. Das muß uns nicht neidisch machen . « Diese gutmütige Zwischenbemerkung ward von Lanzenau nicht vernommen . Er sah in Fannys Gesicht ; das war ganz bleich und ihm mit starren Augen zugewandt . Und jetzt sagte sie , scharf , herbe , mit dem Ausdruck jäh erwachter Feindseligkeit gegen Lanzenau : » Sie vergessen , hinzuzufügen , daß Herr von Herebrecht der pflichtgetreueste und thätigste Arbeiter in seinem Beruf , daß er der zärtlichste und dankbarste Bruder ist und daß er es bis heute verstanden hat , sich von allen Verschwendungen fern zu halten , zu denen junge Leute unseres Standes sonst tausendfach verführt werden . « Ihre Blicke wurzelten ineinander , drohend , fest . Lanzenau begriff , daß Fanny ihrer Liebe zu Joachim sich bewußt geworden und daß auch Joachim darum wisse , daß sie ihn verteidigte , weil sie zu ihm gehörte . Er erhob sich . Dunkle Röte stieg langsam in sein Gesicht . Ihm schwindelte - er mußte sich wieder setzen , aber nur einige Sekunden ; dann stand er auf und ging hinaus . » Was war das ? « fragte die Gräfin betroffen . » Ich weiß es nicht , « antwortete Fanny mit blassen Lippen , » jedenfalls eine Thorheit . « Die Gesellschaft , obgleich oder vielleicht weil sie ohne Ausnahme die Sache durchschaute , ging rasch zu einem andern Gespräch über . Beim Abendtisch , zu dem Lanzenau sich entschuldigen ließ , setzte die Gräfin Joachim neben Fanny . Als Joachim nach Lanzenau fragte , sagte Fanny leise , daß sie sich seinetwegen mit dem Baron scharf gestreift . Eine erneute Angst überfiel Joachim . Gott - wenn Lanzenau ihn verriete ! Fanny müßte ihn verachten , und doch ... er konnte nicht anders , ihm war ' s , als habe er einer Macht gehorcht , die stärker war als sein Gegenwille . Die tiefe Sorge , die ihn befallen , kam in tausendfach verstärkter Gewalt wieder , als er zur Nacht allein in seinem Zimmer war . Und er , der in seinem ganzen Leben nur Briefe geschrieben , wenn eine Zwangslage ihn nötigte , er setzte sich hin und schrieb an Severina . Alles war still im weiten Schloß . Die Lampe brannte vor Joachim auf dem Tisch , die behagliche Wärme , die aus den heißen Luftröhren durch das Kamingitter strömte , hielt jedes Nachtfrösteln fern . Von nebenan klang ein tiefer , sägender Ton - Vetter Heini schlief da den Schlaf des Gerechten , an der andern Seite war Totenstille . Dort wachte vielleicht Lanzenau auf ruhelosem Lager . Dieser Gedanke übermannte Joachim plötzlich ; er legte sein Gesicht in seine Hände und seufzte tief . Seinetwegen hatte Fanny mit dem treuesten aller Freunde scharfe Worte gewechselt . Seinetwegen ... o , es war nicht auszudenken . Das Gefühl seiner Unwürdigkeit durchschütterte ihn ; und doch fand er keinen Ausweg . Endlich faßte er sich und schrieb : » Schreiben Sie an Adrienne oder an Severina , daß wir nicht , wie es seit Wochen geplant war , am Tage nach meinem Geburtstag nach Mittelbach zurückkehren . Der starke Schnee verhindert die beabsichtigte Jagd ; da aber heute abend alle Anzeichen von Tauwetter vorhanden sind , schlägt Taiß vor , daß wir dasselbe abwarten . Somit bitte ich , daß alle Vorbereitungen zur Aufnahme der Gäste wie zum Jagddiner um einige Tage hinausgeschoben werden . - Das war die Bestellung , welche Fanny mir beim Abendtisch gab nach den gemeinsam gepflogenen Beratungen . Ich richte sie Dir aus , Severina , weil ich noch mehreres hinzuzufügen habe . « Joachim hielt inne und lächelte in bitterer Selbstverspottung über den Ausdruck : » weil ich noch mehreres hinzuzufügen habe . « Als wenn es sich etwa um das Menü handelte , welches es beim Jagdessen geben sollte . » Wenn Du diese Zeilen zu Ende gelesen haben wirst , bist Du vielleicht nicht mehr im stande , mich zu lieben . Aber mein Herz ist so beunruhigt , daß ich wenigstens versuchen will , es Dir gegenüber zu erleichtern . Liebe Severina , ich sagte Dir immer , daß ich Deine heftige Neigung nicht verdiene . Ich kann nicht treu sein , so gern ich möchte . Ich liebe Dich , bei Gott , es ist keine Lüge ; aber sage mir , kann man zwei Frauen zugleich lieben ? Gewiß , wirst Du sagen , aber auf verschiedene Art. Aber das ist es eben , ich kann keinen Unterschied entdecken . Wenn ich an Dich denke , zerreißt es mein Herz wie Vorwurf und Sehnsucht , und wenn ich an sie denke ... ach , ich wage kaum auszudenken . Severina , hilf mir ; was soll ich thun ? Ich werde noch an diesem Dualismus zu Grunde gehen . Wie konnte das nur alles so kommen , und wie konnte ich , der ich bisher allezeit dem strengen Auge meines Arnold frei zu begegnen vermochte , wie konnte ich etwas thun , das er heftig verdammen würde ? Und doch , es mag Dir wie Verblendung klingen , doch ist es nur namenloser Zweifel , der mich erfüllt , aber kein Schuldbewußtsein . Schreibe mir umgehend wieder . Vielleicht kannst Du mir den Schlüssel zu alle dem geben . Dein unselig-seliger Joachim . « Etwas erleichtert legte er sich schlafen . Wer kann in die letzten Falten einer Menschenseele blicken . Regte sich da bei Joachim vielleicht die Hoffnung , daß Severina ihn frei gäbe ? Seine Gedanken suchten nach Beispielen , die ihn entlasten und seine Herzensgeteiltheit als nicht so etwas Unerhörtes darstellen sollten . Ihm fiel Schiller ein , der ebenfalls in Doppelliebe für zwei Schwestern entbrannte . Während er sich zu vergegenwärtigen suchte , was er darüber schon alles gelesen und daß Schiller die unbedeutendere Schwester geheiratet , beruhigte er sich vollends . Und die Gegenwärtigen haben immer recht . Fanny erstand vor ihm und die Stunde , die