innerlichen Lebens nur noch in dem kalten , stahlscharfen Blicke der Gier . Die Herrschaft war ausgestorben , und die Magd , die sich frühe und zähe in ihrem Dienste ausgebildet hatte , die Alleingebieterin in dem verödeten Hause . Jetzt , das heißt seit der Stunde , in welcher die Todesbotschaft von Valmy sie erreicht hatte , jetzt war sie und wurde von Tag zu Tag mehr » die schwarze Reckenburgerin « , zu welcher die Volksphantasie die einsame Erhalterin seit einem Vierteljahrhundert ausgearbeitet hatte . Jetzt glich sie den dämonischen Märchenwesen , die Metalle hegen und hüten , lediglich um ihres Glanzes willen ; die der Kupferheller schmerzt , welcher dem eigenen Bedürfnis geopfert werden muß . Ich sage Euch , wie ein Herkules habe ich um die Erhaltung der nutzbringendsten Anlagen gekämpft , und es war am Ende nur die achtzigjährige Gewöhnung , welche das Getriebe mechanisch und methodisch zusammenhielt . Die Korrespondenz mit Dresden verstummte ; der einzige Festtag auf Reckenburg fiel aus , und niemals wieder hat der Name des erkorenen und verlorenen Erben der Greisin Lippen berührt . Sie dachte nicht mehr an Sterben und Vererben . Existierte aus früherer Zeit eine letztwillige Verfügung , und zu wessen Gunsten ? Niemand wußte es . Die Testatorin aber würde keinen Federstrich getan haben , um sie zu widerrufen oder umzuändern . Ein Mensch war ihr so gleichgültig wie der andere ; sie kannte keine Pflicht . Sie wollte leben , nur leben . Die Ewigkeit würde ihr nicht zu lang gedeucht haben , allein , neben ihrem funkelnden Schatz . Kam es aber eines Tages zum Ende , nun , wenn dann die Erde unter ihrem Goldturm sich geöffnet hätte , es würde ihr das rechte , das willkommenste Ende gewesen sein . Vierzehn Jahre noch , die letzten der Jugend , sind mir hingegangen in Abhängigkeit von dieser Mumie mit dem einen überlebenden Sinn ; und sicherlich nicht ohne haftende Spur . Wohl waren die Anlagen , die wir weibliche nennen , von Haus aus nur schwächlich in mir organisiert ; die Stunden in dem Goldturm der Reckenburg aber , wenn auch nur wenige jeden Tag und durch Arbeit gefüllt , sie haben in mir die letzte Fähigkeit unterdrückt , einem häuslichen Wesen die anheimelnde Spur , eine Physiognomie einzuprägen , wie das bescheidene Erdgeschoß der Baderei sie doch so beglückend getragen hat . Die Nachwirkung jener Stunden hat auch den westlichen Turm der Reckenburg zu einer Klause werden lassen , und wenn ich , ihnen zum Trotz , die Grundrichtung meiner Natur durchgeführt habe , so danke ich es der Werkstatt unter Gottes freiem Himmel , die mir rings um ihn erschlossen blieb . Ihr seid noch zu jung , meine Freunde , seid , gottlob ! zu beglückt durch Euer wechselseitiges Selbst , um zu ermessen , wie solch eine Werkstatt unter freiem Himmel einem Menschen zur Welt , ja zum Schicksal werden kann . Aber macht einen alten Bauersmann gesprächig , und Ihr werdet über seine Erlebnisse auf der armen Hufe staunen . Nun jedoch eine Schöpfung , wie die der Reckenburg , so mühsam umgewandelt , so weithin angewachsen , so fruchtbringend schon heute , so segenverheißend für eine kommende , freiere Zeit , da wird jeder Findling des Feldes zu einem weiterfördernden Mittel , die kümmerlichste Pflanzung zu einem beseelten Wesen . Wir sehen die Ernte in dem aufgehenden Halm und in der absterbenden Stoppel die Befruchtung für eine neue Saat . Uns schmerzt jeder Baum , dessen Alter der Axt verfällt , und wir freuen uns jedes jung aufstrebenden Keims ; wir führen fremde Kolonisten in die beschränkte Gesellschaft , die unserer Scholle von alters her entsproß , unsere Kenntnis wächst , die Erfahrung wird bunter mit jeder Färbung und Form . Und wie befreunden wir uns mit der tierischen Kreatur ; wie forschen wir nach ihren Trieben , Sitten und Gesetzen , lernen ihre Lebensart verbessern und ihre Gaben immer reichlicher verwerten ! Seht Eure Herden Tag für Tag auf ihrer Trift , und Ihr unterscheidet an jedem einförmigen Schaf oder Rind ein Gesicht und ein Geschick . Endlich aber , ganz zuletzt , die menschlichen Genossen in dieser abgeschiedenen , kleinen Welt . Es ist kein Paradiesesgarten , meine Freunde . Gleichgültiger als an der weidenden Herde geht der Fremdling an den stumpfen , entarteten Gestalten vorüber , schätzt sie niedriger als das Wild des Waldes in seiner unverkümmerten Schöne und dem ungebrochenen Instinkt . Aber Schritt für Schritt schwinden Ekel und Langeweile , wächst der aufmerkende Trieb . Allmählich werden sie uns vertraut , die platten Gesichter , denen wir jede Stunde begegnen , deren mühseliges Tagewerk wir verfolgen von der Wiege bis zum Grabe . Wir schütteln die rauhe Hand , die mit uns arbeitet an der Umbildung unserer heimatlichen Scholle , dringen aus dem allgemeinen in das persönliche Leben zurück , forschen nach der Spur des göttlichen Ebenbildes in unserem Mitgeschaffenen , streben , sie ihm selber kenntlich zu machen und ihn höher zu fördern in der Reihe der Wesen , die einen Schöpfer ahnen und bekennen . Solch eine kleine Welt war mir untergeordnet , mir zunächst , ja mir allein . Sie hatte ich zu schützen vor dem Verfall , welchem eine wahnsinnige Leidenschaft sie preisgab ; sie der Zukunft zu erhalten , gleichviel , ob dieselbe mir oder einem Fremden zugute kam ; und je schwieriger der Ringkampf um die Mittel , desto tiefer wurzelte die Neigung , desto hartnäckiger der Widerstand . Diese uneigennützige Liebe ist mein Verdienst um Reckenburg , weit mehr als die freie , beglückende Wirksamkeit in einer späteren Zeit . Auf diesem meinem Arbeitsfelde ertrug ich denn auch leichter , als ich nach der traurigen Episode des Herbstes hätte ahnen sollen , den Schicksalswinter von dreiundneunzig mit seinem ätzenden Hohn . Als die Kunde des einundzwanzigsten Januar kannibalisch schreckend bis in unseren stillen Waldwinkel drang , da pries ich meinen jungen Helden selig , der