ein Preis stehe , nicht zugeben könne ; daß bei einer bloßen Andeutung derselben ihr Vetter sie ihren Eltern augenblicklich zurückschicken müsse - Jean Carlo hörte nichts , begriff nichts , als die Unmöglichkeit , diese ewig sich erneuende Gefahr ihres Verlustes auszuhalten . Alle solche Erklärungen unter den Liebenden führten nur zu erneuten Klagen und der Versicherung : daß er ruhig sein und ihr ganz gewiß unbedingt folgen würde , wenn er wisse , daß keine Ueberredung noch Gewalt sie ihm zu rauben vermöge , daß er aber ohne diese Sicherung nicht nach der italienischen Grenze gehen könne , wohin ihn Fürst Medici und sein , wie er , geretteter Oheim beschieden hatten , um Rücksprache der Milderung des Urtheils und der sie bedingenden Umstände wegen mit ihm zu nehmen . Leontine trieb ihn seinem eigenen Interesse nach zu dieser Reise ; ihn selbst hatte der Wahnwitz der Eifersucht zu tief erfaßt ; er vermochte weder den Gedanken los zu werden , daß einem Glücklichern gelingen könne , in seiner Abwesenheit die Braut zu bewegen , das ihm gegebene Wort zu brechen , noch sich zu der Trennung zu entschließen , von welcher eine spätere Verbindung mit ihr abhing . Tage um Tage , Wochen um Wochen vergingen in dieser sich immer neu gestaltenden Selbstqual . Am Ende führte eine unbedeutende Auszeichnung , die Leontine einem Andern zu Theil werden ließ , einen förmlichen Bruch herbei . Der verzweifelnde Zorn , mit welchem Jean Carlo sie mit einer alle Rücksicht verachtenden Heftigkeit der Lieblosigkeit beschuldigte , sie in starrer Muthlosigkeit freigab , ihr sogar ganz entsagte , reizte sie übermäßig ; in zornigen Thränen wandte auch sie sich von ihm ab . Im raschesten Uebergange der Klage über sie zur Selbstanklage , wiederholte er ihr nun , daß er unter all diesen Bedingungen und Einschränkungen nicht mehr zu leben vermöge , daß er auf ewig von ihr scheide , daß er den Wink des Himmels , sie freizulassen , sie nicht auch noch dem Fluch seines Schicksals preiszugeben , nicht mehr widerstehe . Noch einmal zog er sie an seine Brust , noch einmal bedeckten seine glühenden Küsse ihre Augen , ihren Mund , ihre glänzende Stirn , dann riß er sich gewaltsam los und stürmte fort . Vergebens suchte sie ihn zu halten , vergebens schrieb sie ihm , beschwor ihn , wieder zurückzukehren ; er war fort nach Breslau ; mehrere Tage hörte sie nichts von ihm . Eine unnennbare Angst erfaßte nun ihr Herz . Seit Jahr und Tag hatte sie ihn , trotz aller Koketterie , als ihren Verlobten , fast als ihren Gatten betrachtet . In Thränen zerfließend , malte sie sich ihr eignes Unrecht aus , ihren Leichtsinn , ihre Gefallsucht , die Geiersperg so unzählige Male ihr vorgeworfen - ihr dämonisches Anlocken und Aufregen der Männer , die ihr den Hof machten , bis sie die Gequälten , Gereizten zu irgend einer allzuheftigen Aeußerung ihrer Leidenschaft veranlaßt und sie ihr nun plötzlich ganz grenzenlos misfielen , oder ihr gar lächerlich wurden - sie klagte sich auf ' s Unbarmherzigste an , auch gegen Jean Carlo nicht geduldiger gewesen zu sein , um seine Eifersucht zu schonen . Mit jeder fliehenden Minute steigerte sich ihre Sorge , unwiederbringlich ihn erzürnt , ihn auf immer verloren zu haben . Sie schrieb ihm nochmals nach Breslau , erhielt aber keine Antwort . Es ließ ihr keine Ruhe , unter einem Vorwande fuhr sie hinüber . Sie kannte die Hausleute , bei welchen er wohnte , es waren Handwerker ; sie bestellte etwas und fragte nach ihm . Noch war er da - morgen wollte er reisen - da lag sein Paß - großer Gott , nach Neapel ! Sie verstand ihn gleich : ohne sie mochte er nicht leben ! Noch einmal wollte er unter erborgtem Namen sein Vaterland aufsuchen , dessen sonnengoldene Schönheit begrüßen , dann sein Haupt den Rächern ausliefern ; das Dasein war ihm plötzlich zu schwer , um es noch weiter zu schleppen . Anstatt zur Hausthür hinauszugehen , versteckte sie sich ; in einem Augenblicke , da alles still war , schlich sie wieder die Treppen hinauf - sie wußte die Nummer seines Zimmers . Athemlos langte sie oben an ; der Finger versagte das Anklopfen , der Fuß das Tragen der bebenden , fliegenden Glieder . Gewaltsam riß sie die Thüre auf und stürzte bewußtlos auf die Dielen des Vorplatzes vor ihm nieder - Jean Carlo empfand den für ein Mädchen , wie Leontine , ungeheuern Entschluß , zu ihm auf seine Stube zu kommen , mit so beseligender , alle Einwendungen seines früheren Gefühls niederschlagenden Gewalt , daß er , wie berauscht von diesem Glück , zu ihren Füßen sank und , fester als je ihr verbunden , lange nur in wortlosem Entzücken ihr zu danken im Stande war . Aber allmälig kehrte den Glücklichen die Besinnung zurück . Vor allen Dingen mußte die Geliebte das Haus verlassen , aber vorher sollte er ihr versprechen , blos bis zur italienischen Grenze zu reisen , dort seinen Oheim aufzusuchen und alle Schritte zur Erreichung der Milderung des gesprochenen Urtheils zu thun . Und abermals fiel die entsetzliche Last auf seine Seele ; zum ersten Male wagte er in dieser grenzenlosen Hingebung Beider Herzen an einander das Wort : Heimliche Vermählung ! Leontine erschrak ; aber sei es , daß der schon allzu ungewöhnliche , bei einer Dame ihres Standes unerhörte Schritt , dem Geliebten in die Stadt , in seine Stube gefolgt zu sein , sie verwirrte ; sei es Abspannung nach der ungeheuern Angst , die sie während der letzten vierundzwanzig Stunden erduldet - sie widerstrebte nicht so bestimmt , als Jean Carlo gefürchtet . Sein Muth wuchs durch diese unverhofft mildere Stimmung ; in immer bewegteren , immer eindringlicheren Worten schilderte er ihr von Neuem seine Sorge , sie durch Zwang oder Ueberredung während seiner Abwesenheit zu verlieren ; er beschrieb ihr den unendlichen Trost des Gefühls