, die sie zum Aufhören bringt , so geschah es auch hier . Denn nachdem das Mädchen wieder eine neue Stellung erhalten hatte , schien es äußerlich , als sei zwischen beiden alles wie vorher , da sie doch beide mit Mühe und Verdruß ein drückendes Joch trugen , und Karl war oft heftig und ungerecht gegen sie , und sie schwieg voller Sanftmut . Da bat sie ihn , es war gerade am Jahrestag ihrer ersten Begegnung , daß sie wollten wieder an jenen Ort hinausfahren , wo sie sich kennen gelernt . Sie kamen an , und es schien äußerlich alles unverändert , denn wie im vorigen Jahre war der große und niedrige Raum vollgedrängt mit Menschen , und spielte auf der Erhöhung die geringe Kapelle , und es war fast , als schlage der Lärm der Gespräche , des Klapperns , des Gehens und Kommens , des Tanzens und der Musik im gleichen Zeitmaß an ihr Ohr , nur saßen sie jetzt allein und ohne die Freunde . Aber da wurde ihnen klar , wie sie selbst sich verändert hatten , denn sie wurden von Widerwillen und heftiger Langeweile befallen , und wo im vorigen Jahr ihnen die Hoffnung einen weiten Raum gezeigt hatte hinter diesen tanzenden Paaren , da war es jetzt , als sei das alles hier nicht räumlich , sondern geschehe in einer Fläche , und sie hätten fliehen mögen , weil das Gewühl ihnen nahe kam . Mit einem erzwungenen Lächeln führte Karl sie zum Tanze , aber ihre Hände lagen schlaff ineinander , und sie beide dachten an den ersten plötzlichen Händedruck , den sie sich damals beim Tanz gegeben , der sie beide elektrisch durchzuckt hatte . Während diesem überlegte sie sich eine Absicht , führte ihn aus dem Saal in den winterlichen Garten und sprach zu ihm : » Ich sehe ein , daß es für uns beide am besten ist , wenn wir nun auseinandergehen . Wohl haben unsre Eltern recht gehabt , daß sie uns warnten vor der Leichtfertigkeit und sagten , gleich gesellt sich zu gleich . Ich habe geglaubt wie viele heute , das Leben sei leichter geworden , und die Alten seien altfränkisch , und unter den Menschen herrsche mehr Gleichheit wie früher . Aber jetzt verspüre ich , daß ich einem falschen Scheine gefolgt bin , denn in Wahrheit ist das Leben schwerer geworden , weil ein jeder allein steht in der Welt und keinen Menschen hat , noch Meinung , an die er sich halten kann ; und in Wahrheit ist eine tiefere Ungleichheit unter die Menschen gekommen , wie sie früher war ; denn als du versuchtest , wie du es nanntest , mich zu bilden , da verspürte ich eine tiefe Kluft , die nicht überbrückt werden kann ; und wenn ich redlich sprechen soll , so muß ich sagen , ich weiß nicht , welches mehr wert ist , deine Bildung oder das , was ich für mich habe und auch behalten will . Und vielleicht ist das der einzige Unterschied gegen früher , daß ich als ein Dienstbote solche Gesinnungen habe und ausspreche . Aber wir wollen nicht in Haß und Erbitterung voneinandergehen , denn wir haben doch einmal gedacht , wir gehören zusammen , und ich wenigstens bin durch dich ein andrer Mensch geworden . Und wie ich dir schon sonst sagte , will ich das Kind für mich behalten und will mich seiner auch allein freuen , du aber sollst keine Furcht haben durch uns beide . Und denke auch nicht , daß ich ein trauriges Leben haben werde ; denn ich will suchen , daß ich einen guten und tüchtigen Mann bekomme , der für mich paßt , und will heiraten und ein rechtschaffenes Leben führen . « Nach diesen Worten geschah nur noch Unbedeutendes ; und so trennten sich am Ende die beiden , nachdem einer den andern sonderbar beeinflußt hatte und dessen Leben in eine neue Bahn geleitet . Bei Karl kam es in den folgenden Wochen , daß eine dichterische Begabung , die sich bis dahin nicht hatte zu äußern vermögen , einen ihr angemessenen Ausdruck fand . Freilich war seine Dichtung nicht ein Kind der Kraft und Gesundheit und ein freiwilliges Überfließen , sondern wie bei so vielen Menschen unsrer heutigen Zeit war sie ein Kind der Schwäche , die hier dem Seelenunkundigen durch scheinbar scharfe Wiedergabe der Natur gerade als Stärke zu erscheinen vermochte . Zu jener Zeit kam aus dem Auslande der Einfluß gleichgestimmter Seelen , und weil der leere Nachton früherer Kunst , der bei uns damals vornehmlich zu hören war , die Ohren und Geister nicht gegen die fremden Klänge einzunehmen vermochte , so geschah es , daß gerade die Dürftigen und Schwächlichen zu einer besonderen Entfaltung kamen und ein seltsames Gaukelspiel vortäuschen konnten . Karls Geschick wollte , daß er mit in diese Bewegung geriet . Aber weil er ein schwacher Mensch war , so hatte er nicht die Liebe zu den Dingen und Menschen , die ein Dichter haben muß , der die Welt in sich aufnimmt in Heiterkeit und Ruhe und sie vergoldet durch seine Freude , Hoffnung und Willen zum Guten und dann wieder aus sich heraus stellt in einen Rahmen , damit die Menschen das Bild anschauen mögen und glücklicher und besser werden , sondern er beobachtete das einzelne und zerfaserte es und wollte aus den untersuchten Stücken des Leichnams wieder lebendige Körper schaffen , und zerfaserte sich selbst in Hochmut und Selbstverachtung und wollte neue seelische Wahrheiten bilden aus diesen Quellen der Eitelkeit . Und dieses alles bedeutete für die Geschichte seines Wesens einen weiteren Schritt in die Auflösung . Wie aber eine Frucht , die sich aus der Blüte entwickelt hat zum Fruchtansatz und allmählich gereift ist zum rotbackigen Apfel und dann vom Baum gepflückt wird und aufgehoben im dunkeln Raum , wie solcher Frucht alles weitere Geschehen als eine weitere Entwicklung erscheinen muß , nicht nur , daß sie noch