begreife heut ' noch nicht , wie er Fräulein von Waldes Herz gewinnen konnte . « » Also wissen Sie das auch ? « fragte Elisabeth . » Ach , Kindchen , das ist ja längst ein öffentliches Geheimnis ... Sie liebt ihn so tief und hingebend , wie ein Weib nur lieben kann . Diese unselige Neigung aber , in der sie jetzt lebt und atmet wie im Sonnenlichte , sie wird dereinst den düstersten Schatten werfen auf das Leben der ohnehin so schwer Heimgesuchten ... Dies ganze traurige Verhältnis und seine Zukunft durchschaut und ahnt Herr von Walde , aber da er seiner Schwester nicht die Augen öffnen kann , ohne sie tödlich zu verwunden , so bringt er seiner brüderlichen Zärtlichkeit die schwersten Opfer und geht lieber , da ihm der Aufenthalt in seinem eigenen Hause zu unerträglich wird . « Während dieses Gesprächs hatten Miß Mertens und Elisabeth längst das Schloß verlassen und stiegen bergauf . Bald stieß Reinhard zu ihnen , der einen Gang nach dem Dorfe gemacht hatte . Miß Mertens erzählte ihm das Zusammentreffen mit Herrn von Walde und seine letzten Aeußerungen bezüglich seiner Reise . » Gesagt hat er mir noch nichts , « meinte Reinhard , » aber er sah vorhin gerade so aus , als möchte er am liebsten auf der Stelle Lindhof verlassen ... Schöne Wirtschaft das ! ... Der Herr des Hauses ist das fünfte Rad am Wagen in seinem Verwandtenkreise ; er muß die Sippschaft ernähren , und als Dank dafür machen sie ihm das Herz seiner Schwester abspenstig ... Herr Gott , steckte ich doch nur zwei Tage in seinen Schuhen , ich wollte den unsaubern Geist austreiben , daß auch nicht eine Spur übrigbliebe ! ... Uebrigens hoffe ich , daß Herr von Hollfeld wenigstens wieder auf einige Tage nach Odenberg geht . Sein Verwalter hat soeben die Nachricht gebracht , daß die Wirtschafterin ihm plötzlich auf und davon gegangen ist ; es bleibt keine , der saubere gnädige Herr ist zu geizig ... Es sollen auch noch andere Unannehmlichkeiten drüben vorgefallen sein . « Burg Gnadeck war erreicht , und der Gast wurde von Ferbers sehr herzlich begrüßt . Wie heimlich und traut umfing Miß Mertens ' Stübchen die neue Bewohnerin ! Es blinkte in Sauberkeit ; auf Bett und Tisch lagen frische , weiße Decken , eine hübsche Schwarzwälderuhr tickte leise neben dem zierlich geordneten Schreibtische , und einige Reseden- und Rosenstöcke auf dem Fenstersimse hauchten ihren Duft durch den kleinen Raum . Durch die offene Thür sah man in das Wohnzimmer der Familie . Dort auf dem gedeckten Tisch entzündete Elisabeth die Spiritusflamme in der Theemaschine , während Miß Mertens rasch ihre wenigen Habseligkeiten in Kommode und Schrank einräumte . Unterdes hatte sich auch der Onkel in Begleitung Hektors und der langen Pfeife eingefunden . Auch Reinhard blieb da , und so saß bald eine fröhliche Gesellschaft zusammen . Der Oberförster war sehr rosiger Laune . Elisabeth saß neben ihm . Sie bemühte sich aus allen Kräften , auf seine Neckereien einzugehen , aber noch nie war es ihr so schwer geworden , und er , der ein sehr feines Ohr für die leiseste Modulation ihrer Stimme hatte , bemerkte das sehr bald . » Holla , Goldelse , was ist mit dir ? « rief er plötzlich , » da ist etwas nicht in Ordnung . « Er faßte sie am Kinn und sah ihr in die Augen . » Richtig , hast einen Schleier über den Augen und auf der Seele ! ... Potztausend , du siehst ja auf einmal ganz anders aus ! ... Was soll ' s mit dem trübseligen Nonnengesichte da ? « Elisabeth wurde feuerrot unter seinem forschenden Blicke . Sie bot alles auf , um durch munteren Scherz einer Beichte zu entgehen , allein es gelang ihr sehr schlecht , und zuletzt blieb ihr nichts übrig , als sich an das Klavier zu setzen , dort neckte und störte er sie ja nie . Wie wohl that es ihrem gepreßten Herzen , als es aufgehen durfte in vollen rauschenden Akkorden , als die Töne schmerzlich hinausklangen in die beginnende Abenddämmerung , ein Echo jenes tiefen Wehes , das sie erfüllte , seit sie wußte , daß Herr von Walde Thüringen wieder verlassen wollte ... Vorbei war es mit jenem Grübeln und Sinnen , jenem Haschen nach dem unklaren , fremdartigen Etwas , das plötzlich wie ein liebliches Rätsel zwischen ihren Tongedanken aufgetaucht war ! Es sprach jetzt mit eigener , fester Stimme , in gewaltigen Klängen , vor denen das einstige , harmlose Saitenspiel ihres Innern zu einem unhörbaren Säuseln erstarb ... Ein Wunderland voll goldener Verheißungen that sich vor ihr auf - ihr Auge irrte trunken darüber hin ; aber nie , nie sollte sie jenen Boden betreten ; denn über die finstere Kluft zu ihren Füßen führte keine Brücke ... Der Schleier , unter dem ihre Seele in glücklicher Unwissenheit bis dahin gelegen , war zerrissen , sie erkannte mit Lust und unsäglichem Schmerze , daß - sie liebte . Wie lange sie gespielt hatte , sie wußte es nicht . Aber sie erwachte jäh aus dem gänzlichen Vergessen der Außenwelt , wie ein Lichtstrom aus dem Wohnzimmer herüberquoll und grell über Beethovens bleiche Büste floß . Die Mutter hatte die große Lampe angezündet , und Elisabeth sah jetzt , daß der Onkel neben ihr im Fenster saß ; er mußte sehr geräuschlos eingetreten sein . Als ihre Hände von den Tasten herabglitten , strich er leise mit der Hand über ihr Haar . » Siehst du , Kind , « sagte er endlich mit bewegter Stimme , nachdem das letzte Vibrieren der Saiten verhallt war , » wenn ich nicht schon gemerkt hätte , daß etwas ganz Absonderliches in dir vorgeht , so wüßte ich ' s jetzt durch dein Spiel ; das waren ja Thränen , nichts als Thränen . « 13 Mit Miß Mertens ' Einzuge in der alten Burg