dem Glase , welches Martin pünktlich füllte , mit unbewußtem Fleiße zu und wurde darüber fast aufgeweckt und zutraulich . Dies gewahrend , ging jener selbst in den Keller , ein paar bessere Flaschen auszusuchen ; es kam ihn die Laune an , den Tag seines Einzuges ins Rathaus zu Münsterburg durch solche Mildtätigkeit an dem verarmten Manne zu feiern . Die Frau holte indessen gern neue Gläser herbei , den Gast freundlich unterhaltend ; denn auch sie empfand ein seltsames Mitleid mit ihm , und sie glaubte vielleicht , sein Schicksal oder anderes Unheil von ihrem Martin abzuwenden , indem sie sich gegen das Unglück menschlich erwies . Salander sprach einiges von den Ratsangelegenheiten zu dem redseliger werdenden Herrn Kleinpeter und glaubte ihn nach diesem oder jenem Verhältnis und dem Standpunkt , den er dazu eingenommen , befragen zu sollen ; allein obschon der Vorgänger nicht viel länger als ein halbes Jahr keiner Sitzung mehr beigewohnt , so war es doch , als ob alles wie ein Traum hinter ihm läge . Er besann sich kaum auf die Dinge und beantwortete die Fragen gleichgültig und ungenau , während das Gesicht sich wieder zu trüben begann . Salander entkorkte sogleich eine der Flaschen , die Frau nahm sie und füllte zwei Gläser , deren lieblicher Duft sich verbreitete und das Herbstsönnchen auf das blasse Gesicht zurückrief . Das ruhig teilnehmende Wesen dieser Eheleute , der tiefe Frieden , der zwischen ihnen zu walten schien , und der die Nerven belebende Wein ließen ihn jeden Unstern vergessen und machten sein Herz fröhlich , so daß er mit schwimmenden Augen und geröteten Backen dasaß und freiwillig begann , alte Drolligkeiten und Geschichten aus dem ländlichen Amtsleben zu erzählen , bis die erste der feinen Flaschen zu Ende ging . Während Salander die zweite zurechtmachte und der Gast mit froher Aufmerksamkeit zuschaute , benutzte Frau Marie die Pause , ihn zu fragen , welchen Familienbestand er zu Hause besitze und ob alles gesund sei . Da sah sie der Mann wie aus süßem Schlafe geweckt groß an , die glückselige Weinröte verzog sich gegen die Augen hinauf , die so schon glühten , er ließ den Kopf sinken , stützte ihn auf die Hände und weinte gleich darauf wie ein kleines Kind . Erstaunt und erschrocken betrachteten Martin und Marie Salander den Vorgang und den gewaltsam schütternden , angegrauten Kopf vor ihnen . Doch standen sie von ihren Stühlen auf , sich um den schluchzenden Gast zu bemühen und ihn aufzurichten . Es gelang zuletzt ; doch stand er beschämt vor ihnen , entschuldigte sich wegen des krankhaften Anfalles , wie er sich ausdrückte , und wollte sich entfernen . Salander sah aber wohl , daß es nicht eigentlich das » trunkene Elend « war , das ihn befallen , wie man landesüblich das Weinen der Betrunkenen nennt , sondern die plötzliche Erinnerung an ein unglückliches Dasein , welche den widerstandsarmen Altrat übermannt hatte . Er redete ihm daher freundlich zu , sich zu setzen und zu erholen . » Bereite uns jetzt einen guten schwarzen Kaffee , « sagte er zur Gattin , » nachher wird uns die andere Flasche um so besser munden ; denn die muß Herr Kleinpeter noch trinken helfen ! « Frau Salander besorgte den Kaffee auf das beste und ließ es nicht an einem Gläschen alten Kirschgeistes fehlen . So dauerte es nicht lange , bis die Gedrücktheit des neuen Gastfreundes abermals wich und das Feld der froheren Laune überließ , welche das unverhoffte Wohlergehen nicht durch ihre Abwesenheit verabsäumen wollte . Kleinpeter wurde wieder so gesprächig und offenherzig , daß er mit beruhigten Sinnen selbst auf den Ursprung des krampfhaften Tränenvergießens zurückkam ; ein Wort gab das andere , und da er vielleicht zum ersten Mal einer teilnehmenden Aufmerksamkeit begegnete , erzählte er unbefangen und aufrichtig , wie es sich mit ihm verhalte . In Zeit einer Stunde wußten Martin und Marie Salander so ziemlich seine Geschichte , nach Maßgabe ihres Verständnisses . Der Alt-Großrat Kleinpeter war ein geringer Fabrikant von Baumwolltüchern gewesen , mit einigem Vermögen das vom Vater überkommene Geschäft vorsichtig und gemächlich fortbetreibend , ohne stark vorwärts , aber auch ohne zurückzugehen . Als ein umgänglicher und beliebter Mann setzte er mehr Wert auf die Anforderungen des gesellschaftlichen und bürgerlichen Verkehres als auf den Erwerb von Reichtümern . Ein eitles , leichtsinniges Weib , das er geheiratet , trieb ihn noch dazu an ; denn sie setzte das unschuldige Ansehen , dessen er sich erfreute , auf ihre alleinige Rechnung und spreizte sich in demselben wie ein Pfau . Alles , was er tat , war ihre Tugend , was an ihm gefiel , ihr persönlicher Vorzug , was ihm widerfuhr , ihr Verdienst . Es war ihr Mann , von dem man sprach und mit dem sie großtat , und weiter nichts , und überall wollte sie dabei sein , wo er hinging ; auch fuhr sie allein im Lande herum , sooft sie konnte , sich sehen zu lassen und zu prahlen . Zu Haus aber machte sie ihm das Leben sauer durch die verächtliche Art , mit der sie sein Tun und Lassen und ihn selbst zu behandeln sich förmlich die Mühe gab , damit er ja nicht gegen sie aufzukommen sich unterstehe . Auch sonst lebte er schlecht in seinem Hause , weil ihr alles zu viel war , was einer Sorgfalt gleichsah . Zwei heranwachsende Söhne schlugen in ihre Art. Als Kleinpeter , dem just kein Besserer im Lichte stand , zum Mitgliede des Großen Rats und bald zum Amtsstatthalter gewählt wurde , stieg der Hochmut der Frau auf den höchsten Gipfel . Die Titel schienen nur für sie da zu sein , und es war niemandem zu raten , sie nicht mit dem einen oder anderen anzureden . Und während sie dem ärmsten Mann es mißgönnte und ihn beinahe haßte , weil er doch der Inhaber der Titel war , benutzte sie dieselben wiederum , das damit