hörte das Ticken des Wurmes in dem alten Holzwerke und dann und 236 wann den Tritt der Dienerin auf dem Korridor . Mit brennenden Augen starrte sie in den sich mehr und mehr verdüsternden Himmel . Ihre Hände hatten das schmale Polster der Stuhllehne umklammert , als müsse sie wenigstens äußerlich einen Halt haben . Allmählich begann es finster zu werden . Der hereinbrechende Abend , die schwarzen Wetterwolken im Verein schufen eine völlige Dämmerung , nur zuweilen leuchtete es grell auf hinter dem Geäst der Bäume . Nebenan schloß Johanne die Fenster der Schlafstube . » Soll ich Licht bringen ? « fragte sie und schaute durch die halbgeöffnete Tür . » Ich danke . « » Aber gnädige Frau sollten sich doch vom Fenster fort setzen , es sieht sich so schauerlich an . « Trudchen rührte sich nicht , und das verweinte Frauengesicht verschwand . Da fuhr ein Windstoß durch die Bäume , wild schlugen die Zweige ineinander , als erwehrten sie sich der rohen Gewalt . Bis zur Erde bogen sich die schwanken Äste und schnellten wieder empor , und in rasendem Wirbel schleuderte der Sturm Sand , abgerissene Blätter und kleine Steine an die zitternden Fensterscheiben . Und nun ein greller , zuckender Blitz , ein Donner , der das Haus erbeben machte , und zu gleicher Zeit strömender , wolkenbruchartiger Regen , untermischt mit dem eigenartigen Prasseln großer Hagelkörner . 237 Johanne kam angstvoll , ihren Kleinen auf dem Arm , in das Zimmer der jungen Frau . » Heiliger Gott ! « schrie sie und sank vor dem nächsten Stuhl in die Knie . Ein neuer Blitz erfüllte den Raum einen Augenblick mit leuchtend rötlichem Licht , und wie tausend Geschütze krachte der Donner nach . » Das hat eingeschlagen , gnädige Frau , das hat eingeschlagen ! « rief sie jammernd . Trudchen war vom Fenster zurückgetreten . Sie stand mitten im Gemach . Beim Schein der Blitze konnte die Dienerin ihr blasses , unbewegliches Gesicht deutlich erkennen . Sie stützte die Hände auf die Tischplatte und schaute nach dem Fenster , als ging das alles sie nichts an . Und immer furchtbarer tobte das Wetter , die Welt schien in einem Flammenmeer zu stehen . Stunden schien es zu währen . Aber allmählich wurden die Blitze seltener , schwächer die Donnerschläge , zuletzt tröpfelte nur noch ein leiser Regen auf die Bäume und im fernen dumpfen Murren erstarb das Wetter . Trudchen öffnete das Fenster und bog sich hinaus . Wunderbar duftende Luft zog ihr entgegen , weich und herb , erquickend und belebend . Und siehe , da droben hatten sich die Wolken geteilt und ein funkelndes Sternchen blickte hernieder . Dann schrak sie zurück . Von der Landstraße scholl eiliges Fahren , Peitschenknall , Menschenruf – was bedeutete das ? Es war sonst todeseinsam hier um diese Zeit . » Feuer ! « Hatte sie recht gehört ? Sie konnte 238 die Straße nicht sehen , aber sie bog sich weit hinaus und horchte auf den verhallenden Lärm . Ein rasches stürmisches Herzklopfen meldete sich . Die Gärtnerfrau kam eben eilig auf klappernden Holzpantoffeln über den spiegelnden Kiesplatz zurück , ihre schrille Stimme drang bis herauf zu Trudchen : » David , mach , daß du hinüberkommst , in Niendorf brennt ' s seit einer halben Stunde – die Spritze ist schon hin , mach fort ! « Kling , kling , kling läutete jetzt die Glocke des Kirchleins . In Trudchens Ohr klang es markerschütternd nach . – Kling , kling , kling ! Was stand sie noch und hatte die Hände fest an das Fensterkreuz geklammert , als seien sie mit ihm verwachsen ? Sie hörte Türen klappen , und Stimmen und Rufen , sie hörte , wie der Gärtner eilig aus seinem Häuschen polterte – und sie stand noch immer wie im Bann . Wieder die hastig mahnenden Töne der stürmenden Glocke ! Wie aus schwerem Traume riß sie sich auf , und nun war sie ganz lebendig . Wie gejagt floh sie aus dem Zimmer , riß im Korridor ein Tuch von der Wand und eilte an Johanne vorüber , die mit der Gärtnerfrau und den Kindern vor der Gitterpforte stand , hinaus auf die halbüberschwemmte Landstraße . » Gnädige Frau ! Um des Himmels willen ! « schrie Johanne hinter ihr drein . Aber sie achtete auf keinen Ruf . Wie flüsterndes Gebet lag es auf ihren Lippen , 239 nur weiter – weiter ! Dunkel breitete sich der Weg vor ihr aus und einsam . Die Männer , die zu Hilfe geeilt , waren längst an Ort und Stelle . Sie flog förmlich . Sie kannte keine Angst in dem finsteren Walde , sie sah nichts weiter als ein liebes , altes , brennendes Haus , als ein Paar einst so heiß geliebte Männeraugen . Da kam es hinter ihr in tappenden Sprüngen . Ach so – der Hund . » Komm « , flüsterte sie und eilte weiter , ihr auf den Fersen das kluge Tier . Ach , der Weg war weit , sie hätte Flügel haben mögen . » Mein Gott ! « stöhnte sie auf , als sie die Anhöhe erklommen hatte und den roten Schein am Himmel gewahrte . Immer rascher eilte sie am Bergeshang weiter , an der nächsten Biegung schon mußte sie Niendorf sehen , und nun stand sie dort , hochatmend . Fast sinnlos irrten ihre Blicke über das Tal . Gott sei gelobt ! Ja , dort wand sich noch roter Dampf zum Himmel empor , hier und da zuckte noch die Flamme auf , aber die Wut des Elements schien gebrochen . Zwar hallten noch Rufe und Stimmen herüber , doch schon kamen Zurückkehrende des Weges daher . Sie trat in den tiefsten Schatten und starrte in die Talsenkung . Heil und unversehrt stand das Herrenhaus , der rote Schein der ersterbenden Flamme spielte auf seinem grünumsponnenen Giebel und streifte die Wipfel des