einen hochmütigen Groll auf das Erlittene begründen , welcher Euch für das ganze Leben schädlich sein könnte ! Ihr müsset bedenken , daß Ihr doch das Unrecht und den Mutwillen der übrigen geteilt habt , und Euch hienach glücklich preisen , daß Ihr in so frühem Alter schon von Gott selbst eine ernste Strafe und Belehrung empfangen ; denn das , was Euch , widerfahren , ist nicht die Gerechtigkeit der Menschen , sondern ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der Welt , womit er Euch frühzeitig gewürdigt und gezeigt hat , daß er mit Euch , nicht zu spaßen gedenkt , sondern Euch seine eigenen strengen Wege führen will . Nachdem Ihr also dieses scheinbare Unglück dankbar und reuevoll angenommen und das vermeintliche Unrecht vergeben und vergessen , müßt Ihr allein darauf bedacht sein , dem Ernste dieses Erlebnisses entsprechend fortzuleben , und gewärtig , daß jede Abweichung von der Bahn der Tugend sich an Euch empfindlicher rächen werde als an anderen , auf daß Ihr dadurch in der Übung des Guten gerade fleißiger und stärker werdet als viele , denen nicht solches geschieht . Nur auf diese Weise vermag das Ereignis etwas Heilbringendes zu sein ; ohne dies aber würde es nur eine fatale und ärgerliche Geschichte bleiben , mit welcher ein so junges Leben zu beladen nicht die Absicht und das Vergnügen Gottes sein kann . Freilich ist nun die Wahl eines Berufes das Nächste und Wichtigste , und wer weiß , ob nicht Euere Bestimmung ist , gerade durch diese plötzliche Bedrängnis Euch früher zu entscheiden , als sonst geschehen wäre ! Gewiß habt Ihr schon die Lust zu irgendeinem besondern Berufe in Euch verspürt ? « Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl ; obgleich ich den ernsten moralischen Sinn derselben nicht sonderlich faßte , so ergriff ich doch den Gedanken an eine höhere Bestimmung und Leitung Gottes höchst lebendig und dünkte mich glücklich , mich unter dem besondern Schutze Gottes in meinen Neigungen zu wissen ; es ging mir ein heller Stern auf , und ich sagte unumwunden : » Ja , ich möchte ein Maler werden ! « Bei dieser Antwort stutzte mein neuer Freund fast noch mehr als bei dem frühern Geständnisse , weil er in seiner Abgeschiedenheit von allem Verkehre der Welt am wenigsten an dies Wort gedacht hatte . Doch besann er sich ebenfalls schnell und sprach : » Ein Maler ? Ei sieh , das ist seltsam ! Doch lasset sehen ! Es war allerdings eine Zeit , wo es Maler gegeben hat , welche von göttlichem Geiste erfüllt waren , welche den dürstenden Völkern einen Trunk himmlischen Lebens reichten in Ermangelung des lebendigen Wortes , das wir jetzt haben . Allein so wie schon dazumal diese Kunst nur zu bald ein eitler Flitterkram der hochmütigen Kirche geworden , so scheint sie mir heutzutage vollends ohne innern Kern und ein bloßes Gebaren der menschlichen Eitelkeit und Fratzenhaftigkeit zu sein . Ich habe zwar durchaus keine Kenntnis von den Künsten , wie sie jetzo in der Welt praktiziert werden , kann mir aber desto weniger vorstellen , wie sich ein ernsthaftes und geistiges Leben dabei führen läßt ! Habt Ihr denn so große Lust und Geschick , allerlei unnützes Bildwerk zu verfertigen oder wohl gar Menschengesichter für Bezahlung abzubilden ? « » Zuvörderst will ich ein Landschaftsmaler werden « , erwiderte ich , » und habe dazu allerdings große Lust und hoffe , der liebe Gott werde mir auch das Geschick geben ! « » Ein Landschaftsmaler ? das heißt , merkwürdige Städte , Gebirge und Weltgegenden abbilden ? Hm ! Dieses scheint mir nicht so übel zu sein , da lernt man wenigstens die Welt kennen und kommt weit umher ; Länder , Meere und allenfalls auch , die Menschen dazu ; aber dazu gehört besonderer Mut und eigenes Glück , wie mich dünkt , und vor allem soll , meines Erachtens , ein junger Mensch darauf denken , wie er im Lande bleiben und sich redlich nähren , auch seinen Mitbürgern sich nützlich , und seinen Eltern dienstbar erweisen kann ! « » Die Landschaftsmalerei , die ich im Sinne habe , ist nicht sowohl , was Ihr hiemit darunter versteht , Herr Vetter ! als etwas ganz anderes ! « » Nun , und das wäre ? « » Sie besteht nicht darin , daß man merkwürdige und berühmte Orte aufsucht und nachmacht , sondern darin , daß man die stille Herrlichkeit und Schönheit der Natur betrachtet und abzubilden sucht , manchmal eine ganze Aussicht , wie diesen See mit den Wäldern und Bergen , manchmal einen einzigen Baum , ja nur ein Stücklein Wasser und Himmel . « Da der Vetter hierauf nichts entgegnete , sondern auf eine Fortsetzung zu warten schien , fuhr ich auch fort und geriet nun meinerseits in eine ordentliche Begeisterung und Beredsamkeit hinein . Der zwischen Sonnenglanz und Waldesschatten schwebende See ruhte majestätisch vor den klaren Fenstern ; von fernem Bergrücken schienen einige schlanke Eichen , die in die himmelhohe Sonntagsluft stiegen , mir zuzuwinken , fern , leise , aber eindringlich ; ich blickte unverwandt nach ihnen wie auf eine höhere Erscheinung , indem ich sprach : » Warum sollte dies nicht ein edler und schöner Beruf sein , immer und allein vor den Werken Gottes zu sitzen , die sich noch am heutigen Tag in ihrer Unschuld und ganzen Schönheit erhalten haben , sie zu erkennen und zu verehren und ihn dadurch anzubeten , daß man sie in ihrem Frieden wiederzugeben versucht ? Wenn man nur ein einfältiges Sträuchlein abzeichnet , so empfindet man eine Ehrfurcht vor jedem Zweige , weil derselbe so gewachsen ist und nicht anders nach den Gesetzen des Schöpfers ; wenn man aber erst fähig ist , einen ganzen Wald oder ein weites Feld mit seinem Himmel wahr und treu zu malen , und wenn man endlich dergleichen aus seinem Innern selbst hervorbringen kann , ohne Vorbild , Wälder , Täler und Gebirgsziege , oder nur kleine