jubelte Angelika . „ Aber Du sorgst mir dafür , daß sie nicht zu viel ißt , sonst muß sie ins Bett wie Deine alte Selma und Onkel Heim soll wieder den Puppen-Doktor machen . “ „ Nein , nein , Onkel , ich will schon selbst mitessen , bringe nur bald die Tüte , nicht wahr ? “ Heim hatte mittlerweile sein Auge beobachtend zu Ernestine hinüberschweifen lassen , die stumm zur Seite stand . „ Nun ? was sagt denn unsere Ernestine zu dem Weltwunder ? “ „ Ach Onkel , “ klagte Angelika , „ sie hat sie einen ledernen Balg geschimpft . “ Heim sah Ernestine nachdenkend an : „ So jung und schon so skeptisch ? Kaum zehn Jahre alt und schon keine Freude an Puppen mehr ? Armes Kind ! “ Ernestine schwieg . Die Worte „ armes Kind “ fielen wie heißes Blei in eine offene Wunde . Heim gab Angelika die Puppe zurück : „ Komm her , Ernestinchen . “ Sie näherte sich ihm scheu und langsam . „ Was ist denn mit Dir vorgegangen ? Siehst Du doch aus , als hättest Du ein böses Gewissen ? “ „ Das hat sie auch , Onkel Heim , “ unterbrach ihn Angelika , „ denn sie sagte vorhin , es sei dumm , Je ­ manden lieb zu haben , und das ist doch gewiß sehr unrecht von ihr ! “ „ Das hast Du gesagst ? “ fragte Heim im höch ­ sten Erstaunen . Ernestine glaubte in die Erde zu sinken , sie fal ­ tete bittend die Hände : „ Ach verzeihen Sie mir , bald ist mir ’ s so , bald anders — ich weiß ja gar nicht mehr , was ich tue und was ich rede , ich weiß nur , daß ich ein elendes , elendes Ding bin ! “ Heim schüttelte den Kopf und zog das zitternde Kind zu sich hin : „ Herzchen , vertraue mir ’ s an — ist Dein Oheim hart gegen Dich , mißhandelt er Dich ? Sprich ! “ „ Nein , o nein — er ist ja gut — er tut mir nie etwas zu Leide , er gibt mir kein böses Wort — das ist ’ s nicht , das nicht ! “ „ Ich verstehe . Du fühlst trotzdem , daß er Dir ferne steht — Du entbehrst eben immer die Eltern und brauchst Licht und Wärme , Du arme , verkümmerte Pflanze . Na warte nur ! Wenn Du in den schönen sonnigen Süden kommst mit seiner Farbenpracht und Lebensfülle , da wird Dir wohler sein und das Herz wird Dir aufgehen . Gerne hätte ich Dich bei mir behalten , hätte Dich treu und liebevoll erzogen und Dir den Vater ersetzt , aber es durfte nicht sein — Gott wird es ja wohl wissen , warum — und so seh ich Dich wenigstens mit den besten Hoffnun ­ gen für Dein körperliches und geistiges Gedeihen in jene milden , freundlichen Gegenden ziehen . “ Ernestinen war es , als schmölzen ihr diese väter ­ lichen Worte das Herz . Sie preßte Heims Hände an die Lippen , sie wollte ihm Alles gestehen . „ O sprechen Sie nicht so zu mir ! “ — rief sie mit überströmendem Gefühl , „ nicht so gütig , ich verdiene es nicht ! “ „ Armes schuldloses Kind , was solltest Du ver ­ brochen haben , daß Du kein Wohlwollen mehr ver ­ dientest ? Ernestinchen , raffe Dich auf , was wandelt Dich nur so plötzlich an ? “ „ Ach , wenn Sie wüßten — “ rief Ernestine — da ging die Tür auf und zur rechten Zeit erschien Leuthold , um zu verhindern , was alle seine Pläne zerstört haben würde . „ Herr Geheimerat — ich irrte mich also doch nicht — der Wagen , der anfuhr , war der Ihre . Die Frau Staatsrätin ist in Geschäften bei mir und wünscht Ihre Anwesenheit bei Unterzeichnung eines Vertrages . “ — „ Schön , ich komme , “ sagte Heim kurz und ging mit Leuthold hinaus . „ Nun fährt Onkel Heim mit uns nach Hause ! “ jubelte Angelika . „ Nicht wahr ,