Piece füllt einen Teeabend nicht aus , und wer hat den Mut oder die Demut , nach dieser Ersten der Zweite zu sein und nach dem Ungewohnten mit etwas Gewohntem aufzuwarten ? Kein Mann ; nicht der musikbeflissenste der jungen Doktoren , weder der vielbeliebte Cellospieler noch der allbeliebte Balladensänger ; ein Weib mußte sie beschämen . Ein Fräulein mit goldenen Hängelocken ließ sich nach schicklichem Sträuben an den Flügel führen , kramte eine Weile sinnend in dem mitgebrachten Notenvorrat und wählte darauf , sei es nun in erweckter heiliger Erinnerung an den Reigentanz vor der Bundeslade , sei es in der profaneren an die eigene leider entschwundene Reigenzeit , genug , das Fräulein wählte Webers Aufforderung zum Tanz ; noch immer das beliebteste Vortragsstück der Zeit und gemeinhin ein recht bewegliches Stück . Weil die Dame aber in jenes Stadium getreten war , das zwischen denen des Vogels und Fisches im weiblichen Erdenwallen die Mitte hält , begann sie und beharrte ohne Abirrung in dem feierlich maßvollen Tempo , in welchem der König der Harfe unzweifelhaft seinen Reigentanz vorgeführt haben wird , oder in welchem heutigentages etwa ein Großvater den Reigen mit der Großmutter eröffnen würde . Keiner von der Dame musikalischen Freunden hatte ihr bis heute eine Beschleunigung dieses Tempos zugemutet ; keiner , selber der rigoristische Cellodoktor nicht , hatte es einer in heilige oder profane Erinnerungen Verlorenen bemerkbarlich übelgenommen , wenn bei schwierigen Touren ihr ein kleiner unharmonischer Fehlgriff entschlüpfte . Heute aber zuckten Finger und Füße , wackelten Löckchen und Blümchen am ästhetischen Teetisch , und am satirischen Pfeifertisch wurden ganz ausverschämte Gesichter geschnitten . Bei Gelegenheit einer kleinen Terz , die korrekter gegriffen eine große gewesen wäre , kreischte die kleine Sidi laut auf : » Au ! « und dann wechselte sie mit der römischen Großtante einen Blick und ein Kopfnicken , die eine weit nähere Wahlals Blutsverwandtschaft bekundeten . » Du spielst ja wohl auch , Kind ? « fragte Fräulein Thusnelda zum Pfeifertisch hinüber , nachdem die stimmungsvolle Dame geendet und den Tribut der Höflichkeit geerntet hatte . » Gewiß ! « antwortete Sidi dreist . » So laß einmal hören , Kleine . « Die Mutter wollte es wehren , aber die Kleine hatte bereits Posto gefaßt auf dem Kissen , mit welchem Bruder Max hurtig das Taburett vor dem Flügel erhöht hatte , und streckte die Hände , die für ihre Figur zwar unmäßig lang , immer jedoch nur die eines zwölfjährigen Mädchens waren , auf die Tasten . » Was soll ich spielen ? « fragte sie nach der Tante gewendet . » Was du zu können glaubst , Kleine . « Die Kleine klappte das Notenheft zu , das vor ihr noch aufgeschlagen lag ; ihre Augen funkelten wie Koboldsaugen , und aus dem Kopfe statt aus dem erinnerungsreichen Gemüt schlugen die schlanken Finger das eben verklungene Tonstück von neuem an , aber mit » Posaunen und Jauchzen « , im Tempo der Jugendlust und ohne einen einzigen unharmonischen Ober-oder Untersatz . Die Weisesten der Weisen trippelten mit den Füßen wie auf ihrem ersten Studentenball , und dann klatschten sie bravo mit aller Macht ; nur die schönsten der erheiterten schönen Seelen blinzelten ohne ein Fünkchen Schadenfreude zu der gedemütigten Mitschwester hinüber ; die kleine Sidi aber warf sich in ihres Mäxchens Arme ; sie hatte seine Kränkung gerächt , den Pfeifertisch zu Ehren gebracht . Daß sie mit ihrem Triumph über die zum Tanze herausfordernde Jungfrau sich ein Künstlerherz verbunden und eine weittragende Aussicht für ihr verkümmertes Dasein gewonnen hatte , das ahnete die kleine Sidi in dieser Stunde freilich noch nicht . Nur die Mutter hatte das dreiste Wettspiel nicht herausgehört . Sie hegte keine Reigenerinnerungen , und Musik war ihr gedankenstörendes Geräusch ; ihre Blicke hafteten an dem schönen Sohn . Der Muse , welcher ein gastlicher Sinn den Vorrang gegönnt hatte , war mit diesem Bravourstück genuggetan ; wennschon für die weniger sinnlichen Darbietungen , die ihm folgen sollten , statt der hüpfenden Stimmung eine elegische empfänglicher gemacht haben würde . Denn zur Feier der fremden Künstlerin und zur zarten Mahnung an den Wert des deutschen Vaterlandes , dem sie eingestandenermaßen nach diesem letzten Besuche und der Ordnung ihrer heimischen Angelegenheiten für immer den Rücken zu kehren gewillt war , hatte eine Kunstschwester auf verwandtem Gebiet und zugleich Witwe eines grundgelehrten deutschen Mannes , sich bewogen gefühlt , von ihren mannigfachen Reliquien die heimlichste und heiligste zum ersten Male zu offenbaren : einen Brief , in welchem der größte deutsche Dichter mit seiner eigenhändigen Unterschrift sein Beileid an ihrer Verwitwung beglaubigt hatte . Der große Dichter war , wie der große Gelehrte , wills Gott ! ein Seliger geworden ; um beide vereint trug die edle deutsche Frau seit Jahren schon den Trauerschleier ; und hatte sie den einen von ihnen auch niemals mit leiblichen Augen gesehen , fühlte sie sich geistig dennoch eine Doppelwitwe ; denn sie selber war eine Dichterin und nicht gering das huldigende Opfer , ein Wort , das der größte Bruder im Apoll an den Schwestergenius gerichtet , mit einer bloß ausübenden Künstlerin zu teilen . Die Eröffnung würdig vorzubereiten , hatte ein befreundeter Doktor der Ästhetik einen Vortrag ausgearbeitet , welcher in Betracht , daß sein Hörerkreis wenn nicht der Mehrzahl so doch der Hauptperson nach der schöneren Hälfte des Menschengeschlechtes angehörte , des Altmeisters bildenden Einfluß auf diese schönere Hälfte behandelte , und in welchem er diese Hälfte wieder in zwei Hälften , fachgemäßer ausgedrückt : Kategorien - - - Aber - der Vortrag ist ja gedruckt und von Mit-und Nachwelt gebührentlich gewürdigt worden ; wenn jedoch - denn das ist der Kasus , auf welchen es an dieser Stelle lediglich ankommt , - wenn also der Held dieser Geschichte ihn nicht gebührentlich gewürdigt hat , so wird hoffentlich weder dem Vortrag noch dem Helden ein Abbruch an ihrer Schätzung dadurch geschehen . Fragwürdig würde im Gegenteil erscheinen , ob es der Vortrag verdiente , gedruckt