. Ich vermag kaum zu denken , wie es komme , daß dieses hilflose , blutjunge Menschenkind zu dieser Stunde an dieser entlegenen Stelle sei . Da klärt es sich schon auf . Von der Talmulde wankt eine Grasladung heran und unter derselben schnauft die Aga , die für ihre Ziegen Futter sammelt , und das Kind ist ihr Töchterlein - meine Waldlilie . Das Weib ladet hierauf den Grasvorrat auf ihren Rücken und das Kind auf ihre Brust , und wir gehen zusammen dem Tale zu . Ich bin an demselben Abende in ihre Klause eingekehrt und hab ' Ziegenmilch getrunken . Der Berthold ist spät vom Holzschlage heimgekommen . Die Leutchen führen ein kümmerliches Leben ; aber sie sind guten Mutes , und die junge Waldlilie ist ihre Glückseligkeit . Als der Berthold an meiner Brust das Edelweiß sieht , sagt er , mit dem Finger drohend : » Ihr , gebt acht , das ist ein gefährlich Kraut ! « Ich verstehe ihn nicht , da setzt er bei : » Das Edelweiß hätt ' schier meinen Vater getötet und das Edelweiß will mir die Lieb ' zu meiner schon verstorbenen Mutter vergiften . « » Wie so , wie so , Berthold ? « frage ich . Da erzählt er mir folgende Geschichte : Auf der andern Seite des Zahn , vom Gesenke hinaus , ist ein Forstjunge gewesen , der hat ein Sennmädchen lieb gehabt . Aber das ist gottlos stolz gewesen und hat eines Tages zum Forstjungen gesagt : » Bist mir ja recht und ich mag dein werden , aber eine Gewährschaft mußt du mir geben von deiner treuen Lieb ' . Bist ein flinker Bursch ; schlagst mir ' s ab , wenn ich ein Edelweiß verlang ' von der hohen Wand herab ? « » Mein Leben , ein Edelweiß sollst du haben ! « jauchzt der Bursch , denkt aber nicht daran , daß sie die hohe Wand die Teufelsburg heißen , weil sie unbesteigbar ist , weil an ihrem Fuß Martertafeln stehen , von Wurznern und Gemsjägern zeugend , die herabgestürzt . Und die Sennin bedenkt es nicht , das sie eine neue Martertafel begehrt . Aber dasselb ' ist wohl wahr , daß einem die Lieb ' toll den Kopf verrückt . Der Forstjunge hat sich aufgemacht noch an demselbigen Tag . Er besteigt das niedrigere Gewände , über welches der Holzhauer mit seiner Kraxa noch wandeln muß ; er erklettert Hänge , an denen der Wurzner seinen Speik aussticht ; er schwingt sich über Schründe und Klippen , denen kaum mehr der Gemsjäger traut . Und er erreicht endlich jene schaudervollen Stellen an der Teufelsburg , die unter sich den zerrissenen Abgrund , über sich das senkrecht aufsteigende Getürme haben . Auf einem nächsten Felsvorsprung ist ein Gemslein gestanden , das hat lustig sein Haupt erhoben und spottend auf den Burschen herübergeschaut . Es ist nicht geflohen , da oben ist das Wild der Jäger und der Mensch das hilflose Wild . Das Gemslein scharrt mit dem Vorderfuß , da fliegen weiße Flaumschüppchen auf . - Edelweiß . Der Bursche weiß wohl , er hat seine Auge zu wahren , daß das Rad in dem Haupte nicht anhebt zu kreisen . Er weiß wohl : blickt er empor am Gewände , so ist er der Abschied vom Himmelslicht , und senkt er sein Auge niederwärts , so schaut er in sein Grab . Nicht die Gemse , der Boden , auf dem sie steht , ist heute sein Ziel . Einstemmt er den Alpenstock und windet sich und schwingt sich . Blau und grau wird es um sein Auge . Funken tauchen auf und kreisen und vergehen . Nichts sieht er mehr als das Lächeln der Sennin , da schleudert er den Stock von sich , da hebt er an und hüpft und springt in weiten Sätzen . Und die Gemse macht sich auf und setzt wild über sein Haupt , und der Forstjunge sinkt hin auf das weiße Bett ins Edelweiß . Am zweiten Tage nachher hat der Oberförster bei den Leuten nachfragen lassen , ob der Forstjunge nicht gesehen worden sei . Am dritten Tage haben sie das Sennmädchen gesehen im Walde laufen mit gelösten Haaren . Und an dem Abende desselben Tages ist der Forstjunge auf einen Stock gestützt durch das Tal geschritten . Wie er herabgekommen von der Teufelsburg , das hat er keinem Menschen erzählt , noch vielleicht erzählen können . Edelweiß hat er bei sich getragen - einen Strauß an der Brust - einen Kranz auf dem Haupte ; schneeweiß , edelweiß sind seine Haare gewesen . Und das Sennmädchen , das sich in seinem Übermut an dem braunen Lockenkopf versündigt , hat jetzund das Weißhaupt geliebt und gepflegt , bis es selbst ein solches geworden in späten Jahren . - Fast schön hat der Berthold diese Geschichte erzählt und letztlich beigesetzt , daß er von dem Forstjungen und der Sennin das Kind sei . Im Herbst 1818 . Wenn ich in den Wäldern herumgehe zu großen und kleinen Leuten , und von den ersteren lerne und die letzteren lehre , so sehne ich mich oftmals zurück zum Steg der Winkel . Da haben die letzten Jahre her die Leute um das Winkelhüterhaus mit Axt und Hammer so herumgearbeitet und ich habe selber zuweilen ein wenig meine Hand daran gelegt . Und nun ich die Augen einmal aufmache und die Dinge betrachte , sehe ich , daß wir ein Dorf haben . Neben dem Hause sind ein paar Hütten aufgerichtet worden , anfangs nur für die Bauarbeiter , und nun werden sie zu ständigen Häusern eingerichtet . Und da ist der Martin Grassteiger , ein Kohlenbrenner , aus den Lautergräben herübergekommen und hat zwei solche Hütten um eine ganz erkleckliche Summe erkauft und zur Verwunderung der Leute gleich bar ausbezahlt . Aus den pechschwarzen Kohlen werden funkelnde Taler gemacht , hat die alte Ruß-Kath einmal gesagt . Und mit blanken Talern