Helen sagt : ' Alle Leut sterben , nur die Alte nit ! ' « » Mutter ! « schrie Muckerl auf . » Das is von ihr nur ein unbsinnts Reden , sie meint ' s nit so . Sei gwiß ! « » Laß gut sein « , sagte die Alte , » wie sie ' s auch meint , ich weiß , davon stirb ich nit . Ihr Meinen bricht mir kein Stund ab und legt mir keine zu . Nur rechtschaffen schmerzen könnt ' s mich , wann ich s ' lieb hätt ; aber so wie ich sie jetzt kenn , hat ' s kein Gfahr . « » Tu ihr ' s halt verzeihen , Mutter « , sagte Muckerl mit gepreßter Stimme , » und mußt nimmer dran denken ; weißt ja , wie ich dich liebhab . « Er stand ganz nahe dem Bette , und als die alte Frau die schwachen Arme zu ihm erhob , da beugte er sich hernieder , und sie tätschelte ihm mit zitternder Hand die Wange . » Ich weiß , freilich weiß ich ' s. « Es gibt Liebkosungen , die wehe tun , es sind die unserer scheidenden Lieben , wo jeder Kuß , jede Umarmung , jeder matte Händedruck uns sagt : Es ist nicht lange mehr , daß wir uns haben . » Bhüt Gott , Mutter , ich muß jetzt - - « , stammelte der Holzschnitzer , und als ihn die Arme der Kranken freigaben , schlich er aus der Kammer , sachte schloß er die Türe hinter sich , dann aber stürzte er hastig hinaus in den Garten , sank dort in der schattigen Laube auf die Bank , preßte beide Hände vor das Gesicht , und zwei schwere Tropfen rollten zwischen den Fingern über die Knöchel herab . Und doch hatte die Kleebinder gelogen , sie gab sich für stärker , als sie war ; ihr hatten die Worte Helenens » rechtschaffen wehe getan « ! Mag sich ein Kranker auch selber für aufgegeben betrachten , die Mahnung daran von fremder Lippe schmerzt und schreckt ihn , denn sie rückt gleichmütig so nahe , gar so nahe , um was er mit fürchtendem Zagen und bangen Schauern sich quält in den stillen Stunden des Tages und in wachen Nächten . Hier war es eine ungeduldige Mahnung , und die sie verlauten ließ , des einzigen Sohnes Weib ! Während der junge Mann mit dem Schmerze rang , der ihm die Brust zusammenschnürte , wenn er der ihm ganz unverständlichen Herzlosigkeit seines Weibes gedachte , das ja allein ihm zuliebe der Mutter gut sein mußte , lag die alte Frau in ihrem Kämmerlein mit gefalteten Händen und starrte mit tränenverschleierten Augen vor sich hin . Eines sich nah , zunächst wissen , dem man nicht früh genug sterbe ! Das war wieder ein quälender Gedanke mehr , die viele Zeit über , wo sie mit sich allein war wie eben jetzt . Was mag in einsamen Stunden in der Seele eines Todkranken vorgehen ? Was sann die alte Frau , allein gelassen mit dem Gedanken an den Tod ? Was dachte sie beim Kommen und Gehen des Sohnes ? Wenn er kam : seh ich ihn doch wieder ; wenn er ging : vielleicht nimmer ! Seh es nicht mehr , mein Kind , höre nicht mehr seine Stimme , empfind nicht mehr sein treuherzig Liebbezeigen ! Es ist doch ein Eigenes um das Sterben ! - Eine schwere Träne rollte über die eingefallene Wange . Da hört sie Tritte , trocknet die Augen und blickt nach der Türe , außen wird es wieder stille , wieder spinnt sich der Gedanke fort : Es ist doch ein Eigenes ... wieder feuchten sich die Wimpern . Was sie all für Scheidensweh dachte , wer weiß es ? Ach , warum nimmt der Mensch tausendfach Abschied , um einmal zu gehen ? Als der Monat um war , sagte sie : » Ich hätt nimmer gedacht , daß ich den Ersten noch erleb . « Dann aber kam ein Tag , wo es das Leiden über die geduldige Frau gewann und sie nur den einen Wunsch herausstieß : » Ein End will ich , ein End « , und da war es , wo auch der Sohn darunter zusammenbrach und laut aus tiefster Brust aufschluchzte . Sie aber sagte : » Laß gut sein , ich kann mir wohl denken , wie dir is . « Und nun kamen jene qualvollen letzten Tage und Nächte , deren Erinnerung nach Jahren noch jeden durchschauert , den je Liebe oder Pflicht an das Sterbelager eines Schwerkranken bannte . Diese schwere Zeit über war Helenen kein Vorwurf zu machen , sie wich nicht von der Seite der Kranken , sie war ihr Tag und Nacht zu Dienst , unverdrossen eilte sie an den Herd , kochte und briet zu ganz ungewöhnlicher Stunde , wenn gerade ein sogenanntes falsches Gelüste bei der Leidenden sich einstellte . Sie rief Muckerl aus der Arbeitsstube herbei , als die alte Frau in Zügen lag , damit diese , welche sicher nur noch der Wunsch nach der Gegenwart des Sohnes festhielt , leichter sterbe . Helene drückte der Toten auch die Augen zu und schloß ihr den Mund , da Muckerl sich scheute , Hand an die Leiche zu legen . Als die Blätter eben zu vergilben und zu welken begannen , senkte man den nun zur Ruhe gekommenen armen , gemarterten Leib in die Erde . Vom Grabe weg eilte Helene flinken Schrittes voraus , um daheim die Fenster zu öffnen und das Haus zu lüften . An Muckerl , der mit gesenktem Kopfe und hängenden Armen , wie träumend , einherschlich , hatte sich die Matzner Sepherl angeschlossen , sie bezeigte ihm ihre Anteilnahme nicht mit Worten , sondern durch Seufzer und » erbärmliches Getue « . Plötzlich blieb der Holzschnitzer stehen , es preßte ihn etwas