er spricht nicht mehr leise mit der Tante , sondern hat sich erhoben und mit zorniger Gebärde Fenster und Tür wieder verschlossen . « » Ist Ihnen wieder besser , lieber Herr Emmrich ? « fragte die Tante mit dem freundlichsten Ton . » Gewiß , meine gnädige Frau « , antwortete der Professor ; » dergleichen geht schnell vorüber , wenn man nur sogleich die Ursach aus dem Wege räumen kann . « » Sie werden sich aber der Luft zu sehr entwöhnen « , sagte der Graf , der ebenfalls hinzugetreten war . » Luft und Zug « , antwortete Emmrich , » sind zwei ganz verschiedene Dinge . Und dann auch diese Luft ! Was nennen wir denn so ? Wir haben ja keine Instrumente , die fein und geistig genug wären , um die Qualitäten , die Eigenheiten , die sublimierten Essenzen dieses höchst wunderbaren Elements zu wägen , zu messen , oder gar zu prüfen und zu analysieren . Unser armer Körper ist nur da , um durch Leid , Schmerz und Krankheit von den unsichtbaren Eigenschaften dieser Luft Zeugnis zu geben . Man mutet niemand zu , so simpel hin ein Getränk gut zu finden , das in bösen Gegenden erzeugt , oder in den Kneipen als Wein ausgeschenkt und gebraut wird . Ist der Wein nicht ein edles Gewächs ? Stärkt er nicht Leib und Seele ? Erheitert er nicht das Gemüt ? Gewiß ! Aber das ist nicht Wein , was rot , weiß und gelb , bitter , süß und sauer oft dem unkundigen Gaumen geboten wird , um Kolik , Ekel und verdorbenen Magen hervorzubringen . Hat man nun wohl , wenn man im Jammer liegt , die Gottheit des Bacchus in sich ? Den Lethe möchte man aussaufen , um diesen Acheron nur wieder aus dem Leibe zu spülen und zu vergessen . Ein heitrer Frühlingsmorgen - wie balsamisch ! Wie wird unser Wesen gekräftigt und geläutert ! Man schwelgt in den kühlenden lieblichen Wogen und fühlt , daß auch unsere Lunge ein Organ ist , um geistig sinnliche Wollust zu empfinden . Aber das Zeug , was sich so oft im November , Februar , oder nach vielen nassen Tagen und in der Nähe von Sümpfen draußen im Freien herumtreibt , - ist das Unwesen denn wohl noch Luft zu nennen ? Mag der Doktor es vor den Geistern der Blumen und der Dichter verantworten , der seine Opfer in die Höllen-Atmosphäre hinausschickt , um sich in ihr Gesundheit zu erwandeln , oft in einem Hexenwetter , wo der Cerberus sich in sein Hundehaus verkriecht und weder dem Befehl des Pluto gehorcht , noch dem Locken der Proserpina nachgibt , so weit , daß er nur die Schnauze aus der Höhle steckte . Und hat denn die Luft nicht gewiß auch Krankheiten , wie Wein und Wasser ? und Gesundheitskrisen und Umsetzungen ? Und dennoch - wer draußen wandelt oder reitet , ist doch noch in einem Krieg gegen das Unwetter begriffen ; ein Element kämpft dann gegen das andere , und in diesem zornigen Anstrengen kann sich die menschliche Gesundheit noch etwas wahren ; aber wenn die Menschen im Spätherbst , oder in schnöder Märzluft oft draußen sitzen , um so recht phlegmatisch das zerstörende Gift einzuschlürfen , so stehen oder sitzen sie noch unter den Tieren , die der Instinkt beschützt , den diese Luftschnapper in sich ertötet haben . « Die Tante sagte lachend : » Ich sehe , Sie tragen in Ihrem Busen einen erhabenen Zorn gegen das , was so viele zu ihrer Erholung und Erquickung tun . Es scheint , Sie haben die Luft so recht nach ihren verschiedenen Qualitäten ausgekostet , und viele derselben verabscheuen gelernt . « » Die Luft « , fuhr Emmrich fort , » ist Leben und Tod , Schaffen und Vernichten ; aus ihr strömt alles Gedeihen herab , und sie zieht wieder alle Lebenskraft an sich ; sie ist abwechselnd das Edelste und Schlechteste , Heil und Unheil und in sich selbst ein Rätsel . - Wir verlassen ein Landhaus . Türen , Fenster , Läden , alles wird dicht , fast hermetisch verschlossen ; kein Sonnenstrahl , kein Luftzug fällt in den verfinsterten Saal ; - treten wir nun nach Jahren in dieses Gemach , so befällt eine beklemmende Angst unsere Brust , ein schwermütiger Lebensüberdruß bedrückt uns ; wir fühlen , wir atmen eine tote Luft ein , ein verwesetes Element . Und woher kommt nun der fußhohe Staub , der auf dem Boden und auf allen Tischen so widerwärtig liegt ? Wie hat dieser sich erzeugt ? - In jedem Gemach , welches lange verschlossen war , empfinden wir in geringerem Grade etwas Ähnliches . Man weicht vor pestilenzialischen Gerüchen mit Abscheu zurück , aber weil das Ungesunde der Luft weder Auge noch Nase so deutlich empfindet , vertrauen wir uns ihr oft mit tadelnswürdigem Leichtsinn . « » Sie könnten uns ganz ängstlich machen « , sagte die Tante wieder ; » unmöglich kann man so genau auf sich achtgeben . « » Und soll es auch wohl nicht immerdar « , fuhr der Professor fort ; » wer aber so fein , oder so krankhaft organisiert ist , daß er diese Unterschiede dunkler , oder deutlicher fühlt , dem soll man diese Krankheit nicht abstreiten , oder ihn gar davon bekehren wollen . Und nun noch der feine , giftige , arsenikalische Zugwind ! Von dem gewöhnlichen , der den meisten Sinnen fühlbar ist , will ich jetzt gar nicht einmal sprechen . Aber , wer hat es nicht einmal , in der Krankheit wenigstens , erlebt , daß aus einer dicken , festen Mauer eine Luftzug strömt , fühlbar , unverkennbar ? Man hat es zuvor an dieser Stelle nie gespürt , auch scheine es dort unmöglich . Es muß Strömungen der Atmosphäre geben , die auf unbegreifliche Weise auch durch feste Mauern dringen , oder die Luft reflektiert