Die Liefe ! schrie laut auf , als ich in die Stube trat . Dann sank ich bewußtlos nieder . Als ich wieder zur Besinnung kam , standen die Frau Renner , die Marie und die Liesel an meinem Bett , und ich hörte Kathrins ängstliche Stimme : » Oh , du gerechter Heiland ! Was ist nur passiert ? Ach , mein Kind , meine Gretel ! « Ich erwachte mit der klaren Erinnerung des Geschehenen , ich konnte sogar eine Lüge erfinden , konnte sagen , daß ich über eine Baumwurzel gestolpert und arg hingefallen sei , und so meine beschmutzten Kleider erklären . Ich wurde auch nicht krank , wie Hanna damals . Nein , nichts von alledem , ich mußte das Schreckliche durchkämpfen vom Anfang bis zum Ende , den ganzen bittern Kelch bis auf die Neige leeren . Wenn ich nur hätte weinen können ! Aber die Tränen waren schon alle vergossen . Eine entsetzliche Starrheit war über mich gekommen . Bis dahin hatte mir noch die Hoffnung tröstend zur Seite gestanden , aber jetzt – war alles aus . Er hatte selbst mit rauher Hand den Himmel geschlossen , den er mir einst eröffnete , und es war dunkel geworden um mich her , ganz dunkel . Ich konnte nicht einmal ordentlich mehr denken , ich konnte nicht einmal beten . Ruhelos warf ich mich auf meinem Lager umher , die Augen brannten wie Feuer und das Herz tat mir so weh , daß ich die Hand darauflegen mußte . Vielleicht bricht es – dachte ich , es muß ja brechen ! Die Geschichte eines Mädchens im Dorfe , dessen Geliebter untreu wurde , als er unter die Soldaten kam in die Stadt , fiel mir wieder ein . Er hatte nicht wieder geschrieben , und sie war gegangen , ihn zu suchen ; sie hatte ihn dann auch gefunden im Tanzsaal mit einer hübschen Dirne , mit der er schöntat . Als sie vor ihn getreten war , hatte er sie ausgelacht und ihr gesagt , sie solle sich wieder ins Dorf scheren , er könne jetzt auch Fein und Grob unterscheiden – ein Bauernmädchen möge er nicht zur Liebsten haben . Da war sie gegangen , und als sie in das Stübchen ihrer Heimat trat , war sie ihrer Mutter tot zu Füßen gestürzt . » Die ist an gebrochenem Herzen gestorben ! « erzählen die Leute , wenn sie an dem einfachen Hügel vorübergehen . » Vielleicht hat der liebe Gott Erbarmen « , dachte ich , » und du wachst morgen früh nicht wieder auf . Wenn ' s doch so wäre ! Oh , hätte ich doch eine Mutter , könnte ich ihr doch den ganzen Jammer anvertrauen ! Ach , nur ein Herz , das mich versteht , nur eins ! « Und es wurde Tag nach dieser entsetzlichen Nacht . Ich stand wie sonst auf und brachte wie sonst Kathrin das Frühstück ans Bett . Wie sonst gab ich dem Mädchen meine Anweisungen und setzte mich mit der Arbeit ans Fenster . Aber es kam mir alles so fremd vor . Mein Kanarienvogel saß zusammengekauert auf seiner Stange , er war doch früher so lustig umhergesprungen . Die Vorhänge sahen grau aus und die ganze Stube so unwohnlich . Ich hörte auch nicht , daß jemand an die Tür klopfte , und erst auf Kathrins herein ! « blickte ich auf und gewahrte Hanna . Mechanisch stand ich auf und duldete den Kuß , den sie mir auf den Mund gab . » Gretchen ! Ach , was ist das für ein Aufenthalt drüben im Schlosse – » kann Kathrin hören ? Mach die Tür zu ! – Ich bin weggelaufen , ich konnt ' s nicht mehr mit ansehen . « Sie setzte sich auf das Sofa und zog mich neben sich . » Denke dir , gestern abend gab es noch eine furchtbare Szene zwischen meinem Manne und Eberhardt . Er schien doch gestern schon bei Tische so aufgeregt – er war es in letzter Zeit öfter . Wie du dich erinnern wirst , verschwand er dann plötzlich . Wir saßen noch und plauderten , da hörten wir auf dem Korridor einen Wortwechsel , und gleich darauf trat Eberhardt ein und warf die Tür hinter sich zu , daß es dröhnte . Wir sprangen entsetzt auf – er sah fürchterlich aus , die Haare hingen ihm wild um den Kopf , er schien geweint zu haben . Er hatte gewiß zuviel Wein getrunken bei Tisch , wenigstens meinte es Bergen . Unbekümmert um unseren Schrecken warf er sich in einen Sessel und fing an zu pfeifen , die Melodie zu dem Liede , das du kurz zuvor gesungen hattest . Mitten darin brach er ab und lachte höhnisch auf , dann pfiff er weiter . Mama , voll Entsetzen über dieses unpassende Benehmen , gab meinem Manne einen Wink , er möge ihn hinausführen – wahrscheinlich hielt sie ihn für angetrunken . Heinrich ging also wirklich auf ihn zu und fragte ihn ganz freundlich , ob er eine Partie Billard mit ihm machen wolle . Er erhob sich auch , und sie gingen in den Billardsaal . Von dort hörten wir nach einer Weile heftiges , lautes Sprechen . Ich ging mit Vater in meiner Herzensangst hinüber und kam gerade dazu , als Eberhardt , der ein Queue in der Hand hielt , mit zornbebender Stimme ausrief : › Zum Donnerwetter noch einmal ! Hör auf mit deinen Moralpredigten ! Welches Recht hast du , mich wie einen Schulbuben zu behandeln ? ‹ › Ich behandle dich nicht wie einen Schulbuben , ich frage nur , ob du dich nicht lieber zu Bett legen willst , weil du mir krank zu sein scheinst ‹ , antwortete Heinrich , indem er mir winkte , fortzugehen . Vater , der jetzt hinzutrat , legte beschwichtigend seine Hand auf Eberhardts Arm und bat ihn ebenfalls , die Ruhe