wenn auch gerechtfertigten , doch für die Größe jener denkwürdigen Stunden kleinlichen - Leidenschaften in die erhabene Kälte einer echt revolutionären Ruhe zu versenken . Als der Kampf losbrach , war es ein Aufstand , als er acht Stunden gedauert hatte , gab es keinen Kämpfer auf den Barrikaden , der nicht wußte , worum es sich nunmehr allein handle - um den Fürstenthron . Man hat sich nicht wenig mit der » Hochherzigkeit « des Berliner Volks gewußt , welche darin liegen sollte , daß die Berliner Revolution vor dem Throne - stehen geblieben . Ich aber meine , daß eine solche Hochherzigkeit nach aller der Schmach und Entwürdigung , der sich das Volk seit drei Decennien hatte unterwerfen müssen , besser Feigheit heißen müßte . Und doch ist diese Thatsache nicht abzuleugnen ! - - Aber wer hat sie auf seinem Gewissen ? Wahrlich nicht jene heldenmüthigen Arbeiter im groben Leinwandskittel , die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen , gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen . - Die feigen Weißbierbourgeois waren es , welche , während draußen die Kanonen donnerten , sich die Schlafmütze noch tiefer und die Bettdecke noch höher , wie gewöhnlich , über die Ohren zogen . Als sie am andern Morgen aus den Federn krochen und mit verstörten Blicken hinabschaueten auf das Straßenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des siegreichen Volkes hörten , da schwoll ihnen plötzlich der Kamm - sie mischten sich unter die Jubelnden , ließen sich beglückwünschend die Hände drücken und schwärmten für die Freiheit . - Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe erhalten , das Philisterthum schlug ihnen in den Nacken , sie wurden sentimental beim Andenken an die Angst , die ein » hohes Haupt « in jener Nacht mit ihnen getheilt hatte - und ihre Sentimentalität brachte sie zur Hochherzigkeit , ihre Hochherzigkeit aber zum Verrath am Volke . Das Volk aber , das gekämpft , geblutet und gesiegt hatte , ließ sich täuschen von den Philistern , die es als Brüder betrachtete . Mitternacht war vorüber . Alice knieete hinter der Barrikade am Kölnischen Rathhause neben Ralph , dem ein von einer Kartätschenkugel abgerissener Holzsplitter die Brust verwundet hatte . - Fühlst du dich besser ? - fragte sie , dem Verwundeten so viel wie möglich Linderung verschaffend . - Ich danke dir , sagte er , ihre Hand an die Lippen drückend . - Wenn ich nur nicht hier liegen müßte . - Besser todt , als so mit Bewußtsein in seiner Ohnmacht daliegen . Der arme Hartwig ist am besten dran . - Und was wird uns das Alles helfen ? - Wir werden siegen - sagte Alice mit Wärme . Er schüttelte traurig den Kopf . - Schau umher und zähle , wie viel von den Unsrigen noch übrig sind . Die Hälfte ist todt oder im Verenden , der Rest verwundet und ermüdet . Hält das Militair bis Tagesanbruch aus , so sind wir verloren . - Und rechnest du die Schützen in den Häusern für nichts , die fast mit jedem Schusse einen Soldaten zu Boden strecken ? Und muß die Ermüdung des Militairs nicht noch weit größer sein als die unsrige , da sie seit 8 Tagen consignirt und schlecht mit Proviant versehen sind . Ich sage , wenn wir uns bis Sonnenaufgang halten , so haben wir gesiegt . - Gott sei Dank , daß ich Sie endlich treffe - rief eine Stimme hinter ihnen - wo ist Ralph ? gnädige Frau , haben Sie ihn nicht gesehen ? - Anna ! - riefen Alice und Ralph aus einem Munde . Das arme Kind war , als sie heruntergeeilt war , um die Vertheidiger der Barrikade von dem ihnen drohenden Verrath zu unterrichten , zu spät gekommen . Vergebens suchte sie ins Haus zurückzukehren . Die Soldaten ließen Niemand hinein . Da gedachte sie ihres Bruders und des Versprechens , das ihr Alice gegeben hatte , ihn zu befreien . Schnell faßte sie den kühnen Entschluß , Nachforschungen nach ihnen anzustellen . Sie eilte die Markgrafenstraße hinunter , fragte bei jeder Barrikade - Niemand hatte sie gesehen . Endlich wurde sie zum alten Steiger an der Barrikade des Hausvoigteiplatzes gewiesen . Hier hörte sie , daß ihr Bruder an der Barrikade des » Kölnischen Rathhauses « stationire . Es war indeß spät geworden ; das mühsame Uebersteigen der Barrikaden - wo sie die Pausen benutzen mußte , welche zuweilen im Feuern eintraten - die Neckereien , denen sie seitens der Soldaten ausgesetzt war , Alles dies hatte viel Zeit weggenommen . Nach sechs langen Stunden des Umherirrens und der Angst langte sie endlich am Kölnischen Rathhause an . Alice ward in den Tod erschreckt über die Erzählung Annas in Betreff Lydia ' s. Sie mußte sich von der Sachlage überzeugen und eilte , Ralph unter der Obhut seiner Schwester lassend , nach ihrer Wohnung , welche sie unaufgehalten bald erreichte . Als sie den Hausflur mit Leichnamen bedeckt sah , schauderte sie , aber furchtlos eilte sie weiter . Ihre Zimmer waren leer - - die ungeheuren Blutlachen in der Mitte ihrer Wohnstube , die zerschmetterten Möbel und die Kugelspuren in den Wänden hätten ihr einen hinlänglichen Beweis von der Wuth des hier stattgehabten Kampfes gegeben , wenn nicht die Menge Todter , über welche sie dahinschreiten mußte , noch lauter gesprochen hätte . Kein Laut - ein neuer Schauder durchrieselte ihr Gebein , als sie sah , daß sie die einzig athmende Brust in diesem Chaos der Verwüstung und des Mordes war - - da hörte sie einen Seufzer . Ihre Furcht überwindend schritt sie über zwei Soldatenleichen hin nach der Ecke , aus welcher er zu kommen schien . - Wasser , einen Schluck Wasser - stöhnte ein Verwundeter ihr entgegen . Sie eilte , seinen Wunsch zu befriedigen . Der Mond schien hell ins Fenster hinein . Alice untersuchte schweigend die Wunde und legte , so gut es ging , einen Verband auf . Als ihr Werk