allersonderbarste war , wie in den letzten Wochen ihres Lebens das Talent , dem sie ihre ganze Existenz hingeopfert , ohne es wirklich zu besitzen , geheimnisvoll dämonisch zum Vorschein kam . » Heute noch scheint mir « , sagte Nürnberger , » als hätt ich niemals , auch von der größten Schauspielerin , Verse so sprechen gehört , ganze Szenen so agieren gesehen , wie von meiner Schwester in dem Hotelzimmer in Cadenabbia mit der Aussicht auf den Comosee , ein paar Tage , bevor sie starb . Freilich « , setzte er hinzu , » ist es möglich , ja sogar wahrscheinlich , daß mich die Erinnerung täuscht . « » Warum denn ? « fragte Georg , dem dieser Abschluß so gut gefiel , daß er sich ihn nicht verderben lassen wollte . Und er bemühte sich , Nürnberger , der es lächelnd anhörte , zu überzeugen , daß der sich nicht geirrt haben könnte und daß mit dem seltsamen Mädchen , das in Cadenabbia begraben lag , eine große Schauspielerin dahingegangen war ... Das Landhaus , das Georg suchte , fand er auch auf seinen Wanderungen mit Nürnberger nicht ; ja , von einem Mal zum andern , schien die Entdeckung schwieriger zu werden . Nürnberger spottete wohl zuweilen über die schwer erfüllbaren Ansprüche Georgs , der nach einer Villa zu suchen schien , an der vorn die wohlgepflegte Straße vorbeiführen und die rückwärts eine Gartentüre in den Urwald haben sollte . Schließlich glaubte Georg selbst nicht mehr ernsthaft daran , daß es ihm jetzt gelingen würde , das erwünschte Haus zu finden und verließ sich auf den Zwang des Findenmüssens nach der Rückkehr von der Reise . Notwendiger erschien es , sich möglichst bald mit einem Arzt ins Einvernehmen zu setzen ; aber auch das verschob Georg von einem Tag zum andern . Doch eines Abends teilte Anna ihm mit , daß sie , durch einen neuen Ohnmachtsanfall in plötzliche Angst versetzt , Doktor Stauber besucht und ihm ihren Zustand eröffnet hatte . Er war sehr herzlich gewesen , hatte keinerlei Erstaunen ausgedrückt , sie in jeder Hinsicht vollkommen beruhigt und nur den Wunsch geäußert , Georg vor der Abreise zu sprechen . Ein paar Tage darauf folgte Georg der Einladung des Arztes . Die Ordination war eben zu Ende . Doktor Stauber empfing ihn mit der vorausgesehenen Freundlichkeit , schien die ganze Angelegenheit so einwandfrei und natürlich als möglich zu finden und sprach von Anna nie anders als von der jungen Frau , was Georg eigentümlich , aber nicht unangenehm berührte . Als die sachlichen Erörterungen abgeschlossen waren , erkundigte sich der Arzt nach dem Ziel der Reise . Georg hatte noch kein Programm entworfen , nur so viel stand fest , daß das Frühjahr im Süden , wahrscheinlich in Italien verbracht werden sollte . Doktor Stauber nahm Anlaß von seinem letzten Aufenthalt in Rom zu erzählen , der zehn Jahre zurücklag . Er war damals , wie schon früher einmal , mit dem Leiter der Ausgrabungen in persönlichem Verkehr gestanden und sprach zu Georg in fast begeistertem Ton von den neuesten Entdeckungen auf dem Palatin , über den er als junger Mann selbst Studien gepflogen und in den Heften für Altertumsforschung veröffentlicht hatte . Dann zeigte er Georg nicht ohne Stolz seine Bibliothek , die in eine medizinische und in eine kunsthistorische geschieden war , und trug ihm leihweise einige seltenere Bücher , eines aus dem Jahre 1834 über die vatikanischen Sammlungen und eine Geschichte Siziliens an . Georg fühlte sich höchst angeregt , während ihm so deutlich zum Bewußtsein kam , wie reiche Tage ihm bevorstanden . Eine Art von Heimweh nach wohlbekannten und lang entbehrten Gegenden überkam ihn , halbvergessene Bilder tauchten wieder in ihm auf : die Pyramide des Cestius stand am Horizont , in den scharfen Umrissen , wie sie ihm erschienen , da er als Knabe mit dem Prinzen von Makedonien in die abendliche Stadt zurückgeritten war ; die dämmrige Kirche tat sich auf , wo er seine erste Geliebte als Braut zum Altar hatte schreiten sehen ; unter einem dunkeln Himmel zog ein Nachen mit seltsam schwefelgelben Segeln an der Küste hin ... Er begann zu reden , sprach von den vielen Städten und Landschaften des Südens , die er als Knabe , als Jüngling gesehen , erzählte von der Sehnsucht nach diesen Orten , die ihn oft wie ein wahres Heimweh ergriff , von seiner Freude all das Ersehnte , Bewahrtes und Vergessenes , und vieles Neue , mit gereiftem Blick umfassen zu dürfen , und diesmal in Gesellschaft eines Wesens , das fähig , alles mit ihm zu verstehen und zu genießen , und das ihm teuer war . Doktor Stauber , der eben daran war , ein Buch in die Reihe zurückzustellen , wandte sich plötzlich nach Georg um , sah ihn mild an und sagte : » Das laß ich mir gefallen . « Da Georg seinen Blick ein wenig befremdet erwiderte , setzte er hinzu : » Es war nämlich das erste warme Wort über Ihre Beziehung zu Annerl , das ich im Laufe dieser Stunde von Ihnen vernommen habe . Ich weiß , ich weiß , es liegt nicht in Ihrer Art , sich einem beinahe fremden Menschen gegenüber aufzuschließen , aber gerade weil ichs eigentlich nicht erwarten durfte , hats mir wohlgetan . Es ist Ihnen wirklich aus dem Herzen gekommen , man hats gemerkt . Und es hätte mir leid getan um das Annerl entschuldigen Sie , ich heiß sie halt noch immer so wenn ich mir hätte denken müssen , Sie haben sie nicht so gern , wie sie es verdient . « » Ich weiß eigentlich nicht « , erwiderte Georg kühl , » was Sie veranlaßt , daran zu zweifeln , Herr Doktor . « » Hab ' ich etwas von Zweifeln gesagt ? « erwiderte Stauber gutmütig . » Aber schließlich , es soll schon dagewesen sein , daß ein junger Mann , der allerlei