die wirtschaftliche Lage und den Neubau der Fabrik . Wenn die Senatorin eine Ansicht äußerte , war es sicher eine von verwegener Fortschrittlichkeit , und ihr Gatte machte eine objektive Bemerkung darüber , daß Frauen , wenn sie links ständen , dies gleich bis zum Extrem täten , und daß , falls man die Frauen zur aktiven Mitarbeit in der Politik erst zulasse , wie seine Gattin hoffe , daß es bald geschähe , man sie nur zwei Parteien bilden sehen würde : ultrakonservative und radikale ; eine weibliche Mittelpartei würde man nie erleben . Sophie und Marieluis hörten schweigend zu . Es stand zu vermuten , daß Tulla sich langweile , aber sie lächelte manchmal der von ihr vergötterten Frau zu . Das ganze Bild sah so durchaus landläufig und friedlich aus . Aber die sacht umhergleitende , lieblichdienende Frau ließ ihre flammenden Blicke lauernd über die zwei Menschen gleiten , deren Erröten sie gesehen ... Und sie spürte , mit welcher Vorsicht , mit welcher Befangenheit Allert und Marieluis sich vermieden . Sie sprachen nicht miteinander . Aber scheu und flüchtig suchte sein Auge zuweilen das beherrschte , schöne Gesicht . - Sehr aufrecht saß Marieluis und hielt die Hände leicht im Schoß gefaltet . Allert empfand , gleich vielen Menschen in einer großen Gefühlsfeinheit , immer bald , wenn er beobachtet ward . Und es zwang ihn förmlich etwas , dann dem Blick des Beobachters zu begegnen . So sah er nun Frau Julia an - in einer stolzen Frage . Sie lächelte ihm vielsagend , mit funkelnden Augen zu . Und da zwang ihn wieder sein Gefühl , sogleich nach dem Mann hinüberzublicken . - Wie unangenehm war es ihm , daß er das helle Auge auf die Frau gerichtet fand - und nun wandte sich dieser stechende Blick ihm zu ... Und wieder erging es Allert wie so vielen : das Mißtrauen eines anderen macht unfrei ; wirkt hinüber auf den Beargwöhnten und gibt ihm ein ärgerliches Gefühl von schlechtem Gewissen ... Kein Wort war gesprochen worden , aber nun wußte Allert es ganz gewiß , daß dieser Mann von der Angst gepeitscht war , die Frau an ihn zu verlieren . Ich kann ihm doch nicht ins Gesicht sagen , daß er ruhig sein darf , dachte er . Er sollte mich doch zur Genüge kennen , um zu wissen , daß sein Verdacht unbegründet ist . Von diesem Nachmittag an schien sich zwischen der schönen Frau und Marieluis ein näheres Verhältnis anzuspinnen . Sie gingen zusammen zu den Schützlingen des Vereins . Sie besuchten Allerts Mutter gemeinsam im Atelier , wo nun , neben dem unvollendeten Bild eines hamburgischen Staatsmannes , das Porträt der jungen Tulla im Werden war . Frau Julia nahm auch einige Male die neue » Freundin « mit auf den Fahrten zum Bau . Und da traf Allert die beiden Damen . Er sah es wohl , in ihrer merkwürdigen , verschlossenen Beherrschtheit war Marieluis die Umworbene , Abwartende . Aber immerhin : sie ließ sich doch umwerben , gab sich und ihre Zeit , von der es immer hieß , sie sei den ganzen Tag ausgefüllt , den Ansprüchen der Frau hin . Was steckte dahinter ? Seine Mutter erkannte es rasch . Aber alles verbot ihr , davon zu ihm zu sprechen . Sie als Frau wußte ja , daß es Frauen gibt , die , ganz entgegen dem veralteten Gerede von der weiblichen Lust am Heiratsstiften , durchaus ihre Freude und ihr Interesse daran haben , Heiraten zu hindern . Vielleicht nur , weil sie fürchten , aus ihrem engsten Kreis einen angenehmen Kavalier zu verlieren . - Oft genug auch , weil sie einen Verehrer nicht entlassen wollen . Sie spürte : Julia wollte belauern , hetzen , zerstören - mit feinen Worten , mit leisem Lächeln - wie eben eine kluge Egoistin zerstören kann , wenn sie will . Und zugleich hatte sie in Marieluis ' Person ein Mittel , Allert öfters noch heranzuziehen . Wenn er ihr selbst auch vielleicht ausweichen wollte : er blieb gewiß nicht fort , wenn sie sagte : » Sie treffen Fräulein Amster . « Und was wollte Marieluis ? Vielleicht ward sie von jener unbewußten Neugier getrieben , unter deren Zwang ein liebendes und doch noch schwer mit sich kämpfendes Herz steht . - Vielleicht bildete sie sich ein : Julia kennt ihn genau . Und dann : durch die Vermittlung dieser Frau sah sie ihn ja häufiger , als es sonst der Fall gewesen wäre . Das freilich fiel aus den so bestimmten und klaren Linien von Marieluis ' Wesen . Schien so sehr die Art aller verliebten Mädchen . Aber gerade deshalb bewies es wohl viel . Und aus Herzensgrund hoffte die wartende Mutter , daß Frau Julia im Grunde fördere , was sie zu hindern sich vielleicht vorgenommen . Sie konnte übrigens auch nur sehr von fern dieser Beziehung zusehen und nicht genau nachprüfen , welcher Kitt die zusammenhielt . Denn sie war sehr in Anspruch genommen von ihrem jungen Gast , der ihrer Aufmerksamkeit in besonderem Maße bedurfte . Wie schnell verfliegt eine Rührung - wie rasch flaut ein Enthusiasmus ab . Die junge Tulla war vierundzwanzig Stunden glückselig , daß sie bei der geliebten Frau sein durfte , bei » seiner « Mutter . Aber nach dem ersten Freudenrausch des Wiedersehens kam ein sonderbarer Zustand . Es war keine Enttäuschung . Aber es war ein Warten ! Auf irgend etwas Fröhliches , Unterhaltsames . Sie liebte in dieser rasch eintretenden Stille der Empfindungen die teure Frau nicht weniger . Aber sie wunderte sich , wie so ganz anders doch dieses Leben sei . Einen Tag war es sehr hübsch , im Atelier beim Malen zuzusehen . Aber es war schließlich jeden Tag dasselbe . Lesen mochte Tulla nicht . Das erkannte Sophie rasch : dies junge Leben war wirklich noch ganz leer . Man hatte es nur mit Zerstreuungen und Vergnügungen angefüllt