Zimmer . Dort versprach sie jedes Geräusch von der mit jeder Minute scheinbar mehr Leidenden möglichst fern zu halten , vor allen Dingen aber sie nicht wecken zu lassen , und sollte sie darüber auch den Mittag verschlafen . Alles das war in ähnlichem Falle schon unzähligemal geschehen , und konnte unmöglich als etwas Ungewöhnliches auffallen . Frau Karoline umarmte Julien , wünschte ihr eine leidliche Nacht , und ging . Ging ! und das verstockte Kannibalen-Herz äußerte nicht das kleinste Zeichen von Rührung bei dem letzten Abschiede von einer Frau , die ihr stets mütterliche Liebe bewiesen ; rief hier der Kapellmeister dazwischen . Sie wußte nicht , daß es der letzte sei ; erwiederte Eugen , und legte betheuernd seine Hand auf die Brust . Frau Karoline fuhr in ihrer Erzählung fort . Die Mittagsstunde war längst vorüber , Julie hatte sich nicht blicken lassen , Frau Karoline fand die Thüre ihres Zimmers verschlossen ; sie pochte , erst leise , dann lauter , dann rief sie Juliens Namen . In liebender Besorgniß schloß sie mit ihrem Hauptschlüssel endlich das Zimmer auf , Julie war nicht darin ; sie ist früh ausgegangen , um in freier Luft das fatale Kopfweh verwehen zu lassen , und hat bei dem herrlichen Wetter wohl daran gethan : dachte die arglose Frau und begab sich ruhig an ihre häuslichen Geschäfte . Die Zeit des Mittagessens kam heran ; einige Freunde des Hauses stellten wie gewöhnlich sich ein , nur Torson nicht , der doch selten auszubleiben pflegte . Und noch immer von Julien keine Nachricht ! Der Kapellmeister versuchte es , die jetzt nicht länger zu verhehlende Besorgniß seiner Frau wegzulachen , versicherte , die Vermißte habe auf einem Besuche bei , in einem weit entfernten Quartiere der Stadt wohnenden Freunden , sich verspätet , und sei bei ihnen zu Tische geblieben . Der Fall war schon einigemale vorgekommen , Frau Karoline gab sich Mühe auch diesesmal daran zu glauben , sie zeigte ihren Gästen ein heitres Gesicht , doch innerlich stieg ihre Angst mit jeder Minute . Dieser Zustand war nicht lange zu ertragen , die Unruhe trieb sie fort von der Gesellschaft auf Juliens Zimmer , was sie dort wollte , war ihr selbst nicht klar ; ohne Zweck und Ziel irrte sie in den ihr wohlbekannten Räumen umher , die Thüre von Juliens Garderobe stand halb offen , Frau Karoline wollte sie schließen , warf zufällig einen Blick hinein , und was sie dumpf ahnend befürchtet , ohne es sich selbst zu gestehen , stand mit einemmale deutlich als Wirklichkeit vor ihr . Die Garderobe war fast ganz leer , der größte Theil von Juliens Wäsche und Kleidern fehlte , nebst allem , was sie auf einer weiten Reise nöthig haben konnte . Was sie an Schmuck und andern Kostbarkeiten besessen , mit denen Torson in der letzten Zeit sie so verschwenderisch beschenkt hatte , war bei näherer Untersuchung ebenfalls verschwunden , zugleich alle jene , ihr sehr werthen namenlosen Kleinigkeiten , die sie in Königsberg und Petersburg von Freunden zum Andenken erhalten und heilig aufbewahrt hatte . Alles was sie von ihren Habseligkeiten zurückgelassen , lag übrigens in gewohnter Ordnung da , nirgends eine Spur von übereilter Flucht ; aus Allem ging hervor , daß diese Vorkehrungen zu derselben schon tage- , vielleicht wochenlang vorher getroffen worden waren ; an Gewaltthat war hier gar nicht zu denken . Tausend bittre und schmerzliche Gefühle stürmten bei dieser Entdeckung auf die arme Frau ein ; als ihr Mann sie endlich aufsuchte , fand er sie in einem fast besinnungslosen Zustande , auf sein ängstliches Rufen eilte das ganze Haus herbei . Sie kam bald wieder zu sich selbst , war aber zu ergriffen , zu erschrocken , um das Ereigniß , welches sie in diesen Zustand versetzt hatte , gleich bekannt werden zu lassen . Alle Diener wurden verhört , doch nur zwei derselben konnten einige Auskunft geben , das Kammermädchen Katinka , und ein in einem permanenten Branntweinrausche lebender Ofenheizer , Nikita . Die Übrigen hatten sämmtlich nichts gesehen noch gehört . Katinka , deren Schlafkammer Wand an Wand mit Juliens Zimmer lag , obgleich keine Thüre von dort aus in dasselbe führte , wollte am vorigen Abend , bis spät in die Nacht hinein , ein leises Flüstern und Hin-und Hergehen bei Julien bemerkt haben ; zugleich ein Geräusch , als ob Schränke vorsichtig geöffnet , und Schiebefächer aus Kommoden hervorgezogen würden . Sie hatte lange darauf gehorcht , da aber übrigens alles im Hause ruhig blieb , war sie endlich darüber eingeschlafen . Nikita hatte schon Bedeutenderes vorzutragen . Er pflegte gewöhnlich den ersten Absatz der Treppe vor Juliens Zimmer zur Lagerstätte sich zu erwählen , und hatte auch in der vergangenen Nacht , in seine Decke gehüllt , sich quer über denselben gebettet . Er versicherte , besonders seit einiger Zeit , an dieser Stelle viel von Gespenstern gelitten zu haben , die Nachts über ihn hinwegstiegen ; da sie aber übrigens ihm nichts zu Leide gethan , habe er sich dadurch weiter nicht im Schlafe stören lassen . Diese Nacht aber habe eines davon ihm so derb auf den Magen getreten , daß er wohl die Augen habe aufthun müssen ; und da sei er eben eine verschleierte Dame gewahr worden , die über ihn wegstolperte , und wahrscheinlich die Treppe hinunter gefallen wäre , hätte Herr Torson sie nicht in seine Arme aufgefangen . So viel er bei dem unsichern flackernden Scheine der kaum noch glimmenden Treppenlampe habe urtheilen können , sei die Dame die Frau Kapellmeisterin selbst gewesen , Herrn Torson aber habe er deutlich erkannt , denn dieser habe sein Rohr mit dem goldnen Knopfe ihm um den Kopf sausen lassen , und ihm ganz leise ins Ohr geschrieen : » Narr ! ducke Dich und schlaf ' ! « Nun , da habe ich mich denn unter meine Decke geduckt , und habe geschlafen ; denn Gehorsam muß sein , setzte