Dich einst mit dem Orpheus verglichen , fuhr ich fort , der Vergleich wird immer treffender ! Eurydice hat sich umgeschaut nach der Schattenwelt , der sie nun einmal schon verfallen war ; jezt ist sie es mehr denn je und unwiederbringlich gehört sie dem Orkus an . « Bleich und stumm war Astrau vor mir auf die Knie gesunken . Er sagte leise : » Hasse mich nicht , Sibylle ! « » Wie käme ich zum Haß , Otbert ? Wer nicht liebt kann auch nicht hassen . Liebe und Haß entspringen aus einer Wurzel : Kraft des Gefühls . Der Liebende braucht nicht zu hassen , allein die Fähigkeit es zu können wird in ihm sein . In mir ist sie nicht ! nicht einmal Zorn fühle ich gegen Dich und Arabella , nicht Eifersucht , nicht Empörung .... gar nichts Uebelwollendes . Aber nicht aus Großmuth , Otbert , sondern weil sich eine gewisse Mißachtung des Menschen in mir regt , der so viel von seiner Göttlichkeit träumt und fabelt , und so sehr ungöttlich ist , willenlos und wankelmüthig wie die Wolken am Himmel , wie die Nebel auf dem Meer . « » Siehst Du , Sibylle ! rief Astrau und sprang lebhaft auf - mir grauet vor Dir wenn Du Dich so in Deiner eigenthümlichen Wesenheit aussprichst ! Das zog mich an , das lockte mich ein Senkblei in diese stille See hinab zu lassen um auf festen Grund zu stoßen ! Es schien mir so schön , so beseligend Dir den Kern Deiner Nebelwelt zu enthüllen , Dir den sichern und frohen Genuß des Lebens zu erringen und mit Dir zu theilen , daß ich - Du weißt wie ! - ich mögte sagen jeden Deiner Athemzüge belauscht habe um Dich zu begreifen .... und zwar jahrelang ! Aber die innere Verklärung , die ich zu Deiner Beseligung und zu meinem Entzücken für Dich ersehnte , trat nicht ein ! Du liebtest mich nicht : Deine Imagination war nur durch mich gefesselt . Ich beglückte Dich nicht : Du wolltest nur glücklich sein . Es legte sich immer Deine Hand ganz kühl auf mein heißes Herz . - Das soll nicht heißen , Sibylle , als sei Deine Hand nicht goldrein , und tausendmal reiner als mein Herz ! - aber « .... - - - » Sprich nur , Otbert ! sprich ! es wird mir wol thun Alles zu wissen ! « » Aber mir fröstelte bei Dir . Immer ging ein Suchen durch Deine Seele und durch Dein Auge ! immer schweiften Deine Wünsche in einem Raum ohne Horizont umher ! immer stand ich neben Dir .... etwa wie die Grenzsäule Deines Lebensbezirks : » es ist ziemlich erträglich diesseits derselben , und jenseits gehört mir nicht ; allein es mag doch noch schöner sein .... jenseits ! « - solche Gedanken verriethest Du - natürlich ohne sie zu sagen . « Ich mußte traurig lächeln , denn dies war nicht unrichtig . Ich fragte : » Aber warum heirathetest Du mich , Otbert ? « » Ich will Dir beweisen welch unerhörtes Vertrauen ich zu Dir habe und Dir die ganze Wahrheit sagen , Sibylle ! - sprach Otbert entschlossen . - Ich dachte wol daran Dich zu bitten mir mein Wort zurück zu geben und mir meine Freiheit zu lassen . Zwei Beweggründe hielten mich ab . Erstens : nach Allem was ich gethan hatte um Dich zu gewinnen mußte ich Dir wie ein Narr erscheinen , wenn ich in der vorletzten Scene des Dramas sagte : Verzeihung ! ich habe mich getäuscht ! « - - » Also Eitelkeit ! Otbert ! « » Nenne es wie Du willst ! solche Gründe sind mannigfach gemischt . - Zweitens war es meine Mutter ! seit Jahren sann sie auf eine möglichst glänzende Heirath für mich . Ich war mehr dagegen als dafür . In Nizza lockte mich einen Augenblick die Aussicht auf ein großes Vermögen , welches sie mit Recht als eine unerläßliche Bedingung für mich betrachtete . Ich konnte doch nicht zu dem Entschluß kommen meine Freiheit für Gold zu verkaufen . Dich liebte ich wirklich , wie ich Dich noch jezt liebe , mit Verehrung und Bewunderung , mit Theilnahme und Freundschaft - nur nicht mit Liebe ! - Bei Dir fühlte ich mich nicht an den Mammon verkauft . Als ich dennoch gegen meine Mutter mein Bedenken in unsrer sehr intimen Correspondenz aussprach , drang sie mit so trostloser Verzweiflung auf mich ein doch endlich einmal das Glück festzuhalten , welches mir aus der Verbindung mit einer so ausgezeichneten Frau erblühen müsse , daß ich mir selbst wirklich wie ein Narr mit meinen Scrupeln vorkam . « » Welche freiwillige Selbstverblendung , Otbert ! .... - Doch erzähle weiter ! erzähle Dein Zusammentreffen mit Arabella . « » Was soll ich Dir darüber sagen ! - Ich begegnete ihr eines Tages in der großen Halle im Hotel Danieli : sie war eben angelangt . Du kennst sie - Du kennst mich - laß mich schweigen . Ihre wilde primitive , besinnungslose Natur that mir wol ; der Kern ihres Wesens gab deren Pulsschlag an . Mogte es kein gediegener , kein reiner , kein hoher Kern sein : so war er dafür wenigstens ganz , und voll Spontaneität . Darin liegt ein unaussprechlicher Reiz . Deiner Eigenthümlichkeit gegenüber bildete Arabellas einen so vollkommnen Gegensatz , daß ich eine Beruhigung , wenngleich etwas sophistischer Art , in dem Gedanken fand : ich wende ihr diejenige Richtung meiner Wesenheit zu , welche bei Dir nie Anklang finden würde . So kam es , daß ich Dich bat die beabsichtigte Schweizerreise aufzugeben . Arabella verzichtete auf die Welt , auf die Gesellschaft , auf Alles - wenn sie mich nur täglich eine halbe Stunde sehen dürfe . Vom tiefsten Geheimniß umschleiert , das ich ihr zur ersten Pflicht machte und das sie als solche begriff , ließ