ja nun tot ; auch die letzte Spur seines geächteten Daseins war aus dem alten Kaufmannshause bereits verwischt - man hatte den Leichnam gestern abend noch in das Leichenhaus geschafft ... Trotz alledem hatte die Verstorbene den Namen Hellwig getragen - ihm galten die schwarzen Spitzen und der Kreppstreifen , der heute den wohlgestärkten Leinwandkragen am Halse der großen Frau verdrängt hatte . Sie schloß die Thür auf , in welcher einst Felicitas die alte Mamsell hatte verschwinden sehen . Außer der bekannten Treppe , welche hinter der gemalten Thür lag , führte noch ein zweiter Aufgang , eine enge , gewundene Stiege , in die Mansarde , und zwar direkt von der schmalen , steilen Straße aus ; das war der Weg , den Heinrich und die Aufwartefrau benutzt hatten , und zu welchem auch die Hofthür führte . Wohl sahen die Gipsbüsten noch unangetastet von ihren hohen Postamenten herab , allein der Genius war entflohen aus dem Raume , den die große Frau jetzt mit der sichern , unanfechtbaren Haltung der Besitzergreifenden betrat ... Ein kaltes , verächtliches Lächeln umspielte ihre Lippen , während sie die Reihe der Zimmer durchschritt , deren jedes einzelne in seiner Einrichtung das poesievolle Gemüt , den feinempfindenden Geist seiner ehemaligen Herrin bezeichnete , aber sie runzelte auch mit einem haßerfüllten Ausdruck die Brauen , als ihr Auge über die Bücherreihen hinter den Scheiben eines Glasschrankes streifte , die auf ihren zierlich gepreßten Saffianeinbänden gefeierte Dichter- und Schriftstellernamen trugen . Sie ergriff einen starken Schlüsselbund , der auf dem Nachttisch lag und öffnete einen Sekretär - das offenbar interessanteste Möbel für sie . Eine musterhafte Ordnung herrschte in all den Kästen ; einer nach dem andern wurde aufgezogen - vergilbte , mit verblaßten Bändern zusammengebundene Briefpakete , Schreibehefte kamen zum Vorschein . Die plumpen weißen Hände stopften sie ungeduldig wieder hinein - was interessierte sie das Geschreibsel , die große Frau war nicht neugierig ! ... Desto wohlwollender wurde ein Kästchen behandelt , das sich bis an den Rand mit Dokumenten gefüllt erwies . Mit großer Aufmerksamkeit und dem Ausdruck innerer Befriedigung entfaltete Frau Hellwig Blatt um Blatt ; sie verstand ausgezeichnet zu rechnen , im Nu hatte sie die sehr bedeutende Totalsumme dieser einzelnen , sicher und vorteilhaft angelegten Kapitalien überschlagen - sie übertraf ihre Erwartung . Damit hatte jedoch die Forschung keineswegs ein Ende ; es kamen die verschiedenen Kommoden und Schränke an die Reihe , und je länger Frau Hellwig suchte , desto ungeduldiger und hastiger wurde sie . Allmählich rötete sich ihr Gesicht , mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit schritt ihre schwerfällige Gestalt von Zimmer zu Zimmer , rücksichtslos durchwühlten ihre Hände die Wäschekästen , warfen die zierlich gefältelten Krausen und Hauben der Verstorbenen durcheinander , stießen Glas und Porzellan in den Schränken zusammen , daß es klang und klirrte - das , was sie suchte , war nicht zu finden . Sie trat endlich aufgeregt hinaus auf die Galerie . Daß sie verschiedene Blumentöpfe umstieß und mittelst ihrer schwerfälligen Bewegungen nach allen Seiten hin Blüten und Zweige abknickte , war ihr sehr gleichgültig - sie hatte in diesem Augenblicke nicht einmal ihr stereotypes verächtliches Lächeln für diesen » Quark « , diese » Alfanzereien « . Friederike fütterte gerade das Geflügel drunten im Hofe ; Frau Hellwig befahl ihr , sofort den Hausknecht heraufzuschicken und trat wieder zurück , um ihr Suchen von neuem zu beginnen . » Weißt du nicht , wo die verstorbene Tante ihr Silberzeug aufbewahrt hat ? « rief sie dem bald darauf eintretenden Heinrich entgegen . » Es muß viel da sein , ich weiß es von meiner Schwiegermutter . Sie hat mindestens zwei Dutzend schwere silberne Eßlöffel , eine gleiche Anzahl schöner vergoldeter Kaffeelöffel , desgleichen silberne Leuchter , Kaffee- und Milchkanne gehabt , « - dieses mit verwunderungswürdiger Gedächtnistreue festgehaltene Verzeichnis rollte von den Lippen , als werde es abgelesen - » ich kann nichts von alledem finden - wo steckt es ? « » Das weiß ich nicht , Madame , « versetzte Heinrich ruhig . Er schritt auf einen Tisch zu , zog dessen Kasten auf und nahm zwei silberne Eßbestecke heraus . » Das ist alles , was ich je von Silber bei der seligen Mamsell gesehen habe , « sagte er , » ich mußte es öfters putzen , weil es die Aufwartefrau nicht recht machte . « Frau Hellwig schritt hin und her und biß sich zornig auf die Lippen . Die strenge Zurückhaltung , die sie dem Gesinde gegenüber stets beobachtete , verließ sie für einen Augenblick . » Es wäre eine schöne Geschichte , ein wahrer Skandal , wenn die Alte diese wertvollen alten Familienstücke verkauft oder wohl gar - verschenkt hätte ; ähnlich sähe es ihr schon ! « sagte sie , freilich mehr wie für sich . » Es muß wieder her , ich ruhe nicht eher ! ... Sie hat auch Brillanten gehabt , sehr schönen Schmuck ; es ist alles , was von solchen Sachen der Familie Hellwig je gehört hat , zwischen ihr und meiner Schwiegermutter geteilt worden , « sie unterbrach sich , ihr Blick fiel in dem Momente auf den Glasschrank , der die Noten enthielt . Ihn hatte sie noch nicht untersucht . Der Schrank selbst stand auf einem schwerfälligen Kasten , den sehr schön geschnitzte Holzthüren umschlossen ; sie riß dieselben auf - hohe Stöße sorgfältig geordneter Zeitschriften füllten die zwei Regale aus . Jener grausam boshafte Zug erschien verstärkt in dem ungewöhnlich aufgeregten Gesichte , die Oberlippe krümmte sich nach innen und ließ fast die ganze obere Reihe ihrer schöngepflegten festen Zähne sehen ... Sie zog ein Paket um das andere hervor und schleuderte es auf die Erde , daß die einzelnen Hefte weit umherflogen . In dem alten Manne kochte der Ingrimm . Er ballte die Fäuste und sah mit einem fast wilden Blick auf die Vandalin . Diese Blätter , er hatte sie alle selbst von der Post geholt , sie waren eine wahre