Ehre , er ist mir ungewöhnlich sympathisch , der junge Mann . « 230 » Sie kennen meinen Neffen ? « Das hübsche Gesicht der Frau Amtsrat schaute ganz verblüfft drein . » Letzte Weihnacht lernte ich ihn kennen , und nicht zum wenigsten an ihm gefällt mir die Begeisterung , mit welcher er von seiner liebenswürdigen Frau Tante spricht . « » Von seiner liebens – wür – – « Frau Amtsrat war auf dem höchsten Grad der Verwunderung angelangt . » Von Ihnen , ja , « bestätigte Bartenstein . » Wundert Sie das so sehr ? « Mit der Frau Tante war plötzlich eine Veränderung vorgegangen : die Grübchen in ihren Wangen verschwanden , und sie sagte in kühlem Ton : » O nein , nein , das wundert mich gar nicht , es ist sogar ganz natürlich – « dann brach sie ab . Aber es nutzt ihm nichts ! Es nutzt ihm gar nichts , setzte sie im stillen hinzu und zwang sich zu einem frischen Lachen . Und der Herr Amtmann , der das Hütchen auf ihrem Kopfe doch wohl bemerkt hatte , griff nach seinem spiegelblanken Zylinderhut und meinte , die gnädige Frau wolle gewiß zu einem Damenkaffee . » Ach ja , « seufzte sie , » was soll man sonst tun in der Stadt ? Wie ich noch in Hilgendorf war , da hatte ich niemals Langeweile . – Solch kleine Stadtwirtschaft , und dazu ein erwachsenes Töchterlein , da gibt ' s nicht viel Arbeit , und ewig lesen oder Handarbeit machen , oder gar malen , sehen Sie , ich kann ' s nun ' mal nicht : Sie glauben gar nicht , was für ein talentloses , hausbackenes Geschöpf ich bin . « Er sah sie plötzlich mit einem langen , leuchtenden Blick an , küßte ihr die Hand und empfahl sich . Die Frau aber blieb auf der nämlichen Stelle in dem rosig durchleuchteten Zimmer stehen und rieb sich die Augen , als ob sie aus dem Schlafe erwachte , dann ließ sie plötzlich die Arme sinken , wie hilflos . Seitdem damals der Rittmeister sie als junge fünfundzwanzigjährige Witwe umwarb , hatte keiner wieder sie mit solchem Blick angeschaut . Ganz eigentümlich war ihr zu Mute , schwer und dumpf lag es ihr plötzlich in den Gliedern , als ob etwas Lähmendes über sie hereingebrochen wäre . Sie schlich nach dem Spiegel und schaute , das Gesicht dicht 231 am Glase , aufmerksam hinein . Machte es die Rosenfarbe der Gardinen , daß ihr ein Antlitz von fast mädchenhafter Frische entgegenblickte ? Und sie ward zornig über dieses vermeintliche Trugbild und riß die seidenen Vorhänge vor den Scheiben zurück , daß das kalte Tageslicht hineinflutete und alles Rosige vor ihm verschwand . Aber auch jetzt wollte der Spiegel ihr weder etwas Häßliches noch Altes zeigen . Gegen ihre Gewohnheit saß sie dann nachdenklich im Kreise ihrer Bekannten , von denen die meisten ihres Alters waren , die alle noch kleine Kinder daheim hatten und die junge Frau herauskehrten . Und eine , die am spätesten geheiratet 232 hatte , sagte gesprächsweise auch noch zu ihr : » Du , Rosa , du wirst ja viel zu früh alt , das kommt aber davon , wenn man die Zeit zum Heiraten nicht erwarten kann . Schau , ich bin nun noch eine junge Frau , und du gehst auf die Großmutter los . « Und eine andere meinte : » Ich wette , Frau Amtsrat , Sie haben ' s recht eilig , das Töchterchen unter die Haube zu bringen . « » Ja , ja , « kicherten die anderen , » man hat schon so etwas gehört – von einer baldigen Verlobung . « Wenn man ihr so etwas noch gestern gesagt hätte , sie wäre empört gewesen , aber heute ? – Sie kannte sich selbst nicht mehr , sie lächelte nur matt . Ihr ganzes Leben zog Abends , als sie in dem großen Himmelbette lag , an ihr vorüber . Sie gedachte des guten Mannes , dem sie gefolgt war , der schönen Hilgendorfer Zeit , seines Scheidens von dieser Erde und ihres Scheidens von Hilgendorf : dann kam sie auf die Testamentseröffnung und auf ihre Entrüstung über die besagte Klausel , die ihr tausend bittere Tränen erpreßt hatte ; endlich auf den Rittmeister . Der war wirklich ein liebenswürdiger Mensch , und sie damals noch so jung , aber für die Welt nicht hätte sie ihr Kind aus den Armen gelassen , um es Lotte anzuvertrauen . Heute drängte sich ihr mit einem Male unter dem bewundernden Blick des Mannes die furchtbare Überzeugung auf , daß die Zahl ihrer Jahre noch keine hohe sei , daß noch eine unendlich lange Strecke des Lebensweges vor ihr liege , die sie möglicherweise einsam durchwandern müsse , wenn sie sich zwar nicht vom Kinde , wohl aber das Kind sich von ihr trennen werde – hatte sie das nur gar nicht bedacht bis jetzt ? Ach ja , ganz flüchtig hatte ihr dieser Zeitpunkt wohl vorgeschwebt , aber merkwürdigerweise sah sie sich dabei immer nur als alte wunschlose Frau . Nun wußte sie plötzlich , sie sei noch nicht alt , trotzdem ihr Kind alle Tage heiraten konnte , und würde selbst in fünf , sechs und zehn Jahren noch nicht alt und wunschlos sein . Wie kam es nur , daß sie seit langer Zeit bis zu dieser Minute nicht mehr an sich selbst , an Rosen , die für sie blühten , an ein eigenes Glück gedacht hatte ? Daß sie nur noch davon träumte , ihre Tochter als Frau Bartenstein 233 zu sehen ? Sich nur noch die milden blassen Freuden einer Großmama vorbehielt ? Sie starrte mit weit offenen Augen in das stille von der Mondnacht dämmernd erhellte Zimmer . Wenn nun das Kind den alten Mann nicht wollte ? Wenn es Treue zu halten verstand dem Sohne jener Frau