habe . Ich will mich bemühen , möglichst kurz zu sein . Ihre Frau kam heute morgen um zehn zu meiner Frau , ich darf wohl sagen : zu meiner Frau und mir , denn meine Gegenwart hinderte sie in nichts an der Offenherzigkeit und Vollständigkeit ihrer Beichte . Einer tief traurigen Beichte . Sie bereut aufs tiefste , sich von einem Gefühl haben hinreißen zu lassen , welches sie selbst jetzt als ein schiefes , oberflächliches , ihr durchaus unwürdiges anerkennen muß . Sie räumt willig ein , sich an Ihnen , an Ihren Kindern in einer Weise vergangen zu haben , die es schwer , sehr schwer macht , ihr zu verzeihen . Ich wiederhole : sehr schwer . Und doch wohl nicht unmöglich : sie hat uns geschworen : es sei nichts geschehen , was zu verzeihen den Menschen allerdings selten gelingt , wenngleich des Menschen Sohn uns mit seinem erhabenen Beispiel vorangegangen ist . Warum der Mann nur nicht Pastor geworden ist , dachte Viktor , der diese ganze Auseinandersetzung im Grunde beleidigend fand , und laut sagte er : Nehmen wir an , meine Frau ist in ihrer Beichte , um mich Ihres Ausdrucks zu bedienen , streng bei der Wahrheit geblieben , obgleich das in solchen Fällen sehr schwer sein soll . Hat sie Ihnen zum Beispiel auch ihre saubere Aventüren von gestern abend gebeichtet ? Wo nicht , würde Ihnen dieser Brief - Den sie verloren hat , sagte Elimar . Bemühen Sie sich nicht ! Ich weiß durch sie , was der Brief enthält und was gestern abend geschehen ist , vielleicht besser und ausführlicher , als Sie es aus dem Bericht Ihres Beauftragten erfahren haben . Viktor richtete sich in den Hüften auf . Ich erwarte jetzt nur noch , sagte er mit schneidender Ironie , daß Sie mir Vorwürfe machen über die Maßregeln , die ich treffen zu müssen glaubte , um hinter die Schliche der Dame zu kommen . Er hatte unwillkürlich das Wort gebraucht , welches ihm aus den Berichten Herrn Krügers so geläufig war . Um Gottes willen , rief Elimar , ihm die Hand auf das Knie legend , erhitzen wir uns nicht in einem Augenblick , wo ich den Himmel anflehe , uns seinen Frieden zu geben ! Ich bin völlig kaltblütig , entgegnete Viktor . Und so , ganz kaltblütig , frage ich Sie : würden Sie , der Hauptmann von Meerheim , wenn Ihnen begegnet wäre , was mir begegnet ist ; Sie beleidigt wären , wie ich beleidigt worden bin ; in Ihrer Ehre gekränkt , vor der Gesellschaft , in der Sie leben , bloßgestellt wären , wie ich es bin : würden Sie - ja , könnten Sie anders handeln , als ich zu handeln gedenke ? Würden Sie und könnten Sie unterlassen , den Buben , der gewagt hat , mit seinen schmutzigen Fingern an Ihr blankes Wappenschild , an Ihren reinen Namen zu tasten , vor die Mündung Ihrer Pistole zu stellen ? Die Worte hatten Elimar schwer getroffen . Da klaffte wieder einmal der tiefe Spalt zwischen dem , was sein Herz und sein Verstand ihm gesagt und geboten hatten , lange bevor es ihm seine geliebten Denker und Dichter bestätigten , und jenem andern , in dessen engem Bann er nun schon so viele Jahre gelebt hatte in schmerzlicher Resignation einer besseren Ordnung der menschlichen Dinge , die herbeizuführen dem einzelnen Menschen nicht gegeben war . Hatte er nie die Kraft in sich gefunden , Fesseln zu sprengen , die ihm ins Fleisch schnitten , wie durfte er es erwarten und verlangen von einem , den sie nicht einmal drückten , der sie im Gegenteil als einen höchsten Schmuck trug ? Er fühlte peinlich , daß er eine Position verteidigte , die er nicht würde behaupten können ; aber ohne einen letzten Versuch wollte er sie nicht aufgeben . Es giebt zweierlei Ehre , sagte er , die gesellschaftliche und die individuelle . Die erstere trägt ihre Gesetze nicht sowohl in sich , als sie ihr vielmehr von dem Milieu diktiert werden , in welchem wir leben . Die Vernunft dieses Milieu braucht nicht die unsre zu sein ; ich kann mir sogar denken , daß wir in ihr die bare Unvernunft sehen . Aber freilich , solange das Milieu das unsre ist ; ich meine : solange wir aus diesem oder jenem Grunde den Schwerpunkt unserer äußerlichen Existenz darein verlegt haben , müssen wir in Rom wie die Römer thun . Quaeritur : ist in unserm Falle diese Milieu-Ehre beleidigt ? Sind Sie es der Gesellschaft schuldig , ihre in Ihnen beleidigte Ehre zu rächen ? Ich glaube : nein . Die ganze unglückselige Angelegenheit ist für den Ihnen befreundeten und bekannten Kreis tiefes Geheimnis ; ich nehme meine Frau und mich aus , von denen wir hier wohl absehen dürfen . Pardon ! erwiderte Viktor ; ich urteile darin anders und , ich glaube , richtiger als Sie . Es ist mir nicht gleichgültig , wie Herr von Fernau , der in die ganze Sache eingeweiht werden mußte , über mich denkt : ob er mich für einen Mann von Principien hält , oder für einen , der seine Principien , ich weiß nicht welcher sentimentalen Wallung wegen , aufgiebt . Herr von Fernau spielt in meinem speciellen Kreise eine große , und , ich darf sagen , verdiente Rolle . Es handelt sich aber keineswegs um ihn allein . Herr von Luckow und Fräulein Stephanie Sudenburg hegen den schlimmsten Verdacht : davon habe ich mich überzeugen müssen , als ich vorgestern eine sehr vorsichtige Rekognoscierung nach dieser Seite anstellte . Niemand steht mir dafür , daß die Genannten ihre Wissenschaft für sich behalten ; bei der großen Solidarität der Gedanken und Interessen , die in der Sudenburg ' schen Familie herrscht , ist es sogar mehr als unwahrscheinlich . Ich kann also Fritz und Franz Sudenburg nicht mehr in die Augen sehen .