: » Ich möchte auch gern der Mutter schreiben , daß die Schwester sie grüßen läßt . « » Ja so « , versetzte Afra , » nun , auch das kann bestellt werden - nicht wahr , Schwester Cornelia ? Nur ein wenig gedulden müssen Sie sich . Haben Sie Zeit , sich zu gedulden ? « setzte sie scherzend hinzu , nickte mit dem Kopf und schritt weiter an Pavel vorbei , der sich ungeschickt , aber tief vor ihr verbeugte . Er wurde von der Pförtnerin in dasselbe Zimmer geführt , in dem er als kleiner Junge so unvergeßliche Stunden der peinlichsten Erwartung durchlebt hatte . Nichts verändert in dem traurigen Raume , jeder Sessel an der alten Stelle , an der Mauer derselbe feuchte Fleck . Nur die Aussicht aus den vergitterten Fenstern bot heute ein freundliches Bild , denn die damals halb entblätterten Obstbäume prangten jetzt im Frühlingsschmuck weißer und rosiger Blüten . Am Ende des Rasenplatzes , vor dem bis an die Gartenmauer reichenden Seitenflügel des Hauses , trieb sich eine lustige Gesellschaft von kleinen Klosterzöglingen herum . Sie unterbrachen oft ihre Spiele und rannten im Wettlauf auf die Novize zu , der die Aufsicht über sie anvertraut war . Und was hatte diese nur zu tun , um sich der Liebkosungen des anstürmenden Schwarms zu erwehren ! Und wie gütig tat sie ' s und wie ernst ; wie verstand sie , die Wildfänge zu bändigen und die Schüchternen aufzumuntern , Tadel und Lob zu verteilen , Zärtlichkeit zu spenden und Strenge walten zu lassen nach Verdienst und Gebühr ! Pavels Augen hingen unverwandt an ihrer holden , gertenschlanken Gestalt . Ihre Züge genau zu unterscheiden , vermochte er nicht ; doch bildete er sich ein , das Wesen des jungen Mädchens mahne an das Miladas . So - ungefähr so mochte sie jetzt aussehen , die kleine Milada ... Nur nicht so groß konnte sie geworden sein ; das schien ihm unmöglich ; unmöglich auch , daß sie jetzt schon das Kleid der Nonnen trage . Ein Glockenzeichen erscholl ; die Novize nahm das kleinste Mädchen auf den Arm ; die andern liefen vor ihr oder neben ihr her - einen Augenblick , und alle verschwanden im Hause . Pavel trat vom Fenster zurück . Er war durch die Worte des Fräuleins Afra auf ein langes Warten vorbereitet gewesen und nun sehr überrascht , als sich schon nach wenigen Minuten die Tür in ihren Angeln drehte . Auf der Schwelle erschien , in gewohnter edler Ruhe , unverändert durch die an ihr hingegangenen Jahre , die Oberin . Sie führte ein junges Mädchen an der Hand , ein hohes , schlankes , dasselbe , dessen stilles Walten Pavel gesehen , dasselbe , das ihn an seine Schwester gemahnt hatte - Milada im Novizenkleide . Er starrte sie an in grenzenlos wonnigem , grenzenlos wehmütigem Staunen ; über ihre Lippen kam bei seinem Anblick ein Ausruf des Entzückens ; die Blässe ihres zarten Gesichts wurde noch durchsichtiger , noch farbloser . » Pavel , lieber , lieber Pavel ! « sprach sie ; aber sie riß sich nicht los von der führenden Hand ; sie stand still und sah ihn mit großen , glückstrahlenden Augen an . Auch er stand still . Mächtiger als der Wunsch , auf sie zuzustürzen und sie an seine Brust zu ziehen , war die ehrerbietige Scheu , die ihn ergriffen hatte und ihn gebannt hielt und ihm die geliebte Ersehnte , die Nahe - unnahbar machte . Beklommen schwieg er ; in seinem Kopf jagten sich die Gedanken : Diese junge Heilige , war das seine Schwester ? ... Durfte er sie noch so nennen ? - War sie ' s , die er tausendmal in seinen Armen gehalten , geküßt , geherzt hatte- manchmal auch geschlagen ? - War sie ' s , deren Geschrei » Hunger , Pavlicek , Hunger ! « ihn zum Diebstahl verleitet hatte , wie oft , wie oft ! - War sie ' s , deren Füßchen er verbunden , wenn sie sich wundgelaufen bei den Wanderungen von Ort zu Ort , hinter dem Vater und der Mutter her ? ... War sie ' s ? Die Oberin weidete sich an der Überraschung der Geschwister . » Nun « , sagte sie , sich freundlich zu Milada wendend , » wer hat denn einst in kindischem Vorwitz gesagt : Ich sehe dich nie mehr ; sie werden mir nie mehr erlauben , dich zu sehen ? ... Und jetzt ist er da , dein Bruder . Begrüßt euch , gebt euch die Hände . « Die Aufforderung mußte wiederholt werden , bevor Pavel und Milada ihr nachzukommen wagten , und dann , als Pavel die Hand seiner Schwester in der seinen hielt , beängstigte ihn ihr Glühen und das Jagen der Pulse , die an seine Finger klopften . In seiner derben Rechten lag eine kleine schmale Hand , aber nicht die weiche Hand einer Müßiggängerin , sondern eine mit der Arbeit vertraute . So hatte man die zarte Pilgerin auf dem Wege zum Himmel nicht enthoben von der gemeinen Mühsal der Erde ... Ein , als der Lehrer es zu ihm gesprochen , halb verstandenes Wort tauchte im Gedächtnis Pavels auf : » Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Fackel brennen ! « - Sein Herz schnürte sich zusammen , er erhob die Augen von der Hand Miladas zu ihrem Angesicht : » Eine Nonne also , eine Nonne - « sagte er . Die Oberin erwiderte : » Noch nicht ; über ein kleines jedoch wird sie zu denen gehören , die mit unserem göttlichen Erlöser sprechen : Wer ist meine Mutter ? Wer sind meine Brüder ? « Bei dem Worte Mutter erwachte Pavel wie aus dem Traum : » Die Mutter läßt dich grüßen « , sagte er ; » es geht ihr gut . Sie möchte auch gern wissen , wie es dir