Leichen von Boxern und Mandschutruppen zu Haufen angetürmt , wie sie in verzweifelter Flucht gerade übereinander hingestürzt waren . Auf ihren grünlichen Gesichtern lag ein letztes hilfloses Entsetzen und ihre Körper waren in den weiten blauen Kleidern wie wesenlos zusammengesunken . Ein beklemmender fauler Geruch entstieg ihnen in der drückenden Sommerschwüle . Aber es gab keinen Menschen , der daran denken konnte , andere Menschen zu begraben . Nur die Straßenhunde strichen witternd um die Leichen , in immer enger werdenden Kreisen , Straßenhunde , die , während die Menschen darbten , seltsam fett geworden waren und nun hyänenhaft verstohlen schielten , mit gekrümmtem Rücken und eingezogenem Schwanze , im Bewußtsein , gegen uraltes Gesetz verstoßen und sich am höchsten Lebewesen vergangen zu haben . In der unmittelbaren Nähe des Petang war alles verbrannt und zerstört . Kaum daß in dem allgemeinen Trümmerhaufen zu unterscheiden war , wo Fußsteige , wo Häuser gewesen . Weiter aber folgten Straßen , wo Gebäude noch standen . Aber über all diesen Straßen lag eine unheimliche Stille ; sie waren ganz leer ; und diese Leere , diese Stille wirkten beängstigend nach dem steten Getöse , dem Gedränge der letzten Wochen . Die Häuser waren alle fest verschlossen . Kein Laut drang aus ihnen . Das ganze Viertel wie ausgestorben . Und doch fühlte man im Vorübergehen , daß da , zwischen Ritzen und Spalten , tückische und verängstete Augen spähten . Tschun war mit einigen anderen der kürzlich Befreiten hinausgelaufen . Ganz zwecklos zuerst , wie er selbst dachte . Höchstens etwa , um sich selbst zu beweisen , daß man wirklich und wahrhaftig frei war , daß es nicht bloß der in den vergangenen Wochen so oft geträumte Traum der Befreiung war . Durch die Straße , wo er und die Mutter gewohnt , kam er jetzt mit der kleinen Schar . Hier hatten die Zerstörer arg gehaust . Von dem Häuschen blieben nur ein paar rußige Mauerreste . Zwischen dem Schutt , der die ganze Stätte bedeckte , erkannte Tschun eine Scherbe von einem Näpfchen , aus dem er als Kind einst gegessen . Das Stückchen Porzellan fing gerade einen Sonnenstrahl auf und glitzerte lustig inmitten all der grauen , trostlosen Trümmer . Ach , es war gut , daß die Mutter das nicht sah ! - Und in der lautlosen leeren Straße sagte Tschun plötzlich : » Ich muß weiße Trauerschuhe haben . « Die Worte hallten ganz laut in der Stille , und während er sie sprach , ward sich Tschun bewußt , daß er diesen einen Zweck ja seit Tagen mit sich herumgetragen hatte , daß er nur deswegen mit den anderen jetzt hinausgelaufen war : weiße Trauerschuhe wenigstens wollte er für die Mutter tragen . Nun schauten auch die anderen unwillkürlich auf ihre Füße . Sie hatten das vorher gar nicht beachtet , waren gelaufen wie Tiere , die der Haft entsprungen , aber nun gewahrten sie es : ihnen allen hingen die chinesischen Zeugschuhe in Fetzen ! Sie trugen sie ja ununterbrochen seit zwei Monaten . Da riefen sie alle : » Wir brauchen auch Schuhe ! Wir auch ! Wir auch ! « » Früher gab es hier in der Seitenstraße einen Schuhladen , « sagte Tschun , » wenn er nicht zerstört ist , könnten wir da kaufen . « » Besitzt denn jemand von uns noch Geld ? « fragte einer des Häufleins . Sie sahen sich verdutzt an . » Ach was Geld , was kaufen ! « rief ein anderer , ein großer , starker Bauer , der , durch irgendwelchen Zufall bei Beginn des Aufstandes in Peking anwesend , sich auch in den Petang gerettet hatte , » wir haben wahrhaftig genug ausgestanden und eingebüßt , daß wir uns wenigstens ein paar Schuhe nehmen können , wo wir sie finden . » Er hat recht , « riefen die anderen , schnell überzeugt von der neuen Moral , » dies ist eine andere Zeit als sonst ! « Und es war eine andere Zeit . Sie bogen in die Seitengasse . Der gesuchte Laden bestand noch . Von weitem schon sahen sie den großen Stiefel , den er als Aushängeschild führte . Aber der Laden war fest verschlossen . Er mußte wohl , wie so viele Häuser , verlassen sein , denn auf all ihr Klopfen erfolgte keine Antwort . Da trat der große Landmann vor , stemmte sich gegen die Tür und brüllte hinein : » Wenn nicht sofort geöffnet wird , brech ' ich die Tür auf ! « - Nun nahten schlürfende Schritte im Innern . Die Tür öffnete sich spaltenweit . Man sah einen Alten , zitternd und grünweiß vor Angst . » Hier ist nichts mehr , ehrenwerte Herren ! Hier ist längst alles ausgeplündert ! « versuchte er zu parlamentieren . Aber schon hatte der Bauer die Tür fast ganz aufgezwängt und den Alten gepackt : » Gesteh , wo Du die Schuhe hast , und gib jedem ein Paar , dann soll Dir weiter nichts geschehen ! « sagte er , » andernfalls suchen wir selbst - und dann ... ! « - Die übrigen waren inzwischen auch eingedrungen und verliehen der ausgesprochenen Drohung Nachdruck . Winselnd beschwor der Alte , es sei sein Untergang , wenn etwas wegkäme , die Besitzer wären längst geflohen , hätten ihn als Hüter zurückgelassen , er verlöre sein Gesicht , wenn er das Haus nicht betreue . - Aber schließlich wies er doch mit verstohlener Gebärde aus dem leeren Laden in einen rückwärts gelegenen Raum . Und da entdeckten sie wirklich , wohlversteckt , den ganzen Schuhvorrat . Jeder bediente sich nun rasch . Tschun hatte weiße Trauerschuhe gefunden und sofort angelegt , hatte sogar eine weiße Schnur aufgetrieben , wie sie bei Trauerfällen in den Zopf geflochten wird . Er fühlte sich hierdurch plötzlich wohler . Es war doch nun so , wie es sein sollte . Der Alte mußte nun auch noch Tee bringen