soll . Außer Theobald und etwa einem andern früheren Vertrauten kannte ihn jedoch keine Seele von dieser schwermütigen Seite , er wußte sie trefflich zu verbergen , und sein Betragen auf diesen Punkt gab selbst dem Menschenkenner niemals eine Blöße . Inzwischen war der gute Einfluß nicht zu mißkennen , den Noltens Umgang , sein kräftiger Sinn , auf jenes verdunkelte Temperament ausübte , denn wenngleich unser Maler selbst an einer gewissen Einseitigkeit leiden mochte , so war doch sein sittlicher Grundcharakter unerschütterlich , und ein Streben nach voller geistiger Gesundheit beurkundete sich zeitig in der mehr und mehr zum Allgemeinen aufsteigenden Richtung seiner Kunst , mit Bereinigung alles dessen , was ihm von einer phantastischen Entwicklungsperiode noch anklebte . Larkens schöpfte mit Lust aus dieser Quelle ein reines Wasser auf sein dürres Land , er hielt sich leidenschaftlich an den neuerworbenen Freund , ohne doch diese Inbrunst stürmisch im Worte zu verraten ; vielmehr geriet er unwillkürlich in die gemäßigte Rolle eines Mentors hinein , eines Meisters , welcher durch eigenen unsäglichen Schaden klug geworden , dem Jüngern gar wohl gelegentlich auf die rechte Spur helfen zu können glaubt . Und indem er so am raschen Strom eines in jugendlicher Fülle strebenden Geistes teilnahm , erwuchs ihm ein neues Zutrauen zu sich selber , die Schuppen seines veralteten Wesens fielen ab , eine frische Bildung erschien darunter . Immer seltener wurden jene selbstquälerischen Ausbrüche , ja sie verschwanden zuletzt völlig ; was Wunder , daß nun ein Gefühl von Dankbarkeit ihn unserem Freunde auf ewig verband , daß er sich ' s zur Pflicht machte , mit aller Kraft für das Wohl des Geliebten zu arbeiten ? Mögen wir auch an einem auffallenden Beispiele , das er von diesem warmen Eifer gab , einen Hang zum Seltsamen keineswegs verkennen , so war die Intention dennoch die lauterste brüderlichste , und wer wollte ihm verargen , wenn er bei der zarten Pflege , die er einem gebrochenen Liebesverhältnis widmete , zugleich seinem Herzen den Triumph bereitete , welcher in dem Zeugnis lag , daß er als ein vielversuchter Abenteurer sich dennoch mit unschuldiger Innigkeit an der eingebildeten Liebe eines engelreinen Wesens erfreuen konnte , eines Mädchens , das er nie mit Augen gesehen und an dessen Besitz er niemals gedacht hatte , so wünschenswert er auch erscheinen mochte . Gerne begnügte er sich mit der Fähigkeit , ein schönes Ideal noch in sich aufnehmen und außer sich fortbilden zu können ; er fing an , mit sich selber , mit der Welt sich zu versöhnen . So weit war alles in gutem Geleise : nun aber herausgerissen aus aller Tätigkeit , aus einem gesellig zerstreuenden Leben , dem Elemente seines Daseins , gefoltert überdies von dem Gedanken , einem teuren Freunde Veranlassung zu bedenklichem Unfalle geworden zu sein , erwehrte er sich eines allgemeinen Trübsinnes nicht mehr , die alten Wunden brachen wieder auf , geschäftig wühlte er darin , Vergangenheit und Gegenwart flossen in ein grinzendes Bild vor ihn zusammen , er betrachtete sich als den elendesten der Menschen , er verlor sich mit Wollust in der Vorstellung , daß dem Manne , durch Schuld und Jammer überreif , die Macht gegeben sei , das Leben eigenwillig abzuschütteln . Je gewisser er im äußersten Falle auf diese letzte Freistatt rechnen konnte , und je ruhiger er nach und nach den entsetzlichen Gedanken beherrschen lernte , desto mehr gewann sein Gemüt auf der andern Seite an Freiheit und an Mut , die nächste Zukunft duldend abzuwarten ; sein Zustand wurde milder , sogar heiterer . Eine unerwartete Unterbrechung dieses brütenden Stillesitzens , so angenehm sie erschien , wollte ihn doch beinahe störend überraschen , da er die ersten Fäden einer allmählichen Verpuppung durch den Zudrang frischen Lebenshauches wieder zerrissen , und sich selbst zu neuer Hoffnung aufgemuntert sah . Denn eines Morgens , in der vierten Woche der Gefangenschaft , trat der Kommandant ins Zimmer , mit der Nachricht : es solle beiden Herren erlaubt sein , zuweilen einen und den andern Freund bei sich zu sehen , doch jeder nur auf seinem eigenen Zimmer und ohne daß die Gefangenen selbst zusammengeführt würden Larkens dankte so gut er konnte , besonders verdroß ihn die letzte Bedingung ; auch hatte der Offizier einem weiteren guten Vorurteil , das man aus dieser Vergünstigung ziehen mochte , nicht undeutlich vorgebeugt , und überdies vermutete Larkens , daß man diese Gunst nur der besonderen Attention des Herzogs gegen Nolten zu verdanken habe . Den ersten Abend brachten Ferdinand und Leopold bei Theobald zu , den folgenden bei dem Schauspieler , wozu sich noch ein dritter Freund anschloß . So lebhaft ein solches Wiedersehen sein mußte , so freundlich die lieben Gäste mit Neuigkeiten aller Art und mit dem besten Weine zu Belebung der Gemüter das Ihrige taten , so war es doch nur erzwungene Freude , und Theobald wußte sich um so weniger zu lassen , da er gleich anfangs hören mußte , daß sein Billett an Zarlin zwar angenommen worden , daß jedoch bei einem Besuche , welchen Leopold im Hause gemacht , der Graf bloß ein allgemeines , ziemlich kühles Bedauern geäußert habe . Insofern Leopold nichts von der wahren Beziehung wissen sollte , welche Noltens Interesse für jene Familie hatte , so konnte dieser nur durch entfernte Fragen herauslauschen , daß Constanze gar nicht sichtbar , auch keine Rede von ihr gewesen sei . Diese Lage der Dinge drückte nun freilich schwer auf das Herz des geängstigten Liebhabers , aber wie ward ihm vollends zumute , als der Bildhauer sein vor einigen Wochen schon gemachtes Anerbieten wiederholte , einen Brief an Agnes zu besorgen , ja als er gutmütig äußerte , wie er die ganze Zeit her im Zweifel gewesen , ob er nicht selbst diese Pflicht übernehmen und dem Vater des Mädchens die leidigen Begebenheiten schonungsvoll beibringen solle , wie ihn aber ein Wort , das Larkens gleich anfangs hierüber fallenlassen , dennoch beruhigt habe . » Jawohl « ,