immer war sie einer Blüte zu vergleichen gewesen , welche lange in einem Gebetbuch gelegen hat und welcher Saft , Form und Duft vollständig ausgepreßt ist . Obgleich sie eine sehr gute Partie war und manch ein Elternpaar , manch ein liebevoller Papa , manch eine zärtliche Mama sie gern als Schwiegertochter an das Herz geschlossen hätten , so hatte doch keiner der Herren Söhne genug Geschmack für die medizinischen Wissenschaften , um Osteologie an dem armen magern Kind zu studieren . Wie ein vergessener vergoldeter Apfel hing sie am Weihnachtsbaum des Lebens und schrumpfelte immer mehr ein , während ihr Temperament den Umständen gemäß immer mehr litt . Auch Leon von Poppen hatte keine Lust , in den verhutzelten Apfel zu beißen , obgleich er ihm auf so wünschenswertem , wertvollem Präsentierteller unter die Nase gehalten wurde . Bis dato hatte er noch jedesmal zum großen » chagrin « seiner Mama das edle vorstehende Glied seines Gesichtes gerümpft und sich - mit seiner Jugend entschuldigt ; die Baronin jedoch hatte die Hoffnung , ihren Sohn glücklich zu machen , noch lange nicht aufgegeben . Die drei Damen saßen um den Teetisch ; die Lampe warf ein magisches Dämmerlicht durch das Gemach - es fehlte nicht an Gesprächsstoff , und Lydda schickte öfters verstohlene Blicke nach der Tür , durch welche der junge Baron in jedem Augenblick eintreten konnte . Auch die Baronin sah von Zeit zu Zeit nach der Uhr und nach derselben Tür ; aber Leon erschien nicht . Wenn er endlich doch Vernunft annehmen wollte ! dachte die zärtliche Mutter . Frau von Flöte sagte : » Liebste Freundin , die Konsistorialrätin Krokisius war heute morgen bei mir . Die arme gute Seele hat recht ihre Not . Sie wissen , Beste , was für ein christliches Haus die Leute machen , wie sie ihre Kinder erzogen haben . Nun das Unglück ! Vor anderthalb Jahren ist der älteste Sohn Otto - du erinnerst dich seiner , Lydda - , ein reizender brauner Lockenkopf - « » Ein naseweiser Schlingel - « » Ganz richtig , mein Kind , es hat sich leider ausgewiesen , daß er nicht viel taugte . Ach die armen Eltern - Gott will die Seinen prüfen . Der junge Mensch hatte solche schöne Aussichten , der Vater ist so gut angeschrieben in den maßgebenden Kreisen . Nun ist alles nichts . « » Was ist denn geschehen , Liebe ? « fragte die Baronin , höchst gleichgültig ihren Hund streichelnd . » Mein Gott , der junge Mensch geht , wie gesagt , zur Universität und gerät in die allerschlechteste Gesellschaft , in die allerschlechteste . Unchristliche Gesellen drängen sich an ihn ; der Jüngling fällt in die Stricke der Versuchung , die Schlingen der Verführung ; vergessen ist das fromme , gottesfürchtige Vaterhaus - der Herr Konsistorialrat wird nicht das Glück haben , seinen Sohn hier in Amt und hohen Würden zu sehen . Er ist unter die Philosophen gegangen - nicht der Herr Konsistorialrat ; er hat eine Doktorschrift geschrieben - es soll etwas ganz Abscheuliches sein - die arme Konsistorialrätin ! « Es war ein Vergnügen zu sehen , wie bei der Berichterstatterin die Venusstatue , immer unter der Maske der Heiligen , mehr oder weniger bemerklich zum Vorschein kam ; in Mienenspiel , Augenspiel und Gesten mehr als in Worten . Die Tochter hatte ein recht scharfes Auge für diese Momente und verfehlte nicht , sie jedesmal durch ein unbeschreibliches Sinkenlassen des Kopfes und Ineinanderflechten der dünnen Finger sanft , aber vorwurfsvoll zu rügen . Grund dazu hatte sie öfters , als die Mutter weiter erzählte : » Das ist aber noch nicht das Schlimmste . Der verlorene Jüngling hat es gewagt , sich zu verlieben - auf die niedrigste Art sich zu verlieben . Seine Wäscherin - ein Mädchen aus der Plebs - was weiß ich - eine - « » Mama ! « » Ja , du hast recht , süßes Herz ; wir wollen nicht weiter darüber reden ; aber ich sage es immer wieder und ich habe es auch der Konsistorialrätin gesagt : das kommt alles nur von dem Umgang mit dem Krämer , dem Wechsler - was weiß ich - , dem Bankier Wienand . Was nur die fromme Seele , der Herr Konsistorialrat , mit dem Bankier zu schaffen hat ? - der unglückliche junge Mensch ist auch nicht aus dem Hause fortgeblieben . Es ist ein gefährliches Haus , man findet daselbst sehr gute Gesellschaft und sehr , sehr schlechte . Ich begreife nicht - « » Ich auch nicht ! « rief die Baronin , welche der Name Wienand aus jeder Art von Schlummer und Schlaf , aus jeder Art von Apathie , aus der tiefsten Ohnmacht erweckt und in die Höhe gejagt hätte ; denn mit diesem Namen war der ihrer Schwägerin aufs unzertrennlichste verknüpft . Ihr ganzer Anzug schien sich wie das Gefieder eines gereizten Truthahnes zu sträuben ; alles an ihr und sie selber schwoll an , und die majestätischen Falten der schweren seidenen Robe wollten sich auf keine Weise zur Ruhe bringen lassen durch die aufgeregten fleischigen Hände . » Ich kann es auch nicht begreifen , wie man mit den Leuten verkehren kann , die in jenem Hause ein und aus gehen « , rief die Baronin von Poppen . » Der Hausherr ist ein arroganter , aufgeblasener Geldmensch , die Tochter - « Lydda von Flöte seufzte und lispelte : » Kindisch , süß und albern ! « » Freifräulein Juliane von Poppen aber ist die Schwester meines Mannes , welche einen Stolz darin findet , ihren und unsern Namen in allen Gassen zum Gespött und Gelächter des Pöbels zu machen . « Die Baronin Viktorine wußte in der Tiefe ihrer Seele sehr gut , daß der sich nicht immer lächerlich macht , von welchem man solches behauptet . Sie hatte aber einmal ihre Ansicht von der Sache , und der tausendfache Widerspruch ,